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„Benjamin“ wird 30 - und bleibt jung

Evangelische Kinderzeitschrift feiert Jubiläum - Seit Jahren in Stuttgart zuhause

Kirchenmaus Benjamin wird 30.Youtube

Stuttgart/Weimar. 30 Jahre nach ihrem ersten Erscheinen ist die evangelische Kinderzeitschrift „Benjamin“ in der Zukunft angekommen: „Wir denken über die Einführung einer ,Hallo-Benjamin-App' für größere Kinder und Teenager nach“, sagt Geschäftsführer Frank Zeithammer vom Verlag Evangelische Gemeindepresse GmbH in Stuttgart. Außerdem soll der Inhalt der Zeitschrift ökumenischer werden.

Es war im März 1990, nur vier Monate nach dem Mauerfall. Das Land, besonders der Osten Deutschlands, war in Aufruhr. Die kleine Susanne auch. Was lag da für die Zwölfjährige näher, als der gerade neu erschienenen evangelischen Kinderzeitschrift „Benjamin“ einen Leserbrief mit ihren Fragen zu schreiben. „Was ist mit Gorbi los? Klärt uns doch mal über die Situation in der Sowjetunion auf. Ich versteh das alles nicht.“

Auch der zehnjährige Benjamin meldet sich zu Wort. Er hat andere Sorgen. „Ich heiße auch Benjamin und finde die Zeitung sehr gut“, schreibt er. Besonders die Geschichte von der Kirchen-Maus Amalie gefalle ihm. Denn auch er besitze eine Maus. Die allerdings heißt Pepino. Doch viele wahre Geschichten könne er auch über sie schreiben, zum Beispiel wie Pepino Kapitän auf dem Segelboot in der Badewanne war.

Dietlind Steinhöfel war die Gründungs-Chefredakteurin von „Benjamin“privat

Erste evangelische Kinderzeitschrift

Dietlind Steinhöfel, der Initiatorin und Chefredakteurin der neuen Zeitschrift, hat das gefallen. Wollte sie doch eine christliche Zeitschrift für Kinder machen, die mitten im Leben verortet ist. Anfang März 1990, der ostdeutsche Markt wurde in dieser Zeit von westlichen Hochglanzzeitungen zu Dumpingpreisen überschüttet, hatte sie die ersten druckfrischen Exemplare von „Benjamin“ aus der Druckerei in Gera in Empfang genommen - und war mit gutem Grund auch stolz darauf.

„Benjamin“ war ein Novum auf dem Zeitschriftenmarkt. War es doch die erste evangelische Zeitschrift für Kinder in Deutschland.

Sie erschien zweifarbig im schmalen rheinischen Format und kostete stolze 60 Ost-Pfennige. Mit ihren acht Seiten, die bald auf 16 Seiten erweitert wurden, bot das neue Blatt so manches, was das Kinderherz begehrte. Kein Religionslehrerblatt sollte es sein, sagt Dietlind Steinhöfel im Rückblick, und keine fromme Erbauung.

Amalie, die Kirchenmaus

Doch natürlich gab es Amalie, die Kirchenmaus, es gab biblische Geschichten. Auch die über den jüngsten der zwölf Brüder Josefs, nach dem die Zeitschrift benannt war: ein lebenstüchtiger, starker Junge, der mit seinen Brüdern über Hunderte von Kilometern nach Ägypten gewandert war.

Ein journalistisches Produkt war erschienen, das Kinder zwischen acht und zwölf Jahren vor dem Hintergrund des christlichen Glaubens ein Stück durch das Leben begleiten, ihnen Werte vermitteln wollte. Die Redaktion saß in Weimar in den Räumen der evangelischen Thüringer Wochenzeitschrift „Glaube und Heimat“, deren Redaktion Dietlind Steinhöfel bis dahin angehörte.

Hilfe von der Ost-Kirchenpresse

„Wir waren voller Illusionen, glaubten Berge versetzen zu können“, erinnert sie sich heute. „Ohne das wäre das wohl auch nicht gegangen.“ Und sie fügt vergnügt hinzu, dass die Auflage der ersten Ausgabe 30.000 Exemplare betrug.

Mit einem Bauchladen war sie durch die Straßen Weimars gelaufen und hatte die Zeitschrift angepriesen. Auch andere hatten sich für sie starkgemacht. Mitstreiterin der ersten Stunde war auf einer halben Stelle als zweite Redakteurin Christine Voigt. Der Mini-Redaktion stand ein achtköpfiger Redaktionsbeirat zur Seite. Auch die evangelische Kirchenpresse im Osten hatte sich für das Blatt eingesetzt.

Die Homepage von „Benjamin“ rückt das 30-jährige Bestehen der Kinderzeitschrift in den Mittelpunkt - und zeigt, wie das Heft ganz am Anfang aussah. Screenshot

Sogar DDR-Ministerrat unterstützt Neuerscheinung

Beispiellos war auch, dass die Regierung in Ost-Berlin schon am 4. Januar 1990 eine Lizenzurkunde mit der Nummer 1.719 ausgestellt hatte. Als kurz darauf, nach der ersten freien Volkskammerwahl in der DDR, der langjährige Chefredakteur von „Glaube und Heimat“, Gottfried Müller, Medienminister in Ost-Berlin wurde, fand die neue Zeitschrift sogar im ersten frei gewählten DDR-Ministerrat Unterstützung.

Die gab es aber auch durch die Thüringer Landeskirche, den DDR-Kirchenbund und später durch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD). Seit 1997 erschien „Benjamin“ im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP) in Frankfurt/Main. Das gab das Projekt im Dezember 2001 auf - aus finanziellen Gründen, wie es hieß. „Benjamin“ hatte damals 6.000 Abonnenten.

Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried JulyThomas Warnack

„Umzug“ nach Stuttgart

Doch die einzigartige Kinderzeitschrift sollte weiterleben - inzwischen schon 30 bewegende Jahre, in denen der Fortbestand so manches Mal am seidenen Faden hing. Und sie wird nach wie vor von Jung und Alt gern gelesen. Starkgemacht hatte sich dafür die Evangelische Landeskirche Württemberg. Herausgeber ist seit vielen Jahren der württembergische Landesbischof Frank Otfried July. „Benjamin“ erscheint im Verlag Evangelische Gemeindepresse GmbH in Stuttgart.

„Religion soll auch Spaß machen“

Die Zeitschrift, die bis heute auf 24 Seiten Wissen und christliche Werte vermittelt, gibt Spieltipps, informiert auf Themenseiten über Medien, Tiere und biblische Geschichten, es gibt Elternbriefe. Chefredakteurin Kathrin Kommerell ist auch Kinderbuchautorin. Sogar eine aktuelle TV-Serie gibt es, in der Kinder eigene Theaterstücke spielen.

Und so ist es bis heute dabei geblieben: „Religion soll den Kindern schließlich auch Spaß machen“, sagt „Benjamin“-Gründerin Dietlind Steinhöfel, die heute auch im Beirat sitzt und nach wie vor für die Zeitschrift schreibt.

 

„Benjamin“ hat auch einen eigenen Youtube-Kanal.Youtube

Mehr Raum für Ökumene

Für Verlagsgeschäftsführer Frank Zeithammer steht fest, dass „Benjamin“ auch in Zukunft Kinder an die christliche Botschaft heranführen soll: „Begriffen wie Vergebung und Barmherzigkeit begegnen Kinder vielleicht zum ersten Mal in unserem Heft, und die passenden biblischen Geschichten sind auch vielen Eltern heute noch nicht oder nicht mehr bekannt“, meint Zeithammer.

Geschäftsführer Frank ZeithammerCorinna Schmid/elk-wue.de

Print bleibt, App kommt

Perspektivisch soll die Zeitschrift aber ökumenischer ausgerichtet werden: „Heute sind nur bei ungefähr der Hälfte der evangelischen Trauungen beide Partner evangelisch“, begründet der Geschäftsführer. „Darauf wollen wir reagieren und zunehmend interkonfessionelle und interreligiöse Themen in den Blick nehmen, dabei den Kindern die Unterschiede erklären und auch immer das Verbindende betonen.“

Dabei will der Verlag auch langfristig an der Print-Ausgabe festhalten, betont Zeithammer. Es sei wichtig, „dass Grundschüler noch ein gedrucktes Heft bekommen, damit sie nicht nur zum Lesen, sondern auch zum Malen, Schreiben und Basteln angeregt werden“.

Andererseits müsse der Verlag auch den „Digital Natives“ gerecht werden: „Da drei von vier Kindern, die auf die weiterführende Schule wechseln, ein eigenes Smartphone besitzen und manche sich dann schon zu alt für das Benjamin-Heft fühlen, denken wir über die Einführung einer ,Hello-Benjamin-App' für größere Kinder und Teenager nach." Bei der Benjamin-Fernsehsendung gibt's laut Geschäftsführer sogar jetzt schon zwei Wege, sich „einzuschalten“: entweder über Youtube ober über die Bibel-TV Kids App.


Mit Material des Evangelischen Pressedienstes (epd)