| Digitalisierung

Das virenfreie Klassenzimmer

Evangelische Schule auf der Alb setzt auf virtuelles Lernen

„Wie können wir die Chancen der Digitalisierung nutzen und den personalen Bezug zu unseren Schülerinnen und Schülern gleichermaßen aufrechterhalten?" Diese Frage bewegt derzeit auch den Schulbund. Dietrich Bonhoeffer Internationale Schule

Laichingen. Seit Dienstag sind Baden-Württembergs Schulen geschlossen, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Was für viele Schüler einen willkommenen Unterrichtsausfall bedeutet, ist aus pädagogischer Sicht ein Problem. Eine evangelische Schule in Laichingen auf der Schwäbischen Alb setzt hingegen schon lange auf virtuellen Unterricht.

Die „Dietrich Bonhoeffer Internationale Schule“ im Laichinger Teilort Machtolsheim setzt bereits seit 2012 auf eine Kombination aus virtuellem Klassenzimmer und einem Präsenztag pro Woche. Grundlage dafür ist der sogenannte Uracher Plan für dezentrales Lernen. Die Abgrenzung zum in Deutschland verbotenen Hausunterricht darin ist scharf: Inhaltlich orientiert sich die Schule am Bildungsplan des Landes. Die Lehrer müssen eine anerkannte pädagogische Ausbildung vorweisen, und die Schule unterstellt sich der Aufsicht der Behörden - all das ist bei Hausunterricht nicht gewährleistet.

Oberkirchenrat i.R. Werner Baur, bis 2018 Bildungsdezernent der württembergischen Landeskirche (Archivfoto).Gottfried Stoppel/elk-wue.de

Mitgewirkt haben an diesem Plan unter anderem der frühere Bildungsdezernent der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Oberkirchenrat im Ruhestand Werner Baur, sowie die Pädagogikprofessoren Hartmut von Hentig und Hans Alois Schieser.

Alle sind auf dem Bildschirm zu sehen

Jonathan Erz, Vorsitzender des Schulvereins in Laichingen, sieht im digitalen Lernen die Zukunft. An zwei Tagen pro Woche haben die Kinder Schulunterricht über das Internet, erläutert er. Die Mädchen und Jungen wählen sich in ein virtuelles Klassenzimmer ein und treffen dort ihren Lehrer und die Schulkameraden - alle sind auf dem Bildschirm zu sehen. Der Lehrer kann sein Unterrichtsthema vermitteln, auch Diskussionen der Schüler sind möglich.

„Digitales soll nicht alles beherrschen“

An zwei weiteren Tagen lernen die Kinder der „Dietrich Bonhoeffer Internationale Schule“ völlig autonom, haben aber immer die Möglichkeit, die Lehrerin oder den Lehrer über das Internet anzusprechen. „Das Digitale soll nicht alles beherrschen“, betont Erz. So werde bis zur achten Klasse großer Wert darauf gelegt, dass schriftliche Arbeiten der Kinder nicht eingetippt, sondern von Hand geschrieben werden.

Erz ist überzeugt, dass die normale Schule in Zeiten von Corona eine Umstellung aufs virtuelle Klassenzimmer nicht gut stemmen kann. „Deren Pädagogik ist einfach nicht aufs virtuelle Klassenzimmer abgestimmt“, sagt er.

Jede Menge Kurzfilme

Seine Schule habe dagegen einen reichen Erfahrungsschatz. Kurzfilme, die etwa eine Einheit über ein mathematisches Problem oder eine Epoche der Geschichte erklärten, stünden im Internet bereits in großer Menge zur Verfügung. Wer Englisch spreche, könne aus einem geradezu unüberschaubaren Fundus schöpfen.

Wichtig bleibe dabei aber die Begleitung durch einen Pädagogen, der die Inhalte mit den Kindern nacharbeite, ihre Fragen beantworte, eigenen Stoff präsentiere und teste, was bei den Schülerinnen und Schülern angekommen sei. Die Laichinger Schule schreibt keine Klassenarbeiten, das Niveau der Kinder wird unmittelbar von den Lehrern überprüft. Außerdem müssen die jungen Leute ihre Arbeit ausführlich dokumentieren, etwa durch Wochenberichte.

Der Verwaltungsgerichtshof Mannheim wird sich wohl noch in diesem Jahr mit der Schule im Laichinger Teilort Machtolsheim befassen.3268zauber/CC BY-SA 3.0

26 Schüler und drei Lehrer

Derzeit lernen 26 Schüler nach dieser Methode, sie werden von drei Lehrern unterrichtet. Einen staatlich anerkannten Abschluss, der durch eine sogenannte Schulfremdenprüfung abgelegt werden muss, haben in den vergangenen Jahren zehn Schüler geschafft. Etwa zwölf mussten - etwa wegen eines Umzugs - auf eine reguläre Schule wechseln, was aber immer problemlos funktioniert habe, versichert der Vereinsvorsitzende.

Ein Fall für die Gerichte

So begeistert Erz von diesem Schulmodell ist - die Behörden sind es nicht. Das Regierungspräsidium Tübingen hat der Schule eine offizielle Zulassung verweigert, weil es dort zu wenig Klassengemeinschaft und zu viel Hausunterricht sieht. Im nachfolgenden Rechtsstreit gab zuletzt das Verwaltungsgericht Sigmaringen der Schulbehörde recht. Die Parteien werden sich voraussichtlich noch in diesem Jahr im Berufungsverfahren vor dem Verwaltungsgerichtshof in Mannheim treffen.


Quelle: Evangelischer Pressedienst (epd)