| Landeskirche

„Wir müssen uns als Christen in Europa stark machen“

Sommertagung der Landessynode in Ulm zu Ende gegangen

Am Samstag, 7. Juli, ist die Sommertagung der Württembergischen Evangelischen Landessynode in Ulm zu Ende gegangen. Seit Donnerstag, 5. Juli, hatten die rund 90 anwesenden Landessynodalen im Maritim Hotel unter anderem über den zweiten Nachtragshaushalt 2018, die Mittelfristige Finanzplanung 2018 bis 2022 sowie diverse Kirchengesetze beraten. Am Freitag wurde zu einem Schwerpunkttag zum Thema „Geistlich leiten – vom Geist geleitet“ eingeladen. In einer Aktuellen Stunde am Samstag diskutierte die Landessynode über die gegenwärtige Asyldebatte, die Bestrebungen, Menschen an der Flucht nach Europa zu hindern und die aktuellen Pläne zu Transitlagern.

5756
Die diesjährige Sommertagung der Württembergischen Evangelischen Landessynode fand im Ulmer Maritim Hotel statt. © EMH/Gottfried Stoppel

Aktuelle Stunde

Was bedeutet es heute, eine flüchtlingsbereite Kirche zu sein? Mit dieser Frage beschäftigte sich die Landessynode in ihrer Aktuellen Stunde. Die Synodalen zeigten sich betroffen und empört darüber, wie Flüchtlinge und Helfer in den vergangenen Monaten diffamiert und kriminalisiert wurden. „Stellen Sie sich vor, der barmherzige Samariter hilft jemandem und wird deshalb angezeigt“, sagte der Ulmer Dekan Ernst-Wilhelm Gohl. „Genau das macht die AfD gerade.“ Er rief alle Gemeindeglieder dazu auf, in ihrem Umfeld Stellung zu beziehen. „Es kann nicht sein, dass wir Menschen sehenden Auges im Meer ertrinken lassen. Das ist der Start in die Barbarei“, so Gohl. Elke Dangelmaier-Vinçon (Ludwigsburg) sprach von einem „Wettlauf der Schäbigkeit.“ Immer offener würden braune Parolen verbreitet. „Das christliche Abendland steht für andere Werte“, betonte sie. Franziska Stocker-Schwarz (Stuttgart) fügte hinzu: „Der Umgang mit Migranten ist ein Kriterium im Verhältnis zu Gott.“

„Flüchtlinge werden gemacht. Auch durch uns“, erklärte Walter Keppler (Neckarsulm). Er wies auf die wirtschaftlichen Probleme in vielen Ländern der Welt hin, die auch auf das Konsumverhalten hierzulande zurückzuführen sind. Des Weiteren kritisierte er die „ungeheure Militarisierung“ in der Welt. Er rief die Landeskirche dazu auf, „vehementen Einspruch gegen eine Erhöhung des Militäretats in Deutschland zu erheben“.

Oberkirchenrat Dieter Kaufmann, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Württemberg, dankte allen Haupt- und Ehrenamtlichen, die sich in Kirche und Diakonie in der Flüchtlingsarbeit engagieren. Es sei wichtig, jetzt Kurs zu halten, sich klar zu positionieren und dieses Engagement aufrechtzuerhalten. „Wir müssen uns als Christen in Europa stark machen, alle Flüchtlingshelfer zu stützen, die gefährdet und bedroht werden“, so Kaufmann. Der Diakoniechef wies auf die „höchst gefährliche“ Entwicklung hin, Entwicklungszusammenarbeit mit Migrationskontrolle zu koppeln. Dem stehe die wichtige Arbeit der kirchlichen Hilfswerke entgegen, vor Ort Ressourcen zu stärken und Fluchtursachen wirksam zu bekämpfen.

Schwerpunkttag

„Um unsere Kirche geistlich zu leiten, müssen wir uns selbst und unsere Gremien auch vom Geist leiten lassen und von Gott unsere Kraft beziehen“, sagte Synodalpräsidentin Inge Schneider zum Auftakt des Schwerpunkttages am Freitag. Nach einer Dialogbibelarbeit mit Prof. Christina Aus der Au, Theologische Geschäftsführerin am Zentrum für Kirchenentwicklung der Universität Zürich, und Pfarrer Thomas Maier, Direktor der Missionsschule in Unterweissach, referierten Prof. Dr. Reiner Knieling, Leiter des Gemeindekolleg der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands, und Pfarrerin Isabel Hartmann, ebenfalls Mitarbeiterin im Gemeindekolleg, zum Thema „Geistlich leiten in synodalen Gremien“.

Knieling hat engagierten Kirchenmitgliedern geraten, ihre haupt- und ehrenamtliche Mitarbeit gelassener zu tun, da Gottes Reich von selbst wachse, sagte Knieling. Hartmann sprach sich für klare Vereinbarungen in kirchlichen Gremien aus. So müssten sich die Mitglieder darauf verlassen können, dass persönliche Informationen auch vertraulich bleiben. Sinnvoll sei es, während Beratungen von Zeit zu Zeit innezuhalten und sich gemeinsam wieder neu auf Gott auszurichten.

Im Anschluss veranstaltete die Landesynode auf dem Münsterplatz eine Speakers‘ Corner. Verschiedene geistliche Gemeinschaften und Einrichtungen der Landeskirche konnten sich mit ihren Anliegen an die Passanten wenden und mit ihnen ins Gespräch kommen. Vor Ort waren unter anderem der CVJM Esslingen, das Seehaus Leonberg Prisma, das Flüchtlingsdiakonat der Prälatur Ulm und die Gemeinschaft St. Michael.

Im Gottesdienst am Nachmittag im Ulmer Münster mit Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July und Synodalpräsidentin Inge Schneider sagte July in seiner Predigt: „Wir sprechen in der Kirche oft von der ‚Einheit der Verschiedenen‘ in Jesus Christus.“ Diese Rede von der Einheit höre man oft als gut gemeinten Versöhnungssatz, als Appell und Beschwörung zum Beispiel in Predigten, Erklärungen und Bischofsworten. „Aber im Alltag bleiben Gräben“, so July weiter. Es fehle eine echte, ernstgemeinte Alltagspraxis dieser „Einheit der Verschiedenen“. Kirche sei nicht die Gemeinschaft der Macher, der Helden, der Heiligen, der Wissenden. „Kirche, das ist die Gemeinschaft der Auf-Christus-Angewiesenen, der Scheiternden, der Schmutzigen, der Unreinen, denen Christus entgegenkommt“, so July. „Mit Christus verbunden zu sein, heißt dort zu sein, wo Menschen leiden. Das heißt, dort treu zu bleiben, da zusammenzuhalten, wo Menschen um der Gerechtigkeit, um Christi willen verfolgt werden“, so der Landesbischof.

Im Rahmen des Gottesdienstes bestand die Möglichkeit an 14 Stationen Erfahrungen mit unterschiedlichen geistlichen Angeboten zu machen. „Das reicht vom Kerzenanzünden, geleiteter Mediation über die Möglichkeit zum seelsorgerlichen Gespräch, sich segnen zu lassen, zur Beichte zu gehen, gemeinsam zu singen oder auch ein Labyrinth zu begehen“, erklärte Schneider. „Damit wollen wir zeigen, dass es ganz verschiedene Formen gibt, um mit Gott in Verbindung zu bleiben, und allen Mut machen, sich darauf einzulassen“.

Bereits am Donnerstag beschlossen die Synodalen den zweiten Nachtragshaushalt 2018 und haben über die Mittelfristige Finanzplanung 2018 bis 2022 beraten.


Ausblick
Die nächste Tagung der Landeskirche findet vom 26. bis 29. November im Hospitalhof in Stuttgart statt. Bei der Herbsttagung steht traditionell der Beschluss des Haushalts für das Folgejahr auf der Tagesordnung.