„In der Landeskirche eine Heimat finden“

In Kirchheim gestalten Jugendliche ihre Gottesdienste im Fitness-Studio selbst

Wo unter der Woche zahlreiche Teilnehmer bei Aerobic, Fitness- oder anderen Kursen schwitzen, treffen sich Christen jeden zweiten Sonntagabend zum Gottesdienst: Die evangelische Jugendgemeinde Domino feiert ihre Gottesdienste im Fitness-Studio.

„Das ist auch gut so“, sagt Bezirksjugendreferentin Stephanie Schwarz. Sie ist davon überzeugt, dass ein neutraler Ort wie der Gymnastikraum eines Fitness-Studios dazu beitragen kann, dass mehr Jugendliche zu einem Gottesdienst kommen. „Außerdem hilft uns der außergewöhnliche Ort dabei, neue Dinge auszuprobieren und die ausgetretenen Pfade zu verlassen.“
 
Doch ganz so einfach sei es gar nicht, etwas komplett Neues zu machen, gibt die gebürtige Nagolderin zu – und von den Jugendlichen sei das auch nicht unbedingt gewünscht. So kritisierten die meisten jungen Leute an den herkömmlichen Gottesdiensten die Orgelmusik. Dem trägt Domino Rechnung: Im Gottesdienst spielen Bands oder einzelne Musiker. „Manchmal geht es musikalisch eher ruhig zu, an anderen Abenden wird es etwas lauter“, sagt Schwarz. Der Ablauf ist sehr ähnlich dem, was einen herkömmlichen Gottesdienst ausmacht: Es gibt Gebete, eine Predigt und jemanden, der durch das „Programm“ führt. Doch kleine Unterschiede sind da. Wie zum Beispiel, dass es Gesprächsgruppen im Gottesdienst gibt. Regelmäßig am Anfang, wenn das Thema vorgestellt wurde. Dann rücken die Teilnehmer ihre Stühle, setzen sich in Gruppen von drei oder vier Leuten zusammen und diskutieren darüber, was sie mit dem Motto des Abends verbinden. „Wir wollen, dass sich die Besucher selbst Gedanken machen und sich nicht nur berieseln lassen“, erklärt Stephanie Schwarz. In manchen Gottesdiensten gibt es diese Gesprächsgruppen nicht nur zum Einstieg, sondern mehrmals im Verlauf. „Das kommt aber ganz aufs Thema an“. So komme es auch vor, dass im Gottesdienst Zettel verteilt werden, auf die man Bitten, Gebete oder seine Sorgen schreibe, um die Notizen dann nach vorne ans Kreuz des Altars zu bringen und dort symbolisch abzulegen.
 
Auch bei den Predigten selbst gibt es Unterschiede zu den herkömmlichen: Jugendliche stehen auf der Bühne und teilen ihre Erkenntnisse mit. Damit dabei nicht überfordert sind, bietet das evangelische Jugendwerk spezielle Seminare an. Hier wird das nötige Handwerkszeug vermittelt, Bibelkenntnisse werden aufgefrischt. „Jeder kann und darf das Wort Gottes verkündigen“, sagt Stephanie Schwarz und steht damit ganz in der Tradition Martin Luthers, der die Lehre vom „Priestertum aller Gläubigen“ geprägt hat. Wichtig ist für Stephanie Schwarz, dass die Jugendlichen selbst ihren Gottesdienst gestalten, von der Musik über die Predigt bis hin zum Ablauf – so, wie es ihrer Art entspricht. „Damit wollen wir ihnen auch eine Heimat geben – unter dem Dach der Landeskirche“.
 
Gemeinde sei jedoch nicht nur auf sich selbst und Gott bezogen, sie müsse auch nach außen Wirkung zeigen, sagt die Bezirksjugendreferentin. „Wie kann ich vor meiner Haustüre den Menschen helfen?“ – das sei ein wichtiger Aspekt des Glaubens. Das heiße nun gerade nicht, auf der Straße Traktate zu verteilen. Vielmehr kann sich Stephanie Schwarz vorstellen, dass sich künftig eine kleine Gruppe der Domino-Leute verpflichtet, für einen Senior oder eine Seniorin die Großeinkäufe zu erledigen. Eine andere Gruppe könnte Hausaufgabenhilfe anbieten. „Nicht alle müssen dasselbe tun“, sagt Schwarz. Es gehe darum, dass jeder die Aufgaben übernehme, die ihm am Herzen liegen. Das Wirken nach außen ist eine der Zukunftsfragen, mit der sich Domino gerade beschäftigt. Eine weitere ist die, wie sich Gemeinschaft in der Zeit zwischen den einzelnen Gottesdiensten unter den Mitgliedern gestalten kann. Die Antwort darauf haben die „Dominos“ noch nicht gefunden – zu unterschiedlich sind die Einschätzungen bei den Besuchern, was Gemeinde für sie bedeutet. „Das reicht von ‚meine Gemeinde’ über ‚mein Gottesdienst’ bis hin zu der Meinung ‚ab und zu bin ich dabei’“, berichtet die Jugendreferentin.
 
Und doch: Domino ist eine Heimat für die 60 bis 80 Gottesdienstbesucher, die regelmäßig kommen. Noch gibt es wenige, die aus der Gemeinde „herausgewachsen“, weil zu alt sind, denn die Gottesdienste im Fitness-Studio gibt es seit Herbst 2004. Bereits 2003 hatte sich das Evangelische Jugendwerk Bezirk Kirchheim/Teck (ejki) um ein von der Landeskirche ausgeschriebenes Projekt beworben, über das Jugendkirchen und Jugendgemeinden finanziell gefördert wurden – und den Zuschlag erhalten. Mit dem Geld wurde eine Vollzeitstelle finanziert, die zum Aufbau der Jugendgemeinde beitrug. Jetzt, zwei Jahre nach Projekt-Ende, ist Domino ein fester Arbeitszweig des Jugendwerks. 20 Prozent der Arbeitszeit von Stephanie Schwarz fließt in die Gemeinde. Ein weiterer hauptamtlicher Mitarbeiter, der in Teilzeit für Domino tätig ist, wäre dennoch wünschenswert. Deshalb hat das ejki ein Förderprogramm aufgelegt, mit dem Spenden gesammelt werden.
 
Stephanie Schwarz ist davon überzeugt, dass die Erfahrungen, die Jugendliche bei Domino machen, auch noch nachwirken, wenn sie erwachsen sind und längst nicht mehr die Gottesdienste der Jugendgemeinde besuchen: „Wenn Jugendliche gelernt haben, eine Gemeinde zu leiten und zu gestalten, dann bringen sie das als Erwachsene auch wieder ein. Beispielsweise in einen Familiengottesdienst, der dann vielleicht am frühen Nachmittag stattfindet“.


Nicole Marten [Juli 2008]
 
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