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Anwalt und Lobby für Flüchtlinge sein

Neue Koordinationsstelle für Flüchtlingsarbeit des Kreisdiakonieverbands Esslingen

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Ragini Wahl, Enno Knospe, Veronika Schlechter, Ulrich Enderle, Marianne Gmelin, Eberhard Haußmann (v.l.). © Ulrike Rapp-Hirrlinger

Die Zahl der Flüchtlinge im Landkreis Esslingen steigt ständig. Bis zum Jahresende sollen es 1900 Personen sein. Das stellt auch Kirche und Diakonie vor neue Aufgaben. „Wir sind verstärkt gefragt, uns zu positionieren“, sagt Eberhard Haußmann, Geschäftsführer des Kreisdiakonieverband Esslingen. In den vier evangelischen Kirchenbezirken im Landkreis Esslingen gibt es seit Jahren Bezirksbeauftragte für Flüchtlingsarbeit. Sie sind Pfarrer oder ehrenamtlich Engagierte und arbeiten eng mit Ehrenamtlichen vor Ort zusammen. Der KDV hat nun zusätzlich eine hauptamtliche Koordinierungsstelle für Flüchtlingsarbeit geschaffen, die komplett aus Eigenmitteln finanziert wird. Veronika Schlechter ist mit dem Aufbau einer Servicestelle und einer stärkeren Vernetzung bestehender und neuer Angebote betraut.

Schlechter hat  internationale Religionspädagogik und Soziale Arbeit studiert. Die evangelische Diakonin arbeitet derzeit als Sozialarbeiterin für unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge in Neuhausen. Seit kurzem ist sie nun auch für die Koordination der kirchlich-diakonischen Flüchtlingsarbeit im KDV zuständig. Sie soll die bestehenden Strukturen und Angebote in den Kirchengemeinden bündeln und so das Potenzial der Kirchengemeinden für die Flüchtlingsarbeit besser nutzbar machen. Schlechter wird bereits bestehenden wie auch neu gebildeten Arbeitskreisen zur Unterstützung von Flüchtlingen beratend zur Seite stehen, die Ehrenamtlichen begleiten und Schulungen anbieten. Erste Anfragen seien bereits eingegangen, erzählt sie. Auch die Information von Kirchengemeinden, Gremien und Institutionen gehört zu ihren Aufgaben. Durch gezielte Vernetzung sollen einzelne gut funktionierende Konzepte und Angebote auch auf andere Kirchengemeinden übertragen werden. Schwierig werde die Situation von Flüchtlingen oft auch dann, wenn sie von den Gemeinschaftsunterkünften in sogenannte Anschlussunterkünfte in kleinere Gemeinden übersiedelten. Hier soll Schlechter ein Konzept zur Begleitung entwerfen.

Warum aber macht sich Kirche überhaupt für Flüchtlinge stark? Es sei biblischer Auftrag, Fremde zu schützen, betont Pfarrer Enno Knospe, Kirchenbezirksbeauftragter in Esslingen, das Gebot der Gastfreundschaft. Dass in den Kirchengemeinden häufig große Bereitschaft besteht, Flüchtlinge willkommen zu heißen und zu unterstützen, hat Pfarrer Ulrich Enderle erlebt, der mit der Flüchtlingsarbeit im Kirchenbezirk Bernhausen beauftragt ist. Es gelte die Menschen in den Gemeinden für die Sorgen und Nöte der Flüchtlinge zu sensibilisieren und für sie einzutreten. Christliche Flüchtlinge wollten an die Kirchengemeinden „andocken“, was für jene eine Herausforderung sei, schon wegen der sprachlichen Hürden. Enderle betont aber: „Wir machen keine Unterschiede zwischen Religionen und Weltanschauungen.“ Seine Nürtinger Kollegin Ragini Wahl hat erfahren: „Wo die Gemeinde und der Kirchengemeinderat offen sind, ist vieles möglich zur Integration – von der Teilnahme an der Krabbelgruppe, der Jugendarbeit oder im Frauenkreis.“ Dadurch werde ein soziales Netz geknüpft und den Flüchtlingen zudem ermöglicht, Sprachkompetenz zu erwerben. Außerdem könnten sie eigene Kompetenzen einbringen. Wahl betont die Verantwortung der Kirchen, Anwalt und Lobby für Flüchtlinge zu sein. Das könne bis zum Kirchenasyl gehen. Dies müsse aber immer die absolute Ausnahme sein.

Marianne Gmelin, Kirchenbezirksbeauftragte von Kirchheim, beschreibt die Bandbreite des ehrenamtlichen Engagements von den „“Kleinigkeiten des täglichen Lebens bis zur Frage der Arbeitsmöglichkeiten“. Da kämen die Ehrenamtlichen oft an ihre Grenzen. Diese seien „Bindeglied zur Gesellschaft und zu den Behörden“. Doch um die ehrenamtliche Arbeit gut leisten zu können, brauche es auch die entsprechenden Rahmenbedingungen wie etwa Räume, in denen Beratung stattfinden könne, oder Supervision für die Ehrenamtlichen, die in ihrer Arbeit zuweilen an psychische Grenzen stießen.

Gmelin fordert von der Politik unter anderem, die Arbeitseinschränkungen zu lockern, „damit qualifizierte Menschen nicht zum Nichtstun verdammt werden“, und die ausreichende Finanzierung von Sprachkursen. „Das Ehrenamt kann nicht die Arbeit von Hauptamtlichen übernehmen, sondern nur Ergänzung sein“, betont sie. Eberhard Haußmann sieht das ähnlich und ergänzt: „Die Bundesregierung muss sich für eine Politik einsetzen, die es den Menschen möglich macht, in ihren Heimatländern zu bleiben.“