| Gedenktag

Stiftungsarbeit gegen tödliche Gleichgültigkeit

Die Stiftung gegen Gewalt an Schulen fördert Gewaltprävention

Vor neun Jahren erschoss der Schüler Tim K. zwölf Menschen an der Albertville-Realschule in Winnenden. Gisela Mayer und andere Eltern der Opfer gründeten daraufhin das Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden - Stiftung gegen Gewalt an Schulen. Die Evangelische Landeskirche in Württemberg unterstützte sie bei der Stiftungsgründung.

„Und dann nennt der Wichser Dich einen Hurensohn und Du schlägst ihm, bämm, voll auf die Fresse!“, die Ausdrucksweise von Gewaltpräventionstrainer Lars Groven mag für Außenstehende abstoßend klingen. Der Trainer vom Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden spricht so, damit sich die Siebtklässler der Friedensschule Neustadt-Waiblingen mit seiner Geschichte identifizieren können. Für die meisten sind Begegnungen, in denen Kraftausdrücke fallen, Alltag. Die 28 Schülerinnen und Schüler hängen an Grovens Lippen. Noch vor wenigen Minuten haben sie wild durcheinander gequatscht. Jetzt wollen sie wissen, wie das Rollenspiel zwischen dem Trainer und ihrem Mitschüler Ali* weitergeht.

„Und wem schadest Du, wenn Du wegen Körperverletzung in den Jugendknast kommst? Dem Arschloch, dass Dich dumm angelabert hat, oder Deiner Mutter?“ fragt Lars Groven.
„Meiner Mutter“, kommt es prompt von Ali.

„Und wenn Deine Mutter Eurer Familie und den Nachbarn erzählen muss, dass Du in den Knast kommst – hat das für Dich mit Ehre zu tun? Mit Stolz? Mit Familie? Wenn du ihr so wehtust?“

„Nein“, sagt Ali leise. Mit jeder weiteren Antwort wirkt der 13-Jährige kleinlauter.

Vor dem Rollenspiel hat Lars Groven die Klasse gefragt, was sie zum Ausrasten bringt. Die meisten haben geantwortet, wenn jemand ihre Mutter oder ihre Familie beleidigt – dann würden sie Gewalt anwenden. Der Präventionstrainer will sie überzeugen, dass Gewalt nie sinnvoll ist und sich die Jugendlichen damit selbst schaden.

Groven schnallt sich ein Boxpad um den rechten Unterarm und geht vor den Schülern auf die Knie. „Stellt Euch vor, das ist ein 10-jähriges Kind und das sagt zu Euch: ‚Ey, du Hurensohn, du denkst wohl du bist wer oder was?‘. Ihr müsst einzeln nach vorn kommen, Ihr dürft das Kind schlagen“, sagt er ernst. Einer nach dem anderen gehen die Jugendlichen auf den Trainer zu. Manche schlagen „das Kind“, Ali nicht. Das vorherige Rollenspiel hat ihn nachdenklich gestimmt.

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Gisela Mayer © Gisela Mayer

Vor neun Jahren hat man in Winnenden schreckliche Erfahrungen mit Gewalt gemacht.  Am 11. März 2009 erschießt der Außenseiter Tim K. neun Schüler, drei Lehrerinnen, drei Menschen außerhalb der Albertville-Realschule in Winnenden und anschließend sich selbst. „Ich denke, im Bewusstsein vieler Menschen ist seit diesem Tag etwas passiert“, sagt Gisela Mayer, deren Tochter von Tim K. erschossen wurde. „Ich habe Diskussionen um Mobbing vorher auch nicht so ernst genommen. Ich dachte mir: Das sind Schüler, die kloppen sich halt mal.“

Gisela Mayer und andere Eltern von Opfern haben noch im Jahr des Amoklaufes das Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden gegründet. Seit November 2009 ist das Bündnis Teil der offiziellen Stiftung Gegen Gewalt an Schulen. Die Gründung der Stiftung verlief im Vergleich zu anderen Stiftungsgründungen eher unkonventionell. „Wir hatten kein großes Vermögen, das einem sinnvollen Zweck zugeführt werden sollte. Wir hatten einen sinnvollen Zweck, dem ein kleines Vermögen zugeführt werden musste“, erzählt Gisela Mayer. Hardy Schober, ein weiteres Mitglied des Aktionsbündnisses Amoklauf Winnenden, sprach Landesbischof Frank Otfried July nach dem Trauergottesdienst für die Opfer und Angehörigen an und bat um Unterstützung.


Die Landeskirchenstiftung, das auch das Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden bei seiner Stiftungsgründung unterstützt hat, wurde am 1. Januar 2008 ins Leben gerufen. Innerhalb von zehn Jahren haben 2.600 Menschen entweder gemeinschaftlich oder als Einzelpersonen Stiftungen ins Leben gerufen. Die Zahl der Stiftungen hat sich von 60 vor 2008 auf aktuell 142 mehr als verdoppelt. Viele Neugründungen fördern den Erhalt von Kirchengebäuden und das Gemeindeleben in diesen Gebäuden. Weitere Stiftungen haben diakonische Anliegen oder unterstützen die Kinder- und Jugendarbeit, Kunst und Bildung.


„Die Württembergische Landeskirche hat uns in allen Aspekten der Stiftungsgründung geholfen, nicht nur finanziell. Uns wurde erklärt, an wen wir uns wenden müssen und was administrativ und rechtlich bei Stiftungsgründungen zu beachten ist“, berichtet Gisela Mayer. In den neun Jahren des Bestehens sind die Aufgaben der Stiftung ständig mehr geworden. Neben dem Gewaltpräventionstraining, das Lars Groven an vielen Schulen Württembergs anbietet, gibt es noch einen Theaterpädagogen, der in die Klassen geht und die Schüler in sein Theaterstück mit Handpuppen einbezieht. Eine Sportpädagogin baut mit Schülerinnen und Schülern in neu zusammengeführten Klassen Pyramiden aus Menschen, um Werte wie Zusammenhalt und Verlässlichkeit zu vermitteln.

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© EMH/Neumann

Sebastian Eberhardt, Sportlehrer am Otto-Hahn-Gymnasium Ostfildern, setzt diese Menschenpyramiden im Sportunterricht ein. „Ich habe in fünften Klassen oft das Problem, dass Jungs nicht mit Mädchen zusammenarbeiten wollen und sich Grüppchen bilden. Wenn die Sportpädagogin der Stiftung Gegen Gewalt an Schulen kommt, arbeiten sie alle zusammen. Es ist ihnen egal, wer mit wem ins Team kommt“, sagt der Sportlehrer. „Das Schöne an den Pyramiden-Übungen ist, dass man den Kindern gar nicht erklären muss, worum es geht. Sie verstehen selbst, dass es hier auf Teamarbeit ankommt."

Gisela Mayer und die anderen Stiftungsgründer haben nach den schrecklichen Ereignissen in Winnenden nicht resigniert. „Was vor neun Jahren passiert ist, war kein Unfall. Das war Mord. Ein Mord der passieren konnte, weil eine Gleichgültigkeit gegenüber den Gefühlen anderer vorhanden war“, sagt Mayer. Deshalb engagieren sie sich weiter politisch für schärfere Waffengesetze, fördern die Erforschung von Gewaltursachen und unterstützen mit ihrer Arbeit, die Erziehung von Schülern und Lehrern zu mitfühlenden Menschen.

Am Ende seiner Stunde in der siebten Klasse der Friedensschule macht Lars Groven noch ein Spiel mit den Schülern. In einer Art „Reise nach Jerusalem“ müssen die Schüler versuchen, einen Platz im Stuhlkreis zu erwischen. Es gibt 28 Schüler und 27 Stühle. Im Eifer des Gefechts wird ein Mädchen versehentlich auf den Boden geschubst. Sofort bleiben die Jugendlichen stehen. Niemand kommt auf die Idee, sie links liegen zu lassen und sich den freien Platz hinter ihr zu sichern. „Seht ihr? Wir in der Gruppe wollen keine Gewalt. Wir finden sie abstoßend“, sagt Lars Groven. Die Schüler nicken zustimmend.

*Name geändert

Marie Neumann