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„Ja, der Stein ist weg!“

Karfreitags- und Osterbotschaft 2016 von Landesbischof July

„Der erste Karfreitag endet damit, dass ein Stein vor das Grab von Jesus gewälzt wird. Nichts Ungewöhnliches. Schluss ist! Ein Leben ist beendet, fürchterlich hingerichtet. Fertig! Keine Perspektiven mehr möglich. Der Stein verschließt jeden Weitblick.

Drei Tage später – das Gegenteil: Der Stein ist weg, das Grab ist leer. Neue Durchblicke, Aufblicke, Fernblicke sind möglich. Neuanfang, wo alles beendet schien.

Der Stein ist weg und Ostern beginnt. So wird ein Stein beides zugleich: Sinnbild für den Tod und Symbol für das Leben. Es kommt darauf an, wo er liegt. Übrigens: Vor das Grab wälzen Menschen den Stein, vom Grab weg wälzt ihn ein Bote Gottes. Nur Gott selbst kann das neue Leben bringen. Das ist der Unterschied.

Karfreitag 2016

Terroristen haben wieder zugeschlagen, dieses Mal in Brüssel, und Tod und Leid über viele Menschen gebracht. Sie wälzen Steine dorthin, wo Menschen frei und mit Blick in die Zukunft leben wollen. Sie wälzen Steine dorthin, wo Menschen im Miteinander der Kulturen, Religionen und menschlichen Werte leben wollen. Sie wälzen Steine dorthin, wo Menschen sich freuen, lachen, glücklich sind.

An den Grenzräumen Europas stehen Menschen im Dreck und in der Hoffnungslosigkeit. Steine sind in den Weg gewälzt. Am Leid und der Perspektivlosigkeit der gestrandeten Frauen, Männer und Kinder wird sich durch das Abkommen mit der Türkei nichts ändern. Auch nicht für die, die sich neue Wege suchen, wieder auf Schiffen des Todes übers Meer fahren oder sich Menschen anvertrauen, die dieses Vertrauen nicht verdient haben. Kein Durchblick und Fernblick möglich.

Viele Menschen in dieser Welt machen Karfreitagserfahrungen. Und viele Fragen brechen auf: Was können und müssen wir tun, um dem Terror Einhalt zu gebieten? Was ist mit all den Zäunen und Barrieren dieser Welt, mit den Soldaten, die sie bewachen, und den Menschen, die den Preis für eine solche politische Bankrotterklärung bezahlen? Was ist mit den Seelenverkäufern und Schleppern, die Flüchtlinge statt in die Freiheit ins Verderben führen? Was mit dem Hunger, der Armut und dem Krieg überall auf der Welt? Und was mit der Angst und der Not, unter der viele Menschen hierzulande leiden?

„Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?“ fragen sich die Frauen hilflos (Markus 16,3). Wer? Er, Gott, beziehungsweise sein Engel: „Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war.“ (Markus 16,4).

Ostern 2016

Der Stein vor dem Grab ist weg – von Gottes Hand. Der auferstandene Christus kommt in die Mitte dieser Welt des Todes, des Terrors, der Flucht und der Hoffnungslosigkeit. Er ruft uns in das neue Leben der Hoffnung und des Trostes. Gottes Wirklichkeit ist der weggewälzte Stein, an dem die Bosheit dieser Welt zerbrechen wird oder schon zerbricht. Wenn die Terroristen dieser Welt glauben, sie hätten mit ihren feigen Attentaten das letzte Wort, dann irren sie sich gewaltig: So wie Gott den Stein vom Grab seines Sohnes Jesus weggewälzt hat, so wälzt er den Stein auch und gerade von den Gräbern all der Opfer weg und lässt Ostern werden. Dem Leben, nicht dem Tod gehört der Sieg.

Wo es darum geht, dem Leben zum Durchbruch zu verhelfen, sind wir nicht allein. Das ist die Botschaft von Ostern. Gott hilft mit, Steine aus dem Weg zu räumen, und seien sie auch noch so groß. Er will, dass wir es schaffen, ohne dass dabei die Menschlichkeit und menschliche Grundrechte auf der Strecke bleiben. Er gibt die Kraft dazu. Oder anders und mit diesen Worten: Ja, der Stein ist weg!

Einen gesegneten Karfreitag und ein Osterfest, das dem Tod in dieser Welt trotzt.“

Ihr
Frank Otfried July