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Gottesdienst goes Internet

Der Weg zu einer entgrenzten Online-Gemeinde

Mit dem digitalen Zeitalter ändern sich auch die Möglichkeiten, wie Kirche im Netz funktionieren kann. Wo stehen wir aktuell? Wohin geht die Reise? Und rückt das Internetangebot den klassisch-analogen Gottesdienst aus dem Rampenlicht? Im Blog teilt Dan Peter, Mitglied der Digitalisierungsgruppe, seine Sicht der Dinge.

EMH - Jens Schmitt

Beinahe jede Form der Information und der Kommunikation lässt sich heute digital speichern und versenden. Gottesdienste sind verdichtete und ritualisierte Kommunikation. Ohne Probleme lassen sich deshalb auch Gottesdienste digitalisieren und im Netz zur (un-)gleichzeitigen Teilnahme bereitstellen. Dazu gehört unbedingt die Frage, was einen Gottesdienst ausmacht: Sind es die Menschen, die sich zur gleichen Zeit an einem gemeinsamen Ort im Namen des dreieinigen Gottes zusammenfinden? Ihr Mitfeiern, ihre Teilhabe am Geschehen ist eigentlich elementar. Sie sind nicht nur Besucher oder Zuschauer, sondern Mitfeiernde. Lässt sich das digital abbilden? Es stellt sich zudem die Frage, welche gewohnten Elemente notwendig dazugehören: Predigt, Schriftlesung, Musik, Gebet oder andere liturgische Elemente?Digitalisierung bedeutet auch, dass längst nicht alles eins zu eins in den virtuellen Raum transferiert wird, sondern dass sich neue Anwendungsszenarien und völlig neue, häufig modulare Umsetzungen ergeben.

Wie steht es um die Basics?

Die Bibel ist bereits seit etwa drei Jahrzehnten in vielen Übersetzungen digital verfügbar. Liturgische Elemente verschiedener Landeskirchen werden derzeit zur einfacheren Handhabung digitalisiert. Die größten Schwierigkeiten bereitete das Evangelische Gesangbuch aufgrund der sehr hohen Anforderungen, was Rechte und technische Umsetzung und demzufolge auch die Finanzierung betrifft. Aber aufgrund einer Initiative der württembergischen Landeskirche in Kooperation mit der EKD soll Anfang 2019 die Lieder-App Cantico verfügbar sein. Diese App bietet neben dem Gesangbuch auch Zugang zu anderem geistlichen Liedgut und kann Texte, Melodien und Noten abspielen.

Was wird gesucht und genutzt?

„Jeden Morgen, kurz vor sieben, der geistliche Anstoß im Radio: Das ist mein Gottesdienst und mein Bezug zur Kirche“, diesen Satz habe ich unzählige Male gehört. Obwohl Gottesdienste normalerweise ihren besonderen Ort haben – in der Regel finden sie in einem sakral gestalteten Raum statt –, hat man sich bereits daran gewöhnt: Man kann auch anderswo und ganz anders teilnehmen. Zum Beispiel nebenher am Esstisch und für sich allein im Auto. Radio und Fernsehen haben die Tür für digitalisierte geistliche Angebote bis hin zur mobilen Nutzung längst weit aufgestoßen. Mit einem Smartphone besitzt auch fast jeder das passende Endgerät.

Welche Modelle gibt es bereits?

Längst werden viele Gemeindegottesdienste über USB-Sticks, Download-Dateien oder Livestreams verbreitet. Streams können allerdings rechtlich problematisch werden, wenn die Teilnehmer des Gottesdienstes nicht ihr Einverständnis erteilt haben (Datenschutzverordnung) oder mehr als 500 Nutzer einen regelmäßigen Livestream nutzen (Sendelizenz erforderlich). Zunehmend werden diese Streams auch über Facebook ausgestrahlt. Der Mehrwert besteht dabei in den Likes und Live-Kommentaren der Smartphone-Zuschauer.

Aus Followern und Freunden werden in den sozialen Medien auch ganz schnell eigene Communities, die alle Lebensthemen – auch den Glauben – verhandeln und für die Parochie- oder Kirchenzugehörigkeit überhaupt keine Rolle mehr spielen. Da ist der Weg zu einer entgrenzten Online-Gemeinde nicht weit.

Dan Peter

Daneben gibt es auch die ersten rein digitalen Gottesdienste und Andachten, die formal von Radio- und Fernsehandachten kaum zu unterscheiden sind, außer dass sie über YouTube, Facebook oder andere soziale Netzwerke verbreitet werden. Zum Beispiel gibt es seit drei Jahren die AndachtsApp der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.

Das kirchliche Nachtgebet Twomplet, jeden Abend um 21 Uhr, gibt es bereits seit Januar 2014. Es handelt sich um ein moderiertes virtuelles Abbild einer Komplet auf Twitter. Dabei werden über einzelne Tweets Psalmen gebetet, Lesungen gehalten, Videos mit Gesängen gepostet und im Gegensatz zur normalen Komplet auch eigene Gedanken und Fürbitten geteilt.

Virtueller und realer Gottesdienst greifen bei der Jugendgottesdienstplattform sublan.tv ineinander. Bereits 2010 wurde in Begleitung des damaligen Jugendpfarrers Rasmus Bertram versucht, den Frankfurter Jugendgottesdienst Sublan mit einer LAN-Party interaktiv zu verbinden. Seit 2015 gibt es die Plattform sublan.tv als Ausgangs- und Sendepunkt im Netz. Der Sublan-Gottesdienst wird in einem realen Raum live gefeiert und von dort aus filmisch übertragen. Partizipation vor Ort oder übers Netz in Form von Gebetsanliegen und Live-Rückmeldungen zur Predigt werden über eine spezielle App ermöglicht.

Das Bibel Projekt stammt ursprünglich aus einer Kirche in den USA, deren Mitglieder sich in Kleingruppen in Privatwohnungen versammeln. Viele arbeiten in der Digital-Branche und bringen ihre Kenntnisse ein, um qualitativ hochwertige geistliche Impulse für Hauskreise zu entwickeln. Kurz und prägnant wird der Nutzer durch ein biblisches Buch geführt. In Deutschland wird das Projekt von unterschiedlichen Partnern wie mehreren CVJMs, der SMD, freien theologischen Ausbildungsstätten und der Evangelischen Landeskirche in Württemberg verantwortet. Sie stellen mittlerweile 40 deutschsprachige Videos bereit.

Wo geht es hin?

Es sieht bei all dem noch nicht danach aus, dass der normale Gottesdienst zunehmend durch digitale Angebote ersetzt wird – eher wird er in vielerlei Hinsicht ergänzt und bereichert. Mediatisierte Kommunikation und jedes Medium an sich verändern das klassische Setting. Aus Followern und Freunden werden in den sozialen Medien auch ganz schnell eigene Communities, die alle Lebensthemen – auch den Glauben – verhandeln und für die Parochie- oder Kirchenzugehörigkeit überhaupt keine Rolle mehr spielen. Da ist der Weg zu einer entgrenzten Online-Gemeinde nicht weit.

Der Artikel von Dan Peter ist zuerst in der Zeitschrift 3E erschienen, dem Ideenmagazin für die evangelische Kirche.


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