Interview: Wie Friedhöfe Räume für Begegnung werden können

„Ein Friedhofscafé lädt dazu ein, miteinander ins Gespräch zu kommen, neue Kontakte zu knüpfen und zu erleben: Ich bin nicht allein.“ 

Friedhofscafés können Raum für Begegnung, Gemeinschaft und gegenseitige Unterstützung schaffen. Im Interview erklärt Jürgen Jakob Kehrer, Referent für Besuchsdienst, Briefseelsorge, FreshX, Coworking und Kirchliche Dienste im Gastgewerbe der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, warum Friedhöfe weit mehr sind als Orte des Abschieds, und wie Gemeinden mit einfachen Mitteln ein Friedhofscafé aufbauen können. 

Jürgen Jakob Kehrer, Referent für Besuchsdienst, Briefseelsorge, FreshX, Coworking und Kirchliche Dienste im Gastgewerbe
Jürgen Jakob Kehrer, Referent für Besuchsdienst, Briefseelsorge, FreshX, Coworking und Kirchliche Dienste im Gastgewerbe

Was genau ist eigentlich ein Friedhofscafé? Was spricht dafür, ausgerechnet einen Friedhof als Ort für Gespräche und Begegnung neu zu entdecken? 

Jürgen Jakob Kehrer: Ein Friedhofscafé ist ein offenes und niedrigschwelliges Begegnungsangebot auf oder in unmittelbarer Nähe eines Friedhofs. Mit einigen Tischen und Stühlen, einer Tasse Kaffee oder Tee und Menschen, die Zeit zum Zuhören haben, entsteht ein Raum für Gespräche, Begegnung und Gemeinschaft. 

Viele Menschen besuchen regelmäßig den Friedhof. Sie kommen, um an Verstorbene zu denken, Ruhe zu finden oder sich mit ihrer eigenen Lebensgeschichte zu verbinden. Gerade ältere Menschen sind nach dem Verlust eines Partners oder einer Partnerin oft allein. Hier kann ein Friedhofscafé eine wichtige Brücke sein. 

Der Friedhof ist dabei mehr als ein Ort des Abschieds. Er ist auch ein Ort des Lebens, der Erinnerung und der Begegnung. Viele Friedhöfe sind grüne (und damit auch kühle) Oasen mitten in unseren Städten und Dörfern. Ein Friedhofscafé lädt dazu ein, miteinander ins Gespräch zu kommen, neue Kontakte zu knüpfen und zu erleben: Ich bin nicht allein. 

Gibt es Unterschiede zwischen einem Friedhofscafé und der Trauerhilfe durch etwa ausgebildete Trauerbegleiter? 

Kehrer: Es gibt einen wichtigen Unterschied: Ein Friedhofscafé ist kein therapeutisches oder seelsorgliches Spezialangebot und ersetzt keine fachlich begleitete Trauergruppe. 

Das Friedhofscafé versteht sich vielmehr als offener Begegnungsort. Menschen dürfen über ihre Trauer sprechen, müssen es aber nicht. Manche erzählen von ihrem verstorbenen Ehepartner, andere sprechen über die Enkelkinder, den Garten oder aktuelle Ereignisse. Alles hat Platz. 

Gerade diese Offenheit macht den besonderen Wert des Angebots aus. Es ermöglicht Begegnungen ohne Verpflichtung und ohne Schwellenangst. Oft entsteht aus einem einfachen Gespräch neue Zuversicht, manchmal auch der Mut, weitere Unterstützung in Anspruch zu nehmen. 

Was braucht eine Gemeinde, um mit einem Friedhofscafé zu starten? Was wären die ersten drei Schritte, die Sie empfehlen würden? 

Kehrer: Meine Empfehlung lautet: klein anfangen und Erfahrungen sammeln. Zwischenzeitlich gibt es ca. 20 Friedhofscafes in Württemberg. Einfach mal bei einem Friedhofscafe in der Umgebung vorbeischauen und sich dort inspirieren lassen.  

  1. Verbündete suchen. 
    Ein Friedhofscafé lebt von Menschen. Deshalb sollte zunächst ein kleines Kernteam aus Ehrenamtlichen und möglichen Kooperationspartnern entstehen, beispielsweise aus Kirchengemeinde (gerne auch ökumenisch), Krankenpflegeverein, Hospizdienst, CVJM, Bürgerverein oder Kommune.
  2. Einen geeigneten Ort finden und ein einfaches Konzept entwickeln. 
    Oft reichen wenige Tische, Stühle, Kaffee, Tee und etwas Gebäck. Weniger ist häufig mehr. Entscheidend ist die einladende Atmosphäre und die Offenheit und Freude der Mitarbeitenden.
  3. Mit einem Pilotprojekt starten. 
    Vielleicht auch mal mit einem Termin starten. An einem passenden Termin im Sommerhalbjahr. So kann eine Gemeinde ausprobieren, wie das Angebot angenommen wird und welche Erfahrungen vor Ort gemacht werden. 

Gibt es auch Hürden? 

Kehrer: Natürlich. Manchmal begegnet die Idee zunächst Skepsis. Manche Menschen fragen sich, ob Kaffee und Gespräche überhaupt auf einen Friedhof gehören. Deshalb ist es wichtig, die Idee verständlich zu kommunizieren und die Menschen hinter dem Projekt sichtbar zu machen. 

Eine weitere Herausforderung besteht darin, Ehrenamtliche zu gewinnen und organisatorische Fragen wie Genehmigungen, Ausstattung oder Finanzierung zu klären. Diese Aufgaben sind jedoch gut lösbar, wenn Kirche, Kommune und andere lokale Akteure zusammenarbeiten. Vor allem das Friedhofsamt vor Ort sollte frühzeitig eingebunden werden. 

Unsere Erfahrungen zeigen, dass viele Vorbehalte verschwinden, sobald Menschen das Friedhofscafé erlebt haben. Die ruhige Atmosphäre, die wertschätzenden Begegnungen und die positiven Rückmeldungen sprechen oft für sich. 

Was würden Sie einer Kirchengemeinde sagen, die sich noch nicht sicher ist, ob ein Friedhofscafé zu ihr passt? 

Kehrer: Ich würde sagen: Probieren Sie es aus. Kirche war immer dort stark, wo sie Menschen begegnet ist. Ein Friedhofscafé ist eine einfache und zugleich sehr berührende Möglichkeit, Gemeinschaft zu fördern. Es verbindet Menschen unterschiedlicher Generationen und Lebensgeschichten und schafft einen Raum für Gespräche über das Leben, die Hoffnung und manchmal auch über Verlust und Trauer. 

Man muss nicht sofort ein großes Projekt aufbauen. Oft genügt ein Nachmittag mit Kaffee, Tee und offenen Ohren. Was daraus entsteht, entscheidet nicht die Planung allein, sondern die Begegnung der Menschen vor Ort. 

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