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„Antisemiten sind ein Risiko für ihre Gesellschaften“

Ein Gespräch mit Pfarrer Michael Volkmann

„Es gibt 14 bis 15 Millionen Juden und über eine Milliarde Antisemiten auf der Welt. Sie sind ein Risiko für ihre Gesellschaften“, sagt Dr. Michael Volkmann. Die Landeskirche dürfe es nicht nur dem Bischof und den Zuständigen überlassen, allen Formen des Antisemitismus entgegenzutreten. Stephan Braun hat mit dem Pfarrer für das Gespräch zwischen Christen und Juden aus Anlass der Reichspogromnacht gesprochen, die sich am Freitag, 9. November, zum 80. Mal jährt.

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Dr. Michael Volkmann, Beauftragter für das Gespräch zwischen Christen und Juden © EMH / Kleinfeldt

Herr Volkmann, Sie haben den Nationalsozialismus nicht mehr erlebt. Jetzt jährt sich am 9. November die Reichspogromnacht zum 80. Mal. Welche Bedeutung hat für Sie dieser Tag?

Für mich hat der Tag eine große Bedeutung. Ich habe von den Massenmorden an den Juden schon als Kind erfahren, weil meine Eltern sich als Christen damit auseinandergesetzt haben. Sie waren Augenzeugen, haben die Synagogen und dann die Ruinen gesehen und das hat sie hinterher sehr beschäftigt.  Meine Tante ist schon Anfang der 60er Jahre nach Israel gereist. So habe ich gelernt, die Massenmorde an den Juden nicht isoliert zu betrachten. Zu dem, was ich von den Massenmorden hörte, kamen die Erzählungen  von Israel als lebendigem, „wiedererstandenem Staat des  jüdischen Volkes“ und die biblischen Geschichten. Der christliche Antijudaismus konnte bei mir nicht verfangen. Für mich war als Kind schon klar, dass Jesus zu diesem Volk gehört.

Ich wage die These: Der Antisemitismus ist zu allererst ein Problem der nichtjüdischen Gesellschaft, denn von ihr geht er aus. Man darf nicht darauf warten, bis sich die Angegriffenen und Opfer als erstes wehren. Was ist zu tun?

Es gibt 14 bis 15 Millionen Juden und über eine Milliarde Antisemiten auf der Welt. Sie sind ein Risiko für ihre Gesellschaften. Der Hass gegen Juden, jüdische Institutionen, jüdische Symbole und gegenüber Israel drückt sich in Wort, Schrift und in Tat aus und ist ein Problem, das alle Lebensbereiche der europäischen Kultur berührt. Denken Sie zum Beispiel an die Verleihung des Echos an die Gangsterrapper Kollegah und Farid Bang. Der Hass gegen Juden muss wahrgenommen,   angesprochen und argumentativ bearbeitet, manchmal auch skandalisiert werden. Deutschland hat keine Ideologie so geschadet wie der Antisemitismus gepaart mit dem Nationalismus.


Die Gangsterrapper Kollegah und Farid Bang haben in diesem Jahr den Echo-Musikpreis bekommen und mit ihren Texten sowie bei der Verleihung des Preises einen Eklat ausgelöst. „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“ und „mache mal wieder 'nen Holocaust“, heißt es u. a. in ihren Texten. Die Liedtexte seien voller vulgärer, menschen- und frauenverachtender Gewalt- und Sexfantasien. Weil sie aber damit dem Genre „Gangsta-Rap“ gerecht werden, sei dies nicht strafbar, sondern durch die Kunstfreiheit gedeckt, entschied die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft. Zahlreiche Musiker hatten aus Protest ihre Preise zurückgegeben, letztlich wurde der Preis abgeschafft.


Was erwarten Sie von den Christen und der Landeskirche?

Die Synode hat beschlossen, wir stellen uns allen Formen des Antisemitismus entgegen. Ich erwarte, dass man das nicht nur dem Landesbischof und den Zuständigen überlässt. Da sehe ich Handlungsbedarf.

Zum Beispiel?

Etwa wenn eine Predigt antijüdische Klischees beinhaltet, etwa ein Negativbild von Pharisäern zeichnet, abwertend über die Thora spricht oder das Christentum als die überlegene Religion darstellt. Dem gilt es etwas Positives gegenüber zu stellen, zum Beispiel dass Gottes Treue gegenüber dem jüdischen Volk ungebrochen ist, dass dieses Volk ein Segen für die Völker ist. Das müssen die Gemeinden lernen. Das muss auch in der Ausbildung von Theologen stärker verankert werden. In Bezug auf jüdische Dinge sind viele christliche Theologen nahezu Analphabeten. Das grenzt an einen Skandal.

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"Dass Christen und Juden, auch Muslime, Kommunen, Gewerkschaften, Vereine, Bildungsinstitutionen, zum Teil auch Parteien sich zusammenschließen um zu gedenken, das ist ein sehr hoffnungsvolles Zeichen", sagt Michael Volkmann. "Unsere Demokratie lebt von dieser Erinnerung." © EMH / Christian Nathan

Der Runde Tisch der Religionen Baden-Württemberg  distanzierte sich erst jüngst wieder von allen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, von Antisemitismus, Islamfeindlichkeit, der Ausgrenzung ethnischer Gemeinschaften und forderte dazu auf, die Religions- und Glaubensfreiheit gemeinsam zu verteidigen. Welche Wirkung haben solche Manifeste?

Für die Leute, die sich in dem Bereich engagieren, ist das eine wichtige Rückenstärkung und Argumentationshilfe. Für die Betroffenen ist es ein Signal: Wir sind an eurer Seite und unterstützen Euch. Und die schweigende, gleichgültige Mehrheit sollen solche Beschlüsse aufrütteln, damit sie nicht für den Hass gegen andere empfänglich werden. Aber ich mache mir keine Illusionen. Solche Verlautbarungen helfen nur, wenn sie auch tatsächlich gelebt werden.

Michael Blume, der Antisemitismusbeauftragte  des Landes, sagt: Antisemitismus ist eine Misstrauenserklärung  an die gesamte, liberale Gesellschaft. Die Juden dienen Antisemiten als Symbol für den Verschwörungsvorwurf gegen alle Andersdenkenden. Können Sie dem zustimmen?

Ja, Liberalismus und Ausgrenzung von Menschen widersprechen sich diametral. Meistens wird der Antisemitismus ja verknüpft mit einer monolithischen Identität, die die Vielfalt der Menschen in einer Gesellschaft beschneiden will, die Vielfalt im Denken, in der Kultur, in den Lebensformen.  Antisemitismus ist ein Angriff auf die menschliche Vernunft, die sich an Wahrhaftigkeit und Menschenliebe gebunden weiß. 


Pfarrer Dr. Michael Volkmann (64) ist Pfarrer für das Gespräch zwischen Christen und Juden der württembergischen Landeskirche. Die Erhebung des 9. Novembers zum kirchlichen Gedenktag in Württemberg geht auf seine Initiative zurück. Inzwischen ist der 9. November auch in die Ordnung der evangelischen Predigttexte aufgenommen und hat damit seinen Platz im liturgischen Kalender der Evangelischen Kirche in Deutschland.


Stimmt eigentlich unsere Perspektive? Wenn es um Hass auf andere geht, richtet sich der gesellschaftlich Fokus schnell auf Maßnahmen für Jugendliche.

Ich glaube,  dass die jüngere Generation sehr aufmerksam ist. Die Gedenkkultur wird von erstaunlich vielen jungen Leuten mitgetragen. Auch die Vielfalt in der Gesellschaft wird von Jungen gelebt. Ich erlebe Antisemitismus vor allem als ein Problem der älteren Generation, die noch von 1968 geprägt sind, Leuten, die ein Welterklärungsschema verinnerlicht haben, das sich aus den Gegensätzen Sozialismus – Kapitalismus und des Ost-West-Konflikts nährt. Für die kann Israel ein regelrechtes Feindbild sein. 

Inwiefern?

Vermehrt aus dieser Generation vernehme ich Schlagworte, sämtlich zu Lasten Israels, wie Apartheid, Kolonialismus, Militarisierung bis hin zu Nazivergleichen und zu der Vorstellung, Friede könne man machen, wenn man nur genug Druck auf Israel ausübte oder Israel ganz zum Verschwinden brächte. Nichts davon entspricht der Realität.

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"Er sah, dass der Dornbusch in Flammen stand, aber nicht verzehrt wurde." © EMH / Christian Nathan

Seit rund fünf Jahren gibt es die Gruppierung „Christen in der AfD“.  Wie geht das zusammen: kann man Christ sein und gleichzeitig in der AfD?
Christen gehören nicht in die AfD oder in ähnliche Bewegungen. Aber das ist ein altes Problem. Der Protestantismus  wurde lange Zeit als eine Art Nationalreligion gesehen. Der erste Antisemitismusbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2012 hat belegt, dass gläubige Menschen  eher für Antisemitismus offen sind und Protestanten zudem für Chauvinismus. Die AfD ist eine neue Plattform, auf der diese Leute wahrgenommen werden. Ich glaube nicht, dass die Antisemiten mehr werden, sehr wohl aber dass sie sich radikalisieren.  Wahr ist aber auch, dass über drei Viertel der Deutschen sich dafür nicht vereinnahmen lassen und viele wollen, dass Politik und Zivilgesellschaft dagegen halten. Das ist stark.

Um den 9. November herum, wird es wieder an einigen Orten Gedenkveranstaltungen geben. Es gibt die Gedenkstättenarbeit, Stolpersteininitiativen, Denkmäler. Die Zeit des Nationalsozialismus und das, was daraus zu lernen ist, wird in den Schulen thematisiert und in Teilen der Zivilgesellschaft. Die Zeitzeugen sterben und wir nehmen seit Jahren einen steigenden Antisemitismus wahr. Machen wir etwas falsch, müssen wir umdenken?
Nein, das Starke an der Gedenkkultur ist, dass sie von unten gewachsen, dass sie eine Basisbewegung ist, ein Anliegen vieler Menschen in der Gesellschaft. Es ist doch fantastisch, dass das größte Kunstwerk der Welt die inzwischen 70.000 Stolpersteine sind. Dass Christen und Juden, auch Muslime, Kommunen, Gewerkschaften, Vereine, Bildungsinstitutionen, zum Teil auch Parteien sich zusammenschließen um zu gedenken, das ist ein sehr hoffnungsvolles Zeichen. Unsere Demokratie lebt von dieser Erinnerung.

Angenommen, wir würden in drei Jahren noch einmal zusammensitzen, welches Fazit würden Sie dann ziehen wollen?
Wenn die aktuelle Entwicklung linear so weitergeht, wird die Gedenkkultur weiter aufblühen, sich aber auch die Gesellschaft noch mehr polarisieren. Das bedeutet, wir müssen die Auseinandersetzungen auch in Zukunft führen. Es gibt keinen Grund nachzulassen.