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Digitalisierung als Chance

Direktor Stefan Werner: Warum die Kirche der Zukunft digital sein muss

Eine zukunftsfähige Landeskirche muss auch digital aufgestellt sein. Daher müssen Maßnahmen zu einer guten Vernetzung zwischen Kirche, Pfarrerinnen und Pfarrern sowie Gemeindemitgliedern ergriffen werden. Der Direktor im Oberkirchenrat, Stefan Werner, hat mit Marie Neumann über Ziele und Folgen der Digitalisierung der Landeskirche gesprochen.

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Direktor Stefan Werner © EMH/Gottfried Stoppel

Welche Ziele verfolgt die Landeskirche mit der Digitalisierung?
Entscheidend ist, dass die Digitalisierung der Landeskirche zu einer stärkeren Vernetzung führt. Wir betrachten Digitalisierung nicht als ein rein technisches Thema, sondern sehen sie im Zusammenhang mit anderen großen Trends. Damit meine ich zum Beispiel Globalisierung, Wissensteilung und Wissensvermehrung. Die Frage ist nun: Wie müssen wir uns als Kirche organisieren, um die zur Verfügung stehenden digitalen Hilfsmittel konkret anwenden zu können? Deswegen stehen für mich die Themen Vernetzung und Wissensvermittlung im Vordergrund.

Welche Rolle spielt dabei die digitale Kommunikation?
Die Kirche hat sich zum Ziel gesetzt, das Wort Gottes zu verkündigen. Daher spielen die Kommunikation und moderne Kommunikationskanäle natürlich eine große Rolle. Gerade die jüngere Generation möchte mit uns auch über digitale Kanäle kommunizieren - und dann müssen wir  online erreichbar sein. Dabei wollen wir auch die ethische Fragen bearbeiten, die dabei auftauchen. Deshalb entwickeln wir im Rahmen der „Digital Roadmap“ ein digitales Leitbild. Es ist mir wichtig, dass das Thema Digitalisierung der Kirche nicht aus einer Art Angststarre heraus betrachtet wird, sondern als Möglichkeit mit der Kirche direkt ins Gespräch zu kommen verstanden wird. Ich sehe auch keinen Widerspruch zwischen der digitalen und der klassischen Face-to-Face-Kommunikation. Beides gehört zusammen und kann auch aufeinander bezogen werden.

Können Sie ein Beispiel für digitale Kommunikation in der Landeskirche nennen?
Beispielsweise im Gottesdienst. Dort kann man Besucherinnen und Besucher aktiv über den Einsatz von Leinwänden einbinden. Auf bestimmte Fragen aus der Predigt kann man mit dem Smartphone dann live antworten. Die Leinwand hilft, diese Antworten für alle zu visualisieren. So kommen wir durch Digitalisierung während des Gottesdienstes ins Gespräch. Man darf aber nicht den Fehler begehen, Digitalisierung mit Unpersönlichkeit gleichzusetzen. Digitalisierung ist eine Chance die Kommunikation der Öffentlichkeit mit der Kirche zu verbessern. 

Was bedeutet die Digitalisierung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Landeskirche?
Wenn eine Verwaltung wie die des Evangelischen Oberkirchenrates sich zunehmend digitalisiert, dann gilt es, diese Kommunikationsmöglichkeiten auch anzuwenden. Ich nehme ernst, dass es bei manchen auch Ängste gibt, weil es viel Neues zu erlernen ist. Die Arbeit mit neuen Softwaretools zum Beispiel. Deswegen müssen wir ganz besonders im Blick behalten, dass die Generation, die mit dem Umgang der digitalen Medien nicht vertraut ist, nicht von der Generation, die die neuen Medien gerne nutzt, abgehängt wird. Die Vermeidung einer „Zweiklassengesellschaft“ wird dabei unsere größte Herausforderung. Aber Wissensmanagement durch Wissensteilung ist nur digital in den Griff zu bekommen. Es geht nicht mehr, dass jeder Mitarbeiter für sich in seinem Zimmer sitzt und versucht, alles nötige Wissen in seiner Person zu vereinen. Deswegen führt kein Weg daran vorbei, die digitalen Möglichkeiten zu ergreifen.

Die Mitglieder der Evangelischen Landeskirche in Württemberg leben in digitalen Arbeits- und Lebenswelten. Wir als Kirche sind ein Teil der Gesellschaft. Wir müssen uns in digitale Arbeitsprozesse einbringen und gleichzeitig ethisch vertretbar handeln.
Stefan Werner

Wie wird sich das Gemeindeleben dadurch verändern?
Auf Gemeindeebene, vor allem im Pfarramt, wird sich einiges ändern müssen. Auf der Verwaltungsebene muss darauf geachtet werden, dass Wissen geteilt wird. Mitarbeitende sollen die Chance bekommen, neues Wissen in Bezug auf digitale Maßnahmen zu erlernen. Außerdem wird auch hier die Reformierung der Kommunikation eine große Rolle spielen. Wenn sich Gemeindemitglieder digital an ihre Pfarrerin oder ihren Pfarrer wenden, muss auf der anderen Seite jemand sitzen, der die digitale Kommunikation anwenden kann. Oder wir werden mit der Kirchenlieder-App singen. Auch so simple Dinge wie online aktuelle Gottesdienstzeiten finden zu können, sollen funktionieren. Generell sollen die Websites von Kirchengemeinden qualitativ hochwertiger werden und beispielweise Aktivitäten aus dem Kirchenbezirk dort einfach zu finden sein.

Sehen Sie Nachteile für die Gemeindemitglieder, die durch die Digitalisierung der Kirche entstehen können?
Ja, wenn eine Generation, die damit nicht aufgewachsen ist, sich ausgeschlossen fühlen sollte. Ich war kürzlich in einem Gottesdienst, in dem man zu Beginn mit dem Smartphone einen QR-Code einscannen sollte. Die eine Hälfte der Gottesdienstbesucher zog ihr Smartphone raus, scannte den Code ein und landete auf einer Seite, über die man im Gottesdienst miteinander kommunizieren konnte. Der Rest der Besucher wusste bis dahin nicht mal, was ein QR-Code ist. Solche Maßnahmen der Digitalisierung bergen die Gefahr des Ausschlusses. Das müssen wir gut begleiten, damit niemand auf der Strecke bleibt.

Was muss in der Landeskirche in den nächsten fünf Jahren passieren, damit Sie sagen können: Bis hierher war die Digitalisierung ein Erfolg?
Wir müssen einen großen Konsens in der Landeskirche schaffen. Und mutig an diese Herausforderung herangehen. Gleichzeitig müssen wir diesen Prozess auch kritisch begleiten und unter ethischen Gesichtspunkten begleiten. Die Mitglieder der Evangelischen Landeskirche in Württemberg leben in digitalen Arbeits- und Lebenswelten. Wir als Kirche sind ein Teil der Gesellschaft. Wir müssen uns in digitale Arbeitsprozesse einbringen und gleichzeitig ethisch vertretbar handeln.