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Tag der Arbeit am Sonntag

In diesem Jahr fällt der 1. Mai und damit der Tag der Arbeit auf einen Sonntag. Aber passt das auch zusammen: Arbeit und Freizeit? Rundfunkpfarrerin Dr. Lucie Panzer meint ja. Eine Andacht zum Tag der Arbeit 2016.

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Rundfunkpfarrerin Dr. Lucie Panzer © EMH

Alle paar Jahre fällt der Tag der Arbeit auf einen Sonntag. Seit über 100 Jahren setzen sich Arbeitnehmer am 1. Mai für Ihre Rechte ein und versichern sich in Versammlungen: Wir sind viele. Wir leisten viel für unser Land. Und wir haben das Recht auf gute Arbeitsbedingungen. Nur dann können wir auch gut arbeiten. Passt das zum Sonntag, der eigentlich arbeitsfrei ist?

Vielleicht ja gerade. Denn am Sonntag geht es um das Recht auf Freizeit. Und Arbeit und Freizeit gehören zusammen. Nur wer genügend Freizeit hat, kann gut arbeiten. Dieses Recht, an einem Tag in der Woche arbeitsfrei zu leben, geht auf die Tradition der Juden und Christen zurück. „Du sollst den Feiertag heiligen“, ist das dritte der Zehn Gebote. Auch wir Christen halten deshalb einen Tag in der Woche arbeitsfrei, so gut es geht: den Sonntag. Das dritte Gebot ist nämlich keine Kann-Bestimmung. Es heißt nicht: Du kannst ab und zu ausruhen. Es heißt: Du sollst diesen Ruhetag einhalten.

Ich finde das bemerkenswert, gerade heute. Denn ich beobachte: Wir haben zwar mehr Freizeit als die Menschen früher. Auch der Samstag ist für viele Freizeit, wir haben Urlaubsregelungen und viel mehr Feiertage als nur jeden siebten Wochentag. Aber inzwischen wird Arbeit am Wochenende in manchen Betrieben wieder eingeführt oder erwartet. Und besonders bei jüngeren Kollegen beobachte ich, dass sie Arbeit mit ins Wochenende nehmen oder in den Urlaub. Als Ausgleich dafür nehmen sie dann zwischendurch halbe oder ganze Tage frei, weil sie für die Familie da sein müssen. Dafür war am Feierabend oder im Urlaub keine Zeit, weil sie da ihre Arbeit fertig gemacht haben. So stehen die Kollegen dauernd unter Druck und haben immerzu das Gefühl: Ich werde nicht fertig mit meiner Arbeit, und alles wächst mir über den Kopf und ist viel zu viel.

Manchmal denke ich: Vielleicht würde es helfen, konsequenter zu trennen zwischen Arbeit und Freizeit. Wenigstens an einem Tag in der Woche und im Urlaub sowieso. Ich jedenfalls fühle mich deutlich besser, seitdem ich konsequent den Sonntag frei halte, auch wenn manche Kollegen sich darüber wundern und das zwanghaft finden und sagen: „Kannst Du nicht vielleicht doch am Sonntag…?“ 

Natürlich kann ich – wenn es wirklich nicht anders geht. Und ich weiß auch, dass es Berufe gibt, in denen muss man auch am Sonntag arbeiten. Damit Kranke gepflegt werden, Alte versorgt und Menschen beim Sonntagsausflug etwas zu essen bekommen. Man kann es denen nicht hoch genug anrechnen, die dafür arbeiten müssen. Aber wo es möglich ist, sollten wir am freien Sonntag festhalten. Ich glaube, vielen würde das gut tun. Der Tag der Arbeit am Sonntag erinnert jedenfalls auch daran. 

Dieser Beitrag wurde ursprünglich als ‚Anstoß‘ auf SWR 1 gesendet.