| Flüchtlinge

Kicken gegen die Zukunftsangst

Es ist ein bunter Haufen, der sich auf dem Pleidelsheimer Sportplatz trifft. Seite an Seite mit deutschen Spielern kicken hier Hobby-Fußballer aus Syrien, Eritrea, Gambia und anderen Ländern. Ein evangelischer Pfarrer hat ein ungewöhnliches Flüchtlingsprojekt gestartet, bei dem Flüchtlinge ihre Sorgen für 90 Minuten vergessen können.

Ahmad gibt alles. Trotz praller Sonne und brütender Hitze sprintet der 26-Jährige über den Pleidelsheimer Sportplatz, den Blick fest auf den Ball vor ihm geheftet. Die Verfolger sind ihm dicht auf den Fersen, deshalb läuft er, dass seine orangene Weste und die kurze Shorts nur so flattern. Dann der Schuss aufs Tor von Keeper Samuel Hartmann. Daneben. Diesmal.

Beim "FC Doppelpass" gibt es keine Ressentiments, nur Teams und einen fairen sportliches Wettkampf. 20 bis 35 Spieler treffen sich hier jede Woche. Die Hälfte von ihnen sind Flüchtlinge, die andere Hälfte kommt aus dem Ort. Junge Feuerwehrmänner und Spieler des Sportvereins GSV sind genauso dabei wie mehrere Spieler aus der evangelischen Kirchengemeinde von Pfarrer Samuel Hartmann. "Es ist eine ganz bunte Allianz", sagt dieser.

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Gesprochen wird eher wenig. "Ahmad, heiß heute?", wird der junge Sprinter gefragt. "Ja, anstrengend!", gibt er zurück. Schon wenige Vokabeln reichen, um Interesse füreinander zu zeigen. Wo selbst sie fehlen, helfen Hände und Füße - und natürlich das gemeinsame sportliche Spiel, dass selbst aus völlig Fremden in kürzester Zeit ein Team formt.

Der Integrationsgedanke zwischen den verschiedenen Pleidelsheimer Gruppierungen funktioniere, betont Hartmann. Anfängliche Vorbehalte einiger Bewohner gegen die Flüchtlinge hätten sich inzwischen weitgehend gelegt.

Dass Ahmad Ibrahem sich wohlfühlt im Team, ist ihm anzusehen. Er lacht viel. "Ich liebe Sport - jede Bewegung. Wir haben hier eine gute Zeit zusammen." Vor rund sieben Monaten kam der studierte Zahnmediziner aus Syrien nach Deutschland, dann über Karlsruhe und Mannheim nach Pleidelsheim. Hier habe er Freunde gefunden, sagt der Moslem. "Aber ich habe Sorgen, wie es weitergeht. Ich möchte gern bleiben."

Wenn der Ball rollt, kann er seine Zukunftsängste für einige wertvolle Minuten verdrängen. Doch zu schnell holen sie ihn wieder ein. Diesmal passiert es schon auf dem Platz, als sich die Nachricht über einen syrischen Teamkameraden verbreitet. "Er hat Bescheid gekriegt, dass er zurück muss nach Italien. Da müssen wir nachher mal schauen...", sagt Hartmann gedankenversunken. Der 19-Jährige war wegen seiner guten Englischkenntnisse zum Sprachrohr der integrativen Truppe geworden.

Vor rund sechs Monaten hat der Pfarrer, der in der kirchlichen Sportarbeit groß geworden ist, mit dem Arbeitskreis Asyl die bunte Mannschaft ins Leben gerufen. "Jetzt gehen die ersten wieder oder müssen woanders hin. Neue kommen. Es ist gut, dass die Anzahl wenigstens stabil ist."

Die Unterstützung der Kirchen, die in Baden-Württemberg traditionell sehr stark sind, hilft uns und den Menschen sehr.
Integrationsministerin Bilkay Öney

2013 kamen 13.853 Flüchtlinge nach Baden-Württemberg, 2014 waren es 25.673 und im ersten Halbjahr 2015 bereits 22.050. Rund jeder Fünfte war aus Syrien geflüchtet. Ähnliche Angebote wie den "FC Doppelpass" gebe es inzwischen auch in einigen anderen Kirchengemeinden im Südwesten, teilen die Evangelischen Landeskirchen in Baden und Württemberg auf Nachfrage mit. Integrationsministerin Bilkay Öney (SPD) lobt: "Die Unterstützung der Kirchen, die in Baden-Württemberg traditionell sehr stark sind, hilft uns und den Menschen sehr."

Die württembergische Landeskirche hat gerade eine Umfrage zu den Flüchtlingsangeboten gestartet und bekommt jetzt nach und nach Rücklauf. "Weil es zu den genuin kirchlichen Aufgaben gehört, Menschen in Not zu unterstützen, ist diese Arbeit für viele Menschen eine Selbstverständlichkeit und ein Herzensanliegen", sagt ihr Sprecher Oliver Hoesch.

Der Karlsruher Oberkirchenrat und Migrationsfachmann Jürgen Blechinger macht deutlich, dass solche integrativen Angebote an Orten mit Erstaufnahmestation besonders wichtig seien. Gerade erst hätten Caritas und Diakonie mit anderen Trägern ein solches Fußball-Angebot für Karlsruhe auf die Beine gestellt. Ansonsten habe aber die Integration der Flüchtlinge in Ortsvereine Vorrang. "Man schaut erst einmal, wie man die Leute in die normalen Strukturen integrieren kann."

Hartmann möchte mit "seinen Jungs" vom "FC Doppelpass" ab Herbst in der Eichenkreuzliga im Evangelischen Jugendwerk antreten. Das gehe nur mit einer Sondererlaubnis - wegen des Passzwangs, den sie nicht erfüllen könnten, erklärt er. Und lachend fügt er hinzu: "Besonders gut werden wir nicht abschneiden."

Quelle: Evangelischer Pressedienst (EPD)