6. November 2026: 150. Jahrestag der Gründung der Karlshöhe Ludwigsburg (06.11.1876)

Wie die Olgaschwestern auf die Darstellung der frühen Karlshöhe (oben rechts) kamen, sollte wohl als Referenz an Königin Olga, respektive das Herrscherpaar, gedeutet werden. Königin Olga stiftete den Schwestern 1877 ein Haus in Heilbronn (das „Olgahaus“). 1894 zogen die Krankenschwestern, die mittlerweile unter „Olgaschwestern“ firmierten, nach Stuttgart und bekamen ihre eigene Ausbildungsstätte: das Karl-Olga-Krankenhaus.
Wie die Olgaschwestern auf die Darstellung der frühen Karlshöhe (oben rechts) kamen, sollte wohl als Referenz an Königin Olga, respektive das Herrscherpaar, gedeutet werden. Königin Olga stiftete den Schwestern 1877 ein Haus in Heilbronn (das „Olgahaus“). 1894 zogen die Krankenschwestern, die mittlerweile unter „Olgaschwestern“ firmierten, nach Stuttgart und bekamen ihre eigene Ausbildungsstätte: das Karl-Olga-Krankenhaus.

„Mit Herz, Verstand und Nächstenliebe“

Dieses Motto der Karlshöhe ist wohl in den Anfangszeiten nach 1876 als Ausspruch eines Diakons entstanden und wurde gerne weiter tradiert für die Kinder-Rettungs-Anstalt für „verwahrloste Kinder“ und die Brüder-Bildungs-Anstalt. Die Qualifizierungen waren und sind von großer Bedeutung für Staat und württembergische Kirche; unterscheiden die Karlshöhe von anderen Gründungen im 19. Jahrhundert.

Die Lage der Einrichtung

Wer auf der B 27 von Stuttgart Richtung Ludwigsburg unterwegs ist, an Kornwestheim vorbeifährt, sieht sie noch sanft auf dem Hügel liegen – die Gebäude der Stiftung Karlshöhe. Traditionsreiche diakonische Komplexeinrichtung und segensreiche Heimat von Hunderten von Diakonen und Diakoninnen.

Begonnen hatte alles am 6. November 1876. Die Gründung war eher untypisch für die Innere Mission. Auf der Karlshöhe waren es nicht die männlichen oder weiblichen, jedenfalls charismatischen Gründungspersönlichkeiten à la Wichern, Fliedner, Gustav Werner (Reutlingen) oder Wilhelmine Canz (Großheppach), die im Alleingang agierten. Es gab Vorläufer und den Willen der Südwestdeutschen Rettungshauskonferenz (Stuttgart 1869; Speyer 1873) zur Gründung einer dringend benötigten „Brüderbildungsanstalt“ und eines weiteren der legendären württembergischen Rettungshäuser (20 Stück bis 1848). Ein solches sogar mit dem modernen Familienprinzip in der Betreuung für die weltliche und ewige Rettung der Kinder sollte es werden.

Nach einem Besuch in Hamburg im Rauhen Haus war alles geplant worden: Die Backsteinhäuschen („das Höfle“), Kindergruppen, Diakonenwohnungen und der Betsaal. Das „Haus am Salon“ wurde 1879 gekauft, die Kirche wurde 1931 errichtet. Die akkuraten Bauerngärten, die planvoll gestaltete Natur jenseits des „Molochs“ Stadt wurden angelegt. Landwirtschaft betrieben. Die Ideale der Inneren Mission innerlich wie äußerlich verwirklicht.

Gruppenbild der Diakone mit Direktor Adolf Schlitter
Gruppenbild der Diakone mit Direktor Adolf Schlitter

Ludwigsburg als Stadt der Liebestätigkeit

Es vollendete sich eine beeindruckende Geschichte in Ludwigsburg, ausbuchstabiert an Personen wie der britisch-hannoverschen Königswitwe Charlotte Auguste Mathilde (1766-1828) und ihren reichen Gaben, der wohltätigen Ludwigsburger Zivilgesellschaft, Oberjustizrat Max von Klett (1788-1851) und dem frommen Arzt, Philanthrop und Stundenmann mit dem auf August Hermann Francke (1663-1827) verpflichtendem Namen, August Hermann Werner (1808-1882). Werner stand für ein Kinderspital für be*hinderte, „skrofulöse“ (eine Art von Tbc) Kinder, für auswärtige Solebäder, für den Versuch der Gründung eines Diakonissenhauses, für die Rettungsanstalt Mathildenstift und mehr. Die Wernersche Kinderheilanstalt war deutschlandweit die erste Einrichtung dieser Art; Rettungshäuser nahmen keine Kinder mit Behinderung auf.

Bedürfnisse und Wünsche

Etwas nüchterner formuliert, waren da „örtliche Bedürfnisse“ und überregionale Wünsche nach Ausbildung. Der Beginn war zunächst auf der Gemarkung Kornwestheim mit Unterstützung und unter dem Protektorat des Königspaares Karl Friedrich Alexander (1823-1891) und Olga Nikolajewna Romanow (1822-1892). Maßgeblich waren Geld (19.000 Gulden) und Protektion der Königin Olga – eine der typischen aus Russland kommenden, philanthropisch gesinnten Gattinnen des jeweiligen Herrschers im dualen Wohltätigkeitssystem Württembergs: lokale Obrigkeit wurde zum Guten verpflichtet, das Königshaus zahlte. Zum Gründungsgottesdienst erschienen die hohen Herrschaften verspätet, nämlich erst zum Fürbittengebet – dem vorwitzigen Journalisten, der dies ausplauderte, gebührte eine Rüge. Der Bürgermeister von Ludwigsburg wurde schon mal zum Oberbürgermeister ernannt, Orden verteilt. Geld zugesagt. 1906 kam die Karlshöhe zu Ludwigsburg.

Das leitende „Komitee“ der Karlshöhe war ein „Who‘s Who“ der Inneren Mission und Landeskirche: u. a. Prälat Kapff, der Ludwigsburger Dekan Raiffeisen, Pfarrer Neef, Regierungsrat Clausnitzer, Dr. A. H. Werner, Generalleutnant Baur. Dazu ein Bauer, „ein Nadler“ und ein Geschäftsmann.

V. Kurs in der Krankenpflegeausbildung
V. Kurs in der Krankenpflegeausbildung

Bedeutung für Wohlfahrtsstaat und Württembergische Landeskirche

Wichtige Impulse gingen von der Karlshöhe aus: Professionalisierung und Dienst im Wohlfahrtsstaat, Bereitstellung von Hunderten von Diakonen für die Landeskirche mit Einsegnung seit 1944. Anerkannte Leistungen lagen auf dem Gebiet von Krankenpflege, Felddiakonie, Sozialer Arbeit, Gemeindearbeit und Katechetik. Die verschiedenen Direktoren, neuerlich eine Direktorin, verfolgten konsequente Ausbildung und Qualifizierung der Diakone: Fachschule, Fachhochschule bis zur landeskirchlichen Evangelischen Hochschule mit entsprechenden akademischen Abschlüssen. Seit 1971 war Platz für Frauen in den Ausbildungsgängen der Karlshöhe.

Geschichte. Berechtigter Stolz und nicht verschwiegene Last

Die Jahre nach 1933 waren auch auf der Karlshöhe zunächst von Begeisterung für den neuen Staat und eine „Volksmissionskirche“ (Häusler) geprägt. Im „Rauschen der Zeit“ wurde „die Stimme unseres Gottes gehört“. Zumindest zunächst. Dann folgte die Annäherung an den Kurs der Württembergischen Landeskirche. Die Klienten im „Männerkrankenhaus Salon“ wurden alle geschützt, ein früherer Diakon, Wilhelm Breier, wurde im Stich gelassen und fand in Grafeneck den Tod.

Die Karlshöhe stellt sich stets offensiv ihrer Geschichte: NS-Verstrickungen oder pädagogische Härten im Kinderheim („Kein Zuhause für die Tränen“).

Karlshöhe heute

Zu den sechs Geschäftsbereichen der heutigen Karlshöhe mit ca. 750 Mitarbeitenden und 1.200 Klient*innen gehören Jugendhilfe, Altenhilfe, Berufliche Rehabilitation und Integration, soziale Dienstleistungen für Menschen mit Behinderungen, Senioren, Kinder und Jugendliche sowie Menschen in besonderen sozialen oder psychischen Schwierigkeiten. Weiterhin werden Studierende der Evangelischen Hochschule auf dem Weg in den Diakonat begleitet und für den Dienst in der Landeskirche eingesegnet.


Prof. Dr. J. Thomas Hörnig

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