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„Freiheit nicht auf Kosten anderer durchsetzen“

Landesbischofischof July zeigt sich im epd-Gespräch „fassungslos“ über Verschwörungstheoretiker

Stuttgart. Am Wochenende haben viele Menschen in Baden-Württemberg gegen die Corona-Maßnahmen demonstriert, allein in Stuttgart sollen es 10.000 gewesen sein. Der Bischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Dr. h. c. Frank Otfried July, warnt im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) davor, Freiheit auf Kosten anderer durchsetzen zu wollen. Das Gespräch mit ihm führte Marcus Mockler.

Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July äußert sich im epd-Gespräch zu den Corona-Protesten, zu Freiheit und Verantwortung.Siegfried Denzel/elk-wue.de

epd: Herr Landesbischof, warum ist der Südwesten ein Hotspot der Kritiker?

July: Viele Menschen im Südwesten sehen in den Corona-Maßnahmen eine Gefahr für die Wirtschaft und haben Sorge um ihren Wohlstand oder um ihren Arbeitsplatz. Auch andere urbane Zentren wie Berlin oder Hamburg sind Hotspots für eine Auflehnung gegenüber den Corona-Maßnahmen. Anfangs ging es um Protest gegen die Aussetzung von Grundrechten. Die Kirchen haben von Beginn an in großer Verantwortung die Maßnahmen mitgetragen. Seit einigen Tagen erlebe ich eine Radikalisierung. Verschwörungstheoretiker und Rechtspopulisten nutzen diese Bühne für ihr krudes Gedankengut. Das ist in Wirklichkeit kein offener Diskurs. Manches, was da geäußert wird, macht mich einfach fassungslos.

epd: Nehmen Sie auch innerhalb der Kirche wachsenden Widerstand gegen die strengen Regeln wahr? 

July: Ich nehme innerhalb der Kirche vor allem viele Menschen wahr, die höchst kreativ mit Einschränkungen umgehen und Wünsche und Vorstellungen zugunsten anderer für eine gewisse Zeit zurückstellen. Dass es da auch einige Unversöhnliche und auf Ansprüche, vermeintliche Rechte, Gleichbehandlung Pochende gibt, die um Zentimeter des Sicherheitsabstands feilschen, gehört wohl dazu. Es kann bei diesem Virus um Leben und Tod gehen, das sollten wir nicht vergessen. Zugleich wissen wir, dass unser Leben in Gottes Hand liegt. Aus diesem Vertrauen handeln wir.

Debatten gab es um den Gemeindegesang. Dass wir darauf im Moment verzichten, ist schmerzhaft.

Insgesamt kann ich aber nicht von wachsendem Widerstand sprechen. Die Voraussetzungen für die Feier von Gottesdiensten hat der Staat an strenge Auflagen gekoppelt, und die haben die Kirchengemeinden erfüllt. Debatten gab es um den Gemeindegesang. Dass wir darauf im Moment verzichten, ist schmerzhaft. Gesellschaftliche Polarisierungen zeigen sich auch in der Kirche.

epd: Was antworten Sie Menschen, die die Lockerungen immer noch für zu gering halten?

July: Wir haben aus unserem Glauben heraus Verantwortung für uns und die Nächsten, für unsere Gesellschaft. Die Maßnahmen der letzten Wochen in Gesellschaft und Kirche haben etwas von dieser Verantwortung gezeigt. Dies zeigt auch der Vergleich mit anderen Ländern. Deshalb appelliere ich, diese Verantwortung mit Augenmaß weiter wahrzunehmen. Freiheit und Verantwortung gehören für mich zusammen. Kein Verständnis habe ich für diejenigen, die ihre Freiheit auf Kosten anderer durchsetzen wollen.