Jahreslosung 2016

„Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ (Jesaja 66,13)

Die Jahreslosung 2016 steht in Jesaja 66,13 und lautet: „Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Für Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July gibt der Prophet damit eine Antwort auf die große Menschensehnsucht nach Trost in einer trostlosen Welt. Eine Auslegung.

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© Brunnen Verlag

„Wo fänd ich Trost, wärst du, mein Gott, nicht hier? 

Hilf dem, der hilflos ist: Herr, bleib bei mir!“*

Dieses schöne Abendlied, übertragen aus dem Englischen, spricht vom Trost, der in diesem Lied nur bei Gott zu finden ist. Es verbindet in ganz eigener Weise und sehr anrührend die Fragen nach dem Trost mit Gott. 

Vieles sieht so trostlos aus in unserer Welt. Zerstörte Häuser in Kriegsgebieten, verlassene Städte und Landschaften nach Katastrophen; Kindersoldaten mit leeren Augen; Menschen, die von anderen benutzt und erniedrigt werden; Frauen und Männer, die keinen Weg mehr sehen und trostlos sind. „Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt“ – so heißt es in dem Adventslied „O Heiland, reiß die Himmel auf“.

Die biblische Sprache unserer Jahreslosung weiß von der großen Menschensehnsucht nach Trost. Der Prophet Jesaja verstummt nicht, sondern breitet das Wort des Trostes wie einen bergenden, wärmenden Mantel über die Schultern der Fragenden, Bittenden, Suchenden aus, als ob er sagt: „Denkt an eure ersten Erfahrungen im Leben zurück. Die Mutter trägt euch, hebt euch auf, tröstet euch, wenn ihr weint.“ Dass es Menschen gibt, die unter dem Trauma eines solch fehlenden Muttertrostes leiden, zeigt, wie wichtig solcher Trost ist.

Jesaja richtet die Worte damals an die Israeliten, die sich nach ihrer Heimat sehnen. Jerusalem wird die Stadt sein, an der sie getröstet werden sollen. 

Das Bild Gottes „wie eine Mutter“ begegnet noch öfter im Jesajabuch. Es zeigt eine zärtliche, mütterliche Erfahrung der Gotteswirklichkeit: Gottes Geleit und Zuspruch führen über Schmerztiefe und wankenden Boden, über Vergeblichkeitserfahrung und tiefe Enttäuschung. Man kennt die Redewendung: Ach, das ist doch nur eine Vertröstung. Jemand fühlt sich vertröstet auf einen späteren Zeitpunkt. Vertröstung klingt nach schneller Entsorgung einer Problemsituation. 

Wahrer Trost dagegen bedeutet, jemandem zu vertrauen. Daher rührt nämlich das mittelhochdeutsche Wort: von „treu“ und „trauen“. Wer Trost empfängt, der hat einen Menschen, an den er sich halten kann. Einen Menschen, der den Kummer mit aushält. Der in Zeiten von Angst und Sorge einfach nur da ist. Der sich auf meine Sorge einlässt und sie trägt und mit mir und für mich sorgt. Jesus Christus am Kreuz. Das ist ein schweres Bild des Leidens. Aber es ist in Fortsetzung des Jesajawortes auch ein Bild der mütterlichen Sorge für mich. Er breitet die Arme für mich aus und trägt Lasten für mich.

Wer auf Gott vertraut, der erfährt Trost. Der Dichter des Kirchenlieds „Bleib bei mir Herr“, Henry Francis Lyte, hat mehrere Schicksalsschläge erlebt. Seine Eltern starben früh. Sein einziges Kind starb im Säuglingsalter. Und schließlich erkrankte er mit 54 Jahren an Tuberkulose. Am Nachmittag nach seiner Abschiedspredigt schrieb er diese Worte: „Wo fänd ich Trost, wärst du, mein Gott, nicht hier? Hilf dem, der hilflos ist: Herr, bleib bei mir!“ In der Anwesenheit Gottes findet Lyte Trost. Die Worte erinnern an die letzten Worte Jesu am Kreuz: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Jesus selbst erlebt die größte Einsamkeit. Er sehnt sich nach Gottes Trost. Im Griechischen heißt „Trösten“ parakalein, was so viel bedeutet wie „herbeirufen“. Der Tröster ist der herbeigerufene: „Herr, bleib bei mir“. 

Jesaja ruft das Bild des Trostes herbei: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“. Noch einmal steht mir das Bild vor Augen: das weinende Kind, das schluchzt und sich kaum beruhigen kann. Da legt die Mutter warm die Arme um das Kind. Es atmet auf. Mehr braucht es nicht, um Gottestrost im Menschenleben zu beschreiben. Eine Beschreibung, eine Erfahrung, eine Erinnerung, die weiterträgt.

Quelle:
Christoph Morgner (Hg.)
„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“
Das Lesebuch zur Jahreslosung 2016
Brunnen Verlag