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Einer singt vor, die anderen singen nach

Im One-World-Chor musizieren Flüchtlinge und Einheimische gemeinsam

International, bunt und chaotisch – das ist der One-World-Chor im Stuttgarter Süden. Seit November 2015 singen dort Deutsche und Flüchtlinge miteinander. Ute Dilg hat mit Arnd Pohlmann über dieses ungewöhnliche Chorprojekt gesprochen. Der 42-Jährige Kantor der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Neckarsulm leitet den One-World-Chor.

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Chorleiter Arnd Pohlmann. © EMH

Der One-World-Chor ist kein gewöhnlicher Chor. Wie ist er entstanden und was macht ihn so besonders?
Die Idee für so einen internationalen Chor stammt vom Freundeskreis Flüchtlinge Süd in Stuttgart. Zuerst war es ein Projektchor, der zum ersten Mal 2015 bei einem Willkommensfest gesungen hat. Dann waren wir bei einem großen Asylgottesdienst mit Asylpfarrer Joachim Schlecht dabei. Da haben 70 Leute mitgesungen. Und irgendwann haben wir uns gedacht, es wäre schön, nicht immer wieder einen neuen Chor aus dem Boden zu stampfen, sondern regelmäßig zu singen. Seit Juni gibt es nun alle zwei Wochen eine Chorprobe. Jeder ist eingeladen, egal woher er kommt, wie alt er ist oder ob er denkt, singen zu können oder nicht. Das ist für mich als Chorleiter schwierig und spannend zugleich.

Was sind die Herausforderungen?
Man darf sich den One-World-Chor nicht wie einen normalen Chor vorstellen, bei dem jede Woche immer die gleichen Sängerinnen und Sänger zur Probe kommen. Es gibt zwar einen kleinen Kern von Leuten, aber die sind in der Minderheit. Im Prinzip habe ich bei jedem Treffen eine andere Gruppe vor mir. Mal 20, mal 60 Personen. Eine klassische Chorarbeit mit Sopran, Alt, Tenor und Bass ist also so gut wie unmöglich. Wir singen in der Regel einstimmig, manchmal teile ich ein in Frauen- und Männerstimmen, in hoch und tief. Mehr geht nicht.

Wie stellt man unter solchen Bedingungen einen stabilen, ständigen Chor zusammen?
Das ist schwierig. Wir stehen da noch ganz am Anfang und müssen viel ausprobieren. Am regelmäßigsten kommen die Kinder. Bei den Erwachsenen ist das unterschiedlich. Etwa die Hälfte der Teilnehmer sind Deutsche, auch einige Bewohner aus dem Generationenhaus Heslach sind dabei. Dort finden die Proben statt. Was die Flüchtlinge angeht, da gehen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Freundeskreises momentan noch in die Unterkünfte und laden persönlich ein. Es ist nicht so, dass man einen Termin ausschreibt und dann kommen alle von selbst. 

Welches Repertoire kann man mit so einer gemischten Gruppe überhaupt singen?
Noch ist das Repertoire überschaubar. Alles in allem haben wir bisher etwa sechs Lieder gelernt, etwa einige Kanons und zwei Strophen des deutschen Liedes „Die Gedanken sind frei“. Wir singen aber auch arabische oder eritreische Lieder. Diese Lieder bringen die Flüchtlinge mit, von denen viele aus Syrien, dem Irak und Eritrea stammen. Sie bringen also durchaus auch ihre musikalische Tradition ein. Wir sind ein Begegnungs-Chor. Da gehört das dazu, ist aber doch kompliziert in der praktischen Umsetzung. Zuerst müssen die Texte in die lateinische Schrift übertragen werden, so dass alle sie lesen können. Außerdem wollen alle wissen, was sie da genau singen. D. h. wir brauchen Übersetzungen, genau wie auch bei den deutschen Liedern. Und dann geht es ans Einstudieren der Melodien. 

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Der One-World-Chor in Aktion. © Caritas Stuttgart

Wie funktioniert das? Übertragen Sie die Melodien in Noten?
Nein, das wäre sehr aufwendig, und viele können auch gar keine Noten lesen. In der Regel singen die Flüchtlinge, die das Lied kennen, die Melodie aufgeteilt vor. Und die anderen singen nach. Das ist gar nicht so einfach, weil die Lieder oft ganz anders strukturiert sind als unsere. Es dauert lange, bis eine Melodie für uns Deutsche auch so klingt, dass man sie wiedererkennt. Umgekehrt geht es den Flüchtlingen mit den deutschen Liedern genauso. 

Viele der Flüchtlinge haben ein schweres Schicksal hinter sich, warten auf eine gesicherte Aufenthaltsgenehmigung oder sind gar von der Abschiebung bedroht. Kriegen Sie davon bei den Proben etwas mit? 
Wenig. Es trägt auch nicht jeder sein Schicksal vor sich her. Außerdem kommen wir ja zusammen, um zu musizieren. Und es geht darum darum, den Alltag etwas auszublenden und Begegnung zu ermöglichen. Das gilt auch für viele deutsche Teilnehmer, die einfach gerne singen und Menschen begegnen, denen sie sonst wahrscheinlich nicht begegnen würden. Und was mich angeht: Ich bin kein Sozialarbeiter, sondern ein Chorleiter und mit dem Versuch gut ausgelastet, musikalisch etwas auf die Beine zu stellen.

Wie laufen die Proben ab?
Ich kann mich nicht vorne hinstellen und alles verbal erklären, so wie ich es bei meinen anderen Chören mache. Da fehlt es einfach an den Sprachkenntnissen. Also versuche ich möglichst ausdrucksvoll vorzusingen, bis ich das Gefühl habe, dass die Leute die Melodie verstanden haben. Es geht also ums Vor- und Nachmachen. Es geht wirklich vorrangig um die Sangesfreude und die Gemeinsamkeiten. 

Haben Sie in näherer Zukunft wieder Auftritte geplant?
Momentan stehen die Proben im Vordergrund. Aber es wird sicher wieder Auftritte geben. Noch gibt es aber keine Termine.

Ab dem 11. September trifft sich der One-World-Chor wieder alle zwei Wochen immer sonntags von 15 bis 17 Uhr im Generationenhaus in Stuttgart-Heslach. Kaffeepause inklusive. Neue Sängerinnen und Sänger sind herzlich willkommen.