Stuttgart/Filderstadt. Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl war am 21. Oktober 2026 zu einem Austausch mit Schülerinnen und Schülern der Abschlussjahrgänge des Elisabeth-Selbert-Gymnasiums in Filderstadt eingeladen. Schwerpunkt dieses Gesprächs waren Wehrdienst und Zivildienst. Diese Jahrgänge hatten bereits die Karten mit dem Musterungsbescheid erhalten. Die Schülerinnen und Schüler überraschten Gohl damit, dass sie fast einhellig einen verpflichtenden Wehr- und Zivildienst für alle forderten – man bekomme sehr viel von dieser Gesellschaft und solle auch etwas zurückgeben. In folgendem Interview berichtet Landesbischof Gohl von seinen Eindrücken.
Herr Landesbischof, für Ihren Jahrgang gab es noch die allgemeine Wehrpflicht, aber auch die Möglichkeit der Verweigerung. Wie haben Sie entschieden?
Gohl: Wer damals verweigerte, musste sich einer harten Gewissensprüfung stellen, bei der andere über die Stichhaltigkeit der Argumente entschieden. Ich habe damals den Wehrdienst verweigert. Als angehender Theologiestudent wäre ich von der Wehrpflicht befreit gewesen, wollte aber gleichbehandelt werden wie meine Klassenkameraden. Deshalb habe ich Zivildienst im Rettungsdienst geleistet. Diese Zeit und diese Erfahrungen möchte ich nicht missen. Beispielsweise zum ersten Mal im Leben verbindlich jeden Tag da sein zu müssen und vor allem Verantwortung zu übernehmen. Unser Sohn hat später Wehrdienst geleistet. Seine Argumente konnte ich gut nachvollziehen. Heute würde ich möglicherweise auch eine andere Entscheidung treffen, zugunsten des Wehrdienstes.
Die Gewissensprüfung war auch in Filderstadt Thema. Welche Haltung haben Sie dazu?
Gohl: Auf die Gewissensprüfung musste man sich damals intensiv vorbereiten und Argumentationen einüben. Und dann entschieden andere, ob das glaubhaft ist. Ich bin der Überzeugung: Ein Gewissen kann man nicht prüfen. Das ist mir aus der damaligen Praxis dieser Befragungen deutlich geworden. Ich habe Respekt vor allen Entscheidungen.
Was hat Sie im Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern am meisten überrascht?
Gohl: Ziemlich einhellig waren alle für einen verpflichtenden Wehr- und Zivildienst. Und diese Pflicht sollte nach Meinung der Gymnasiastinnen und Gymnasiasten nicht nur für junge Männer gelten, das war besonders den Schülerinnen wichtig. Es sei gerechter, wenn es alle Geschlechter beträfe. Ebenso klar sagten mehrere, es sei ihnen wichtig, etwas für andere zu tun. Von der Gesellschaft und vom eigenen Land erhalte man viel und man wolle auch etwas zurückgeben. Gerade im Zivildienst bekäme man auch sehr viel zurück. Jemand drückte es sehr persönlich aus: Ich möchte nicht unbedingt ein Jahr verschwenden, aber ich finde es nicht richtig, mich zu entziehen.
Sehen die Schülerinnen und Schüler in der Frage des Wehrdienstes für Christen denn kein Spannungsfeld mehr?
Gohl: Diesen Eindruck hatte ich nicht. Als sie nach der christlichen Perspektive auf den Wehrdienst gefragt wurden, kamen sehr differenzierte und abgewogene Antworten. Sie beschäftigt durchaus die Frage nach der Nächsten- und auch die nach der Feindesliebe, die Christen aufgetragen ist. Aber sie meinten, dass man lebensbedrohliche Aggressionen ebenso ernst nehmen und sich gegen sie wehren müsse. Durch den Wehrdienst könne man den Nächsten schützen, meinte einer, aber man müsse auch mit der Spannung umgehen, die in diesen Geboten liege. Menschen zu beschützen, gehöre ebenso zum christlichen Glauben wie die Freiheit zu sichern und anderen nicht die Macht zu geben, über unser Leben zu bestimmen.
Kam das Thema Angst auch zur Sprache?
Gohl: Oberkirchenrätin Carmen Rivuzumwami, unsere Bildungsdezernentin, hat die Jugendlichen direkt gefragt: „Macht euch das Sorge, dass eine Kriegssituation realistischer, näher wird?“ Eine Antwort lautete: „Ich spüre keine Angst, aber Sorge macht es schon.“ Eine andere: „Die Bedrohungen ändern sich, sind unberechenbarer.“ Und: „Das Gruseligste ist, dass im Moment eine Situation ist, in der man nicht wirklich etwas machen kann.“ Dann ging es sofort um die Frage, woher sie ihre Informationen beziehen. Die prompte Antwort war: „Über Social Media, aber man muss vorsichtig sein.“ Sie nannten auch bekannte Quellen wie den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk, die Tagesschau-App sowie weitere Nachrichtenkanäle wie ABC oder die BBC. Die Jugendlichen sind sich im Klaren, dass sie keine Quelle genau kontrollieren können. Ebenso war das Thema hybride Kriegsführung kein Fremdwort.
Wie sehen diese jungen Menschen die Aufgabe der Kirche?
Gohl: Sie erwarten, dass die Kirche Halt gibt, Seelsorge anbietet. Die Kirche solle dieses Thema nicht als Konfliktfeld angehen, sondern Raum für eigene Entscheidungen bieten. Gerade beim Wehrdienst – das wurde wiederholt gesagt – solle die Kirche keine Vorschriften machen, sondern jedem die Wahl lassen. Oder wie es ein Schüler ausdrücke, „das Rückgrat stärken und die Freiheit belassen“. Eine andere Schülerin meinte: „Nicht bevormunden, auch nicht beim Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ).“ Mehrfach hörte ich, dass Kirche nicht politisch sein soll. Aber auch, dass Kirche eine politische Verantwortung trage. Nicht tages- oder parteipolitisch, aber es gebe, so die Schülerinnen und Schüler, Themen, zu denen sie klar Stellung beziehen solle.
Dan Peter
Sprecher der Landeskirche
HINWEIS: Bilder von Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl finden Sie im Pressebereich unserer Webseite.