| Kirchenjahr

Wo willst du hin, Judas?

Als Judas aus dem Kreis der Freunde trat, um Jesus zu verraten, hat keiner ihn gefragt: „Wo gehst du hin?“ Genau wie es uns heute oft nicht kümmert, wenn einer plötzlich ganz anders ist als sonst und sich zurückzieht. Das aber kann schlimme Folgen haben. Eine Andacht zum Gründonnerstag von Pfarrerin Dr. Karoline Rittberger-Klas.

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© EMH

Warum hat ihn keiner aufgehalten? – Man muss sich das vorstellen: Eine Gruppe enger Freunde sitzt zusammen am Tisch. Sie essen gemeinsam, feiern ein Fest. Und plötzlich geht einer raus und verschwindet in der Dunkelheit.

Die Geschichte vom letzten gemeinsamen Essen Jesu mit seinen Jüngern, die heute am Gründonnerstag in den Kirchen erzählt wird, ist auch die Geschichte von Judas. Judas, der einfach aufsteht von der Festtafel und weggeht, um Jesus zu verraten und an die auszuliefern, die seinen Tod wollen. Wir wissen: Das Geld, das Judas für seinen Verrat bekommt, macht ihn nicht glücklich, sondern im Gegenteil todunglücklich. Am Ende, so berichtet es der Evangelist Matthäus, nimmt er sich selbst das Leben.

Eine rätselhafte Gestalt, dieser Judas. Was er für einer war und was ihn zu seiner Tat bewegt hat, da sind sich selbst die biblischen Autoren nicht einig. Was mich aber noch viel mehr beschäftigt: Warum hat ihn keiner aufgehalten? Haben es die anderen gar nicht gemerkt, dass sich da einer entfernt aus ihrem engen Freundeskreis – zuerst innerlich und schließlich auch räumlich? Offensichtlich nicht. Keiner fragt ihn „Judas, wo willst du hin?“. Keiner ruft ihm hinterher: „Judas, bleib doch!“. Keiner geht ihm nach.

Mich beschäftigt diese Szene, weil ich glaube, dass das immer wieder passiert. Dass ein Mensch sich allmählich entfernt von seinem Freundeskreis, der Familie, den Kollegen oder Mitschülern. Erst einmal vielleicht nur innerlich, obwohl er noch überall dabei ist. Irgendwann zieht er sich auch äußerlich zurück, bleibt lieber zuhause, ruft nicht mehr an. Und manchmal ist es dann leider wie bei Judas: Keiner merkt es so richtig. Oder wenn es jemand merkt, traut er sich nicht, den anderen anzusprechen. „Der will halt nicht.“ – „Der ist so komisch geworden.“ – „Der wird schon wissen, was er tut.“ Nicht immer hat das so dramatische Folgen wie bei Judas, Gott sei Dank. Aber manchmal eben doch. Da nimmt sich ein erfolgreicher Mensch in den besten Jahren plötzlich das Leben. Oder ein Jugendlicher läuft Amok und reißt Mitschüler und Lehrer mit in den Tod.

Ich verstehe die Geschichte von Gründonnerstag deshalb auch als Erinnerung. Als Erinnerung, aufmerksam zu sein, was in meinem Bekanntenkreis geschieht. Und wenn jemand sich entfernt, innerlich oder äußerlich, ihn oder sie anzusprechen: „Wo gehst du hin?“ Und, wenn nötig, nachzugehen.

Ein „Wort zum Tag“ für SWR 2.