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Riesling zwischen Kunst, Natur und Religion

Ein Besinnungsweg, der durch sein künstlerisches Konzept einzigartig ist

Am tiefblauen Himmel über Oeffingen, einem Stadtteil von Fellbach, schweben ein paar dekorative Wölkchen. Es ist Freibadwetter. Die kleine Gruppe, die später zwei Stunden lang über die Felder nördlich des Ortes pilgern wird, drängt sich unter die alten schattigen Tannen des Oeffinger Friedhofs. Fünf Frauen und ein Mann lassen sich von Christiane Ebner über den "Besinnungsweg Fellbach" führen.

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© EMH - Jasmin Schönemann

"Das steinerne Antoniuskreuz zeigt die Nord-Süd-Richtung an. Die im Halbrund aufgestellten Steinsäulen markieren den Sonnenaufgang an bestimmten Tagen. Beginnend mit einem Aufgang um 4 Uhr morgens … Haben Sie in unseren Breiten schon einmal einen Sonnenaufgang um diese Uhrzeit erlebt?" Ihre Gedanken zur überdimensionalen, begehbaren Sonnenuhr muss Christiane Ebner am Besinnungsort "Zeit" kurz unterbrechen: Ein Traktor mit Anhänger fährt direkt an der kleinen Gruppe vorbei. Es rattert, schäbbert, dann ist wieder Ruhe. "Bei uns geht die Sonne frühestens um halb fünf auf. Die Künstlerin Inge Mahn will darauf hinweisen: ‚Ihr könnt messen, so genau ihr wollt, die kosmische Zeit hat einen anderen Rhythmus.’" Ein Bibelvers aus dem Buch Prediger ist neben der Sonnenuhr in eine Platte eingelassen: "Ein Jegliches hat seine Zeit und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde." Dieser Gedanke hängt über der Gruppe, während sie zum nächsten Kunstwerk durch die hohen Maispflanzen schlendert.

Der Förderverein Besinnungsweg wurde 1999 gegründet. Das Ziel: Kunst, Natur und Religion zu verbinden. „Das fand ich spannend. Also bin ich hingegangen und seitdem dabei“, sagt Christiane Ebner, Mitglied im Vorstand und eine von drei Führern. Sechs Besinnungsorte sind bereits mit themenbezogenen Skulpturen und Kunstwerken verwirklicht, sechs weitere werden folgen. Verstreut über die Felder am Ortsrand von Oeffingen.

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© EMH - Jasmin Schönemann

Die Künstler, die hier zwischen Mais, Stoppelfeldern und Äckern ihre Werke zeigen, stellten schon auf der documenta in Kassel aus, der Biennale in Venedig, hatten Lehraufträge an renommierten Kunstakademien. Keine regionalen Künstler wählt der Förderverein, sondern international bekannte. Wie auch den Israeli Micha Ullmann, der den Besinnungsort "Schöpfung" gestaltet hat: Die Silhouette eines tatsächlich existierenden, lebensgroßen Baumes wurde aus einer mächtigen Stahlplatte ausgesägt. 18 Meter lang, 9 Meter breit, 24 Tonnen schwer – so liegt sie auf einer Waldlichtung, zu der man erst einmal einige Hundert Meter gehen muss. Die Stahlplatte, die aus vier Teilen vor Ort zusammengeschweißt wurde, musste von Pleidelsheim als Schwertransport über die A 8 befördert werden. Die näher gelegene Brücke in Remseck hätte der Last nicht standgehalten. 

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© EMH - Jasmin Schönemann

"Ohne die ortsansässigen Handwerker könnten wir so ein Projekt wie den Besinnungsweg überhaupt nicht stemmen" sagt Paul Rothwein, Vorsitzender des Fördervereins und selbst Bauunternehmer im Ruhestand. "Für den ‚Gottsucher’ mussten wir von hinter Bayreuth drei große Granitbrocken abholen", erzählt er, als er am roten Häuschen von Timm Ulrichs zum Thema "Kind sein/Kreativität" einen Riesling aus der Edition "Besinnungsweg" ausschenkt. "Da habe ich einen Kollegen angerufen und gesagt: ‚Wir brauchen deinen Laster. Aber dass das gleich klar ist: Geld bekommst du keins dafür!’ Dann sind wir in aller Herrgottsfrühe an einem Samstagmorgen um halb drei losgefahren und haben die Brocken geholt.

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© EMH - Jasmin Schönemann

Schöpfung – Gottsucher – Bibelvers: Trotz der Themen und der Bibelzitate ist der Besinnungsweg kein dezidiert kirchliches Projekt. "Mir ist es wichtig, dass der Besinnungsweg für alle Menschen da ist. Auch für diejenigen, die ‚nur’ kunstinteressiert sind", sagt Christiane Ebner auf dem Weg über die Felder hin zum "Gottsucher", während die Sonne langsam sinkt. "Wir machen Führungen für Sportvereine oder Schulklassen, Frauenkreise oder anlässlich eines runden Geburtstages." Es gibt an den Besinnungsorten immer wieder Andachten zu biblischen Texten, "aber es werden auch weltliche Texte gelesen", so Ebner. Aus dieser Offenheit heraus lebt der Besinnungsweg.

Jasmin Schönemann