|

„Raum für den Austausch geben“

Interview mit Oberkirchenrätin Carmen Rivuzumwami über die wichtige Rolle des Religionsunterrichts in der Pandemie

Wie hilft Religionsunterricht Kinder im Umgang mit ihren Sorgen und Sinnfragen - gerade in Zeiten der Corona-Pandemie? Darüber spricht im Interview Oberkirchenrätin Carmen Rivuzumwami, die am 28. September feierlich in ihr Amt als Bildungsdezernentin der Landeskirche eingeführt worden ist.

Der Religionsunterricht wurde in der Corona-Pandemie zu einem Ort, an dem sich Schülerinnen und Schüler über Ängste und Fragen austauschen können.Pixabay

Frau Rivuzumwami, das dritte Schuljahr unter Pandemiebedingungen hat soeben begonnen. Was für Auswirkungen hat Corona für den evangelischen Religionsunterricht in Württemberg?

Carmen Rivuzumwami: Das ist je nach Klassenstufe unterschiedlich. Für Grundschüler wurden viele Vorfreuden enttäuscht; hier war es wichtig, Raum für den Austausch zu geben und zu hören, was den Kindern Angst macht, aber auch Trost gibt. Den Größeren ging es mehr um Sinnfragen: Nach der schwerwiegenden Corona-Erfahrung war die Frage nach dem „Warum lässt Gott das zu?“ noch aktueller und drängender, ebenso wie die Frage nach der Zukunft.

Es ist nicht neu, dass sich eine junge Generation Gedanken um die Zukunft macht - zu Beginn der 80er-Jahre gab es auch schon die „No Future“-Bewegung. Doch jetzt ist die Frage „Hat die Erde eine Zukunft und habe ich darin eine Zukunft?“ viel existenzieller. Es geht darum, eine Religionspädagogik der Hoffnung zu entwickeln, die betont, dass es gut ist, dass wir in dieser Welt sind und die ermutigt, hoffnungsfroh in die Zukunft zu blicken, Verantwortung zu übernehmen und die Welt zu gestalten.

Oberkirchenrätin Carmen Rivuzumwami leitet das Dezernat „Kirche und Bildung“ der Evangelischen Landeskirche.privat

Haben Sie den Eindruck, dass der Religionsunterricht in der Corona-Zeit wesentlicher für das Schulleben geworden ist?

Rivuzumwami: Absolut. Das bekommen wir auch im Gespräch mit dem Ministerium und Schulleitungen zurückgemeldet. Religionsunterricht ist vielleicht nicht systemrelevant, aber existenzrelevant. Es ist keine Plauderstunde, sondern ein ordentliches Schulfach, indem wir selbstverständlich auch Wissen vermitteln. Aber wir schaffen insgesamt Raum und Zeit, um das Wissen einzubetten in die Traditionsgeschichte des Christentums. Da haben wir den Gott, der bei den Menschen war, ist und sein wird, der auch heute für uns da ist.

Die Corona-Erfahrung hat wie durch ein Brennglas mehr als deutlich gezeigt, dass wir insgesamt Schule neu denken müssen: Alte Lernstrukturen müssen über den Haufen geworfen werden und stattdessen braucht es mehr als zuvor eine Pädagogik, die sich an den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen ausrichtet.

Die Corona-Erfahrung hat wie durch ein Brennglas mehr als deutlich gezeigt, dass wir insgesamt Schule neu denken müssen: Alte Lernstrukturen müssen über den Haufen geworfen werden und stattdessen braucht es mehr als zuvor eine Pädagogik, die sich an den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen ausrichtet.

Carmen Rivuzumwami

Könnte auch die Schulseelsorge ihren Teil dazu beitragen, auf die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler einzugehen?

Rivuzumwami: Schon vor der Pandemie haben wir die Schulseelsorge in Kooperation mit der Diözese Rottenburg-Stuttgart ausgebaut. Wir bieten diese als ökumenisches Tandem an, und sie ist ein Angebot an alle, auch an Schülerinnen und Schüler, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen. Ausgebildete Schulseelsorger bieten Sprechstunden oder Tage der Orientierung an oder sind in der großen Pause auf dem Schulhof ansprechbar.

Außerdem haben wir - das Pädagogisch-Theologische Zentrum (PTZ) und mein Dezernat - in der Pandemie einen Schulseelsorgechat aufgebaut, in dem ausgebildete Schulseelsorger für eine gewisse Zeit jeden Tag zum Chat zur Verfügung stehen. Die Schüler gelangen über einen Button auf ihrer Schulhomepage zum sogenannten „Soulchat“, der eine sehr große Resonanz hat. Letztes Jahr war der Chat in den Sommerferien vollkommen ausgelastet. Viele Landeskirchen haben die Idee eines Seelsorgechats seitdem übernommen.

Wie viele Erstklässler besuchen etwa den Religionsunterricht in Württemberg im neuen Schuljahr?

Rivuzumwami: Es ist sehr schön, dass über die Jahre die Teilnahme am evangelischen Religionsunterricht mit kleinen Schwankungen gleichgeblieben ist. Etwa 44 Prozent der Erstklässler nehmen an ihm teil. Wir beobachten, dass innerhalb dieser Gruppe die Zahl der evangelisch getauften Kinder abnimmt und die Zahl der nichtkonfessionell gebundenen Kinder stetig zunimmt. Im letzten Schuljahr waren 27,9 Prozent der Kinder, die am Religionsunterricht teilnahmen, nicht getauft.

Und eine weitere Entwicklung gibt es: Wir Kirchen setzen sehr auf den Ausbau des „konfessionell kooperativen Unterrichts“. Jedes Jahr gibt es vor allem im Grundschulbereich mehr Klassen, an dem evangelische und katholische Schülerinnen und Schüler gemeinsam von Lehrkräften beider Konfessionen im Wechsel unterrichtet werden. Dadurch lernen die Kinder und Jugendlichen ihre je eigene Konfession authentisch kennen und erkennen zugleich die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede.

Zum Schulstart gab es für Erstklässler von unserer Landeskirche ein Schultagebuch, das diese beim Schulstart begleiten möchte. Spielerisch können die ABC-Schützen damit den großen Fragen des Daseins nachgehen - mit ihren Eltern oder im Religionsunterricht.

epd


Schon gewusst?

elk-wue.de

Mehr News

  • Datum: 24.06.2022

    Service fürs digitale Gemeindeleben

    Social Media, Livestreams, Büro-Orga, KGR-Arbeit, Konfi-Apps und vieles mehr – die Digitalisierung bietet Gemeinden viel Potenzial. Aber wie geht man das konkret an? Hier finden Sie eine Zusammenstellung der wichtigsten Beratungs- und Unterstützungsangebote.

    Mehr erfahren
  • Datum: 23.06.2022

    GAW-Fest im Dekanat Besigheim

    „Brücken in die Welt“ - unter diesem Motto laden das Gustav-Adolf-Werk und der Kirchenbezirk Besigheim am 23. und 24. Juli zum GAW-Fest ein. Auf dem Programm stehen Veranstaltungen, Workshops und Gottesdienste. Zahlreiche Gäste aus Partnerkirchen besuchen Württemberg.

    Mehr erfahren
  • Datum: 22.06.2022

    „Empowerment ist wichtig“

    Anja Lobmüller ist Asylreferentin beim Evangelischen Asylbüro in Stuttgart. Wie setzt sich das Büro für Geflüchtete ein? Was brauchen die Ukrainerinnen und Ukrainer, die in Deutschland Schutz suchen? Was ist gute Integration? Darüber spricht Anja Lobmüller im Interview.

    Mehr erfahren
  • Datum: 20.06.2022

    Exklusive Einblicke in Schloss Beilstein

    Schlossführung, Vortrag und gute Verpflegung: Die Landeskirchenstiftung lädt am 2. Juli zu einem ganz besonderen Nachmittag auf Schloss Beilstein ein. Der Benefizerlös geht an die Stiftung und an die „Kirche mit Kindern“. Die Zahl der Plätze ist begrenzt.

    Mehr erfahren
  • Datum: 20.06.2022

    Über Migration und Klimawandel

    Am Welttag des Flüchtlings (20. Juni) haben die vier großen Kirchen in Baden-Württemberg gemeinsam in Freiburg eine Ausstellung unter dem Titel „Anpassen, fliehen, festsitzen“ eröffnet, die auf den Zusammenhang von Klimawandel und Migration aufmerksam machen soll.

    Mehr erfahren
  • Datum: 18.06.2022

    Prälat i.R. Claus Maier wird 80

    18 Jahre lang war Claus Maier als Reutlinger Prälat im Amt. Am Samstag, 18. Juni, feiert er seinen 80 Geburtstag. Landesbischof Dr. h.c. Frank Otfried July würdigt in seiner Gratulation Maiers Verdienste um die württembergische Landeskirche.

    Mehr erfahren
  • Datum: 17.06.2022

    Gute Wünsche für den Pietismus

    Seinen 50. Geburtstag feierte der Synodal-Gesprächskreis Lebendige Gemeinde am 16. Juni mit einem Festakt in der Stuttgarter Stiftskirche. In seinem Grußwort gab Landesbischof Dr. h.c. Frank Otfried July dem Pietismus einige gute Wünsche mit auf den Weg.

    Mehr erfahren
  • Datum: 17.06.2022

    Spendenprojekt des Monats

    In schwierigen Lebenslagen bieten die 25 psychologischen Beratungsstellen evangelischer Träger auf dem Gebiet der Landeskirche fundierte und zugewandte Hilfe. Unterstützen Sie diese Arbeit mit ihrer Spende für die Landesstelle der psychologischen Beratungsstellen.

    Mehr erfahren
  • Datum: 15.06.2022

    Einsatz für die Notfallseelsorge

    Für seinen Einsatz für die kirchliche Notfallseelsorge in Baden-Württemberg ist Prof. Hermann Schröder am 15. Juni im Namen der vier großen Kirchen in Baden-Württemberg mit der Ehrenadel der Evangelischen Landeskirche in Baden ausgezeichnet worden.

    Mehr erfahren
  • Datum: 14.06.2022

    EH Ludwigsburg lädt ein

    Die Evangelische Hochschule Campus Ludwigsburg bietet parallel zum Bewerbungsverfahren mehrere Beratungsmöglichkeiten: dazu gehört eine Offene Hochschule am Donnerstag, 23. Juni ab 16:00 Uhr und am 30. Juni ein virtueller Beratungsabend ab 17:00 Uhr.

    Mehr erfahren
  • Datum: 09.06.2022

    Til Elbe-Seiffart zum Schuldekan gewählt

    Dr. Til Elbe-Seiffart ist zum nächsten Schuldekan für die Kirchenbezirke Öhringen und Weinsberg-Neuenstadt gewählt worden. Sein Wunsch ist es, den Religionsunterricht zu stärken. Er folgt auf Jörg Spahmann, der zum 1. August in den Ruhestand geht.

    Mehr erfahren
  • Datum: 06.06.2022

    Gegenrede zu den Kriegstreibern

    In seiner Predigt zum Tag der weltweiten Kirche am Pfingstmontag in Stuttgart hat Landesbischof Dr. h.c. Frank Otfried July die Friedensbotschaft und den Friedensauftrag betont, den das biblische Pfingstereignis gerade in der aktuellen politischen Lage bedeutet.

    Mehr erfahren
Mehr laden