| Gesellschaft

Ein Tagebuch, das antwortet

Seelsorgerliche E-Mail-Beratung von Jugendlichen für Jugendliche

Mein bester Freund hat sich umgebracht, was soll ich nur tun?“ Wie antwortet man auf so eine Frage? Christina ist 18 Jahre alt und beantwortet E-Mails von Jugendlichen mit Problemen, die das gewöhnliche Spektrum von Teenie-Dramen meist weit überschreiten. Seit über zwei Jahren engagiert sie sich ehrenamtlich bei nethelp4u, einem Projekt der Jugendkirche Stuttgart.

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© clipdealer.de / Maren Strassner

Christina weiß, was es bedeutet, sich unverstanden und verlassen zu fühlen. Jahrelang wurde sie von ihren Mitschülern gemobbt. „Ich kannte nethelp4u damals nicht, aber ich wünschte, ich hätte davon gewusst“, sagt sie. Heute hilft ihr ihre Vergangenheit, sich in verzweifelte Jugendliche hineinzuversetzen. Berater im eigenen Alter, das macht für Christina den Erfolg von nethelp4u aus. „Jugendliche fühlen sich von uns eher verstanden, als wenn ihnen ein in ihren Augen abgehobener Erwachsener irgendwas erzählt.“

Den entscheidenden Anstoß, bei nethelp4u mitzumachen, gab Christina jedoch das Schicksal einer Mitschülerin. Das Mädchen fühlte sich als Junge und hatte deswegen viele Probleme. Sie ritzte sich, hatte mit Drogen zu tun und hatte kaum Bezugspersonen, da sie getrennt von ihren Eltern lebte. Christina hatte derweil die Schule gewechselt. Sie erfuhr kurz danach, dass ihre frühere Freundin komplett abgestürzt war. „Das war für mich der Punkt, an dem ich mir gewünscht habe, andere Jugendliche zu unterstützen“, erklärt Christina. Sie informierte sich im Internet und wurde bei nethelp4u fündig. Nach einem langen Einführungsgespräch mit Christoph Werkmann, dem Leiter des Projekts, fing sie ihre Grundausbildung an.


Nethelp4u wurde 2007 in Stuttgart gegründet. Freiwillige Helfer zwischen 16 und 25 Jahren bearbeiten bis zu 3.000 Mails von hilfesuchenden Jugendlichen pro Jahr. 2015 erhielt die Organisation den Diakonie-Preis Baden-Württemberg.


Christoph Werkmann ist Diakon bei der Jugendkirche Stuttgart und Berater der aktiven Nethelper. Er beschreibt das Projekt als eine Art virtuelles Tagebuch. Den Jugendlichen würde das Aufschreiben ihrer Gedanken und Gefühle oft schon helfen. Da sie bei nethelp4u auch noch eine verständnisvolle Antwort erhalten, geht es ihnen danach meist besser. Der Diakon betont, dass seine Institution nicht den Anspruch erhebt Jugendliche zu therapieren, jedoch bietet sie ihnen in ihrer Verzweiflung eine erste Anlaufstelle. Die Antwortmails lindern das erdrückende Gefühl der Einsamkeit. Bei Härtefällen leisten die Online-Berater im besten Fall Überzeugungsarbeit und bewegen die Jugendlichen zu einer Therapie.

Etwas zu bewirken, einen Unterschied zu machen, dass ist es was Christina antreibt. Deswegen nimmt sie sich jeden Abend Zeit um Mails aus dem Postfach von nethelp4u zu beantworten. Gleich ihr erster Fall war ein Junge, dessen bester Freund sich umgebracht hatte. „Es hat mich gefreut, dass er sich von einem Mädchen helfen lassen wollte“, sagt sie. „Er hat sich auch immer wieder bei mir bedankt und ich hab gemerkt, dass es ihm geholfen hat, dass ich ihm zuhöre und antworte.“
Zwar möchte Christina später nicht als Sozialarbeiterin, sondern bei der Polizei arbeiten, ehrenamtlich engagieren will sie sich aber auch weiterhin. „Ich bin dann zu alt, um bei nethelp4u weiter zu machen. Aber ich möchte weiter im seelsorgerischen Bereich aktiv sein.“

Marie-Louise Neumann