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Leben nach dem Terror

Theologin Suzan Mark berichtet über die Lage der Frauen im Nordosten Nigerias

Landesbischof Frank Otfried July wird Anfang August Partnerkirchen in Nigeria besuchen. Im Nordosten des Landes trifft er sich mit Vertreterinnen und Vertretern der Kirche der Geschwister (EYN). Viele ihrer Mitglieder sind in den vergangenen Jahren Opfer der Terrororganisation Boko Haram geworden. Wie die Kirche den Menschen hilft, ihre Traumata zu verarbeiten – darüber berichtete die Theologin und Leiterin des Frauenpfarramts der EYN Suzan Mark bei einem Besuch in Württemberg.

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Suzan Mark ist Theologin und Leiterin des Frauenpfarramts der Kirche der Geschwister in Nigeria (EYN). © EMH/Ute Dilg

„Ich sehe mich nicht als Opfer“, sagt Suzan Mark. „Durch das Vergeben übernehme ich die Kontrolle über mein Leben“. Es sind starke Worte einer Frau, die die Gewalt in ihrem Heimatland Nigeria am eigenen Leib erfahren hat. An einem Sonntagmorgen im November 2014 überfielen Milizen der islamistischen Boko Haram ihren Heimatort Michika im Nordosten des Landes. Suzan Mark war mit ihrer Familie gerade in der Kirche. Es blieb nur die überstürzte Flucht mit nichts mehr als den Kleidern, die sie am Leib trugen.

Flucht und Vertreibung

Die Präsidentin der Frauenvereinigung der EYN und Leiterin des Frauenpfarramts berichtet bei ihrem Besuch der Geschäftsstelle der Evangelischen Mission in Solidarität (EMS) von ihrer Flucht und von den Schicksalen anderer Frauen und Kinder, die oft Jahre später noch in Flüchtlingscamps ausharren – traumatisiert und ohne Zukunft. Schicksale, die Suzan Mark Nahe gehen. Viele Frauen sind verwitwet oder wurden bei der Flucht von ihren Männern verlassen. Andere wurden vergewaltigt und daraufhin verstoßen.

Suzan Mark selbst versteckte sich nach dem Angriff von Boko Haram tagelang in der umliegenden Wildnis, ihre Familie wurde bei der überstürzten Flucht getrennt. Erst Monate später fanden Eltern und Kinder im fernen Jos wieder zusammen, alle überlebten. Sie erhielten Unterstützung durch das Nothilfeprogramm ihrer Kirche. Die Theologin nahm zudem an den kirchlichen Workshops zur Trauma-Heilung teil, machte bei der Kirchenleitung auf die verzweifelte Situation der geflüchteten Frauen und Kinder aufmerksam. Daraufhin richtete die EYN das Frauenpfarramt ein und machte Suzan Mark zu seiner Leiterin.


Die Kirche der Geschwister in Nigeria (EYN) hat 2,2 Millionen Mitglieder, davon sind 362.000 Witwen. Hinzu kommen nochmals rund 700.000 Waisen, die mindestens ihre Väter, oft aber auch beide Eltern verloren haben. Sie ist beheimatet im Nordosten des Landes und geht auf die Mission der amerikanischen Church oft he Brethren zurück. Seit 1959 wird ihre Arbeit von der Basler Mission unterstützt. Die EYN ist von ihrer Herkunft her eine Friedenskirche, die jegliche Anwendung militärischer Gewalt ablehnt. Sie engagiert sich in der gegenwärtigen Krisensituation mit aktiver Friedensarbeit, die religionsübergreifend arbeitet. Schwerpunkte sind Bildungsangebote in den Schulen und Seminararbeit bei Erwachsenen. Über die mission 21 und die Basler Mission – Deutscher Zweig e.V. (BMDZ) unterstützt die Württembergische Landeskirche die Arbeit des EYN-Frauenpfarramts derzeit mit etwa 50.000 Euro.


Not stärkt den Glauben

„Ich verstehe mich als Stimme der Frauen“, erklärt Mark. Um deren Bedürfnissen Gehör zu verschaffen, hört die Theologin erst einmal zu. Sie spricht mit den Frauen in den Camps und den Dörfern, organisiert Trauma-Workshops, sorgt für geschützte Räume, damit die Betroffenen über ihre Erlebnisse sprechen können. Auch die Kinder werden mit einbezogen. „Wir müssen verhindern, dass sich Hass und Gewalt vererben“, erklärt sie. Anfangs hätten sich die Kinder, Waffen gewünscht, um ihre Peiniger zu töten, seien voller Hass gewesen. Durch die Trauma-Arbeit hätten sich viele von ihnen stabilisiert. „Der Hass wird weniger“, sagt Mark.

Der Theologin ist es wichtig, auch die Männer in die Trauma-Arbeit teilhaben zu lassen. Viele Familien sind während der Konflikte zerbrochen. „Ich wünsche mir sehr, dass die Männer ihr Familie mehr wertschätzen und mehr Verantwortung übernehmen“, erklärt Suzan Mark. Die gesamte nigerianische Gesellschaft sei sehr von Männern dominiert, Frauen sollen sich unterwerfen. Eine sehr konservative biblische Auslegung unterstützt diese Haltung. „Die Kirche ist ein Produkt der Kultur“, sagt Mark. Dennoch ist sie guten Mutes und hat Hoffnung auf eine bessere Zukunft auch für die Frauen. „Die Not stärkt unseren Glauben“, sagt sie. „Vergebung ist möglich. Ich bin glücklich, Nigerianerin zu sein.“


Suzan Mark sieht sich als Stime der Frauen


Kleine Schritte Richtung Frieden

Auch bestehe Hoffnung, was das Zusammenleben der beiden großen Religionsgemeinschaften im Nordosten Nigerias angeht. Boko Haram ist von Regierungstruppen stark zurückgedrängt worden. Es gibt Fortschritte im Umgang zwischen Muslimen und Christen. Immer mehr Menschen hätten begriffen, dass sie zusammenarbeiten müssen, wenn sie in Frieden leben wollten, so Mark. „Früher gab es zum Beispiel in einem Ort oft nach Religionszugehörigkeit getrennte Märkte. Heute gibt es häufig nur noch einen.“

Derzeit arbeite das Frauenpfarramt der EYN vor allem daran, den Frauen eine wirtschaftliche Perspektive zu geben. „Nothilfe allein ist nicht nachhaltig“, sagt Mark. „Deshalb schulen wir die Frauen, damit sie sich selber ernähren können. Sie brauchen Bildung und Ermutigung, damit sie für sich selber eintreten können.“

Ute Dilg