Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke abgelehnt
Schönblick (Schwäbisch Gmünd). Für Diskussionen während der Herbsttagung der Landessynode 2010 sorgte der Beschluss der schwarz-gelben Bundesregierung, die Laufzeiten für Atomkraftwerke nun entgegen einem anderslautenden Beschluss der rot-grünen Koalition doch zu verlängern. In einem zweiten Teil der aktuellen Stunde diskutierte die Landessynode das Thema. Die Mehrheit der Redner lehnte die Laufzeitverlängerung ab.
Ruth Bauer sprach sich dafür aus, sich dem Votum der EKD-Synode anzuschließen. Paul Eckert betonte, die Atompolitik sei ein politisches Thema und kein originäres Kirchenthema. Die Bundesregierung habe nicht den Bau neuer Kernkraftwerke beschlossen, sondern eine Laufzeitverlängerung für die alten, bestehenden Kernkraftwerke. Eckert sagte: "derzeit benötigen wir den Atomstrom". Es mache keinen Sinn, deutsche Atommeiler abzuschalten und dann Atomstrom aus dem Ausland zu beziehen. Die Klimaproblematik sei eng CO2-verbunden – Atomstrom sei sauber und könne deshalb nicht unberücksichtigt bleiben. Die Gesellschaft sei zum Sparen verpflichtet, denn die Atomkraftwerke seien abbezahlt. Das führe zu billigerem Strom. Die Einsparungen könnten für den Ausbau erneuerbarer Energien verwendet werden. Im Hinblick auf die Demonstrationen im Wendland sagte er: Wenn jeder selbst entscheiden dürfe, welche Gesetze für ihn gelten und welche nicht, sei die Gesellschaft auf einem gefährlichen Weg. Susanne Mauch-Friz sagte, die Atompolitik sei reine Klientelpolitik. "Wie man es auch dreht und wendet, kommt man zu dem Schluss, dass es bei einer Laufzeitverlängerung nur ums Geldverdienen geht". Sie wies darauf hin, dass die Verlängerung bedeute, dass noch mehr gefährlicher Müll entstehe, obwohl man schon jetzt nicht wisse, wie man den schon bestehenden Müll entsorgen solle. Die evangelische Kirche solle sich einmischen. Waltraud Bretzger ging darauf ein, wie die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl 1986 sich auch in Tübingen, ihrem damaligen Wohnort, ausgewirkt hat. Seinerzeit habe nicht einmal der Schnittlauch, der im Garten der Oma wuchs, gegessen werden dürfen, so verstrahlt sei er gewesen. Bretzger weiter: "Wir sind der Schöpfung gegenüber verantwortlich". Es sei zu respektieren, dass es auch innerhalb der Kirche unterschiedliche Meinungen zum Thema Laufzeitverlängerung gebe. Dennoch sprach sie sich gegen eine Laufzeitverlängerung aus. Kerntechnik sei weder gut noch schlecht – doch sei sie bedroht, etwa durch terroristische Anschläge. Außerdem sei die Technik fehleranfällig. "Die Überzeugung, der Mensch habe alles im Griff, ist theologisch unverantwortlich". Deshalb sei sie gegen eine Verlängerung der Laufzeiten für Atomkraftwerke. Harald Kretschmer gab ebenfalls zu bedenken, dass die Endlagerung von Kernelementen für mehrere 1.000 Generationen gesichert sein muss – und fragte: "Wie können wir das garantieren?" Protest sei deshalb geboten. "Die Laufzeitverlängerung dürfen wir nicht späteren Generationen zumuten!" Hans Leitlein verdeutlichte seine Meinung an einem Beispiel: "Stellen Sie sich vor, die Neandertaler hätten uns ihren Müll hinterlassen, und dort, wo dieser Müll war, dürfen wir heute nicht hintreten, weil das Gebiet kontaminiert ist". Protest gegen die von der Bundesregierung beschlossene Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke sei deshalb nicht nur legitim, sondern geboten. Michael Seibt gab zu bedenken, dass es bei Stuttgart 21 heiße, Beschlüsse hätten Gültigkeit und in Sachen Atomausstieg hätten die geschlossenen Verträge plötzlich keine Gültigkeit mehr. Stefan Hermann stellte die Frage, ob es gut sei, Abfall zu produzieren, dessen Entsorgung auf tausende von Jahren nicht gesichert ist. Andererseits stelle sich aber auch die Frage, ob die regenerativen Energien technisch schon so weit seien, dass man auf Atomkraft verzichten könne. Auch gab er zu bedenken, dass immer mehr Nahrungsmittel zur Energieerzeugung produziert würden. Er fragte, ob dies gerechtfertigt sei. "Wenn Kirche sich äußert, muss sie kritische Fragen stellen um kompetent zu handeln." Ernst-Wilhelm Gohl schloss sich den Aussagen seines Vorredners Hermann an. "Wir sind in einem Dilemma". Die Stadtwerke seien durch den jüngsten Beschluss der Bundesregierung zur Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken in Bedrängnis geraten. Kirche müsse hier Farbe bekennen. Helmut Mergenthaler sagte: Atomkraftwerke seien auch große Arbeitgeber. Auch dies müsse Kirche berücksichtigen, wenn sie sich über Atomkraft unterhalte. Harald Klingler bemängelte, dass viele Politiker auf Stimmenfang seien und danach abstimmten. (23.11.2010)
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