Wieso eigentlich evangelisch?
Was ist evangelisch? Warum sagen wir meistens "Ich bin evangelisch" und nur ganz selten einfach "Ich bin Christin"?
Gedanken und Antworten von Rundfunkpfarrerin Lucie Panzer.
Solus Christus - allein Christus
Sola scriptura - allein die Schrift
Sola gratia - allein aus Gnade
Solus Christus - allein Christus
"Wieso eigentlich evangelisch?" Dieser alte Streit zwischen den Konfessionen, ist der denn noch zeitgemäß? Glauben wir nicht alle an denselben Gott? Ja, natürlich. Aber mir ist das, ehrlich gesagt, zu allgemein. Ich möchte schon genauer sagen können, wie ich mir diesen Gott vorstelle und was ich glaube.
Und es hilft mir, dass ich gelernt habe: wer Gott ist und wie er ist, das erfahre ich durch Jesus Christus. Allein durch Jesus Christus. Der hat von Gott erzählt. Zum Beispiel, dass Gott wie ein guter Vater einem nicht vorhält, was man falsch gemacht hat. Das weiß ich ja selber ganz gut, wenn es irgendwo schief gelaufen ist. Aber Gott sagt nicht, wie ich es mir manchmal vorhalte: Selber schuld, hätte ich dir gleich sagen können, sieh zu, wie du fertig wirst. Sondern Gott freut sich, wenn ich neu anfangen will und versuchen, es besser zu machen. Er freut sich, wie ein Vater oder eine Mutter, die ihr Kind in den Arm nehmen und hoffen, dass nun alles gut wird. Wenn mich einer so in den Arm nimmt, dann weiß ich, dem liegt an mir. Der freut sich, wenn es mir gut geht. Das gibt mir Auftrieb. Das beflügelt mich. Dann kann ich wirklich neu anfangen – auch wenn es Kraft braucht und Überwindung.
So ist Gott, hat Jesus erzählt. Und hat es gezeigt, wie gut das tut. Und was sich bewegt, wenn Menschen auf diesen Gott vertrauen. Da kommen die wieder auf die Beine, die wie gelähmt waren von ihren schlechten Erfahrungen. Da kriegen die wieder einen klaren Blick, die nicht mehr richtig erkennen konnten, was eigentlich los ist. Da konnten die sich wieder aufrichten, die den Kopf hängen ließen. Das ist möglich, wenn ihr auf Gott vertraut, hat Jesus den Menschen gezeigt. Und ihr könnt es einander erleichtern, dass zu glauben, wenn ihr so miteinander umgeht, wie Gott mit euch. Wenn einer dem anderen möglich macht, neu anzufangen.
Jesus selbst hat am Ende das Vertrauen auf Gott nicht losgelassen. Obwohl es zwischendrin auch für ihn ganz schön dunkel aussah. Aber als er gestorben war, gab es Menschen, die sahen: nicht einmal jetzt lässt Gott ihn im Stich. Das Leben ist nicht am Ende, wenn es zu Ende ist. Gott macht neues Leben möglich, sogar über den Tod hinaus.
Dass das so ist, haben wir Christen von Jesus Christus erfahren. Allein von ihm. Daneben kann man noch viel mehr von Gott sagen, natürlich. Aber ich habe erlebt: dies hilft zum Leben und beim Sterben. Was ich von Jesus über Gott erfahren habe: Das ist für mich gute Nachricht. Griechisch: Eu-Angelion. Evangelium. Das ist evangelisch.
Sola scriptura - allein die Schrift
Wieso eigentlich evangelisch? Ich denke, ihr Christen glaubt alle an das Evangelium? Was sollte ich dem Mann antworten, der mich so gefragt hat?
Natürlich – das Evangelium, die Erzählungen von Jesus, von seinem Leben, seinem Leiden und Sterben und seiner Auferstehung: das ist der Anfang des Glaubens für alle Christen. Am Ende des Mittelalters jedoch fand Martin Luther es nötig, zu betonen: allein das Evangelium ist der Grund unseres Glaubens. Auch die gelehrtesten Theologen und die höchsten Amtsträger müssen ihr Reden und Handeln daran messen lassen, was die Bibel sagt. Deshalb übrigens hat Luther dafür gesorgt, dass Schulen auch für die Kinder einfacher Leute eingerichtet wurden: jedermann und jede Frau sollte die Bibel selber lesen können.
Evangelisch also von Evangelium. Das Evangelium als einzige Quelle des Glaubens. Das Evangelium - Die Heilige Schrift. - Die Bibel.
Dieses alte Buch, fragen dann viele. Was da drin steht, das ist doch meilenweit weg von dem, was wir heute wissen und denken. Das ist wahr: vieles, was wir heute wissen, wussten die Menschen noch nicht, die in der Bibel von ihrem Glauben erzählt und geschrieben haben. Und in vielem haben sie ganz anders gedacht, als wir heute.
Nehmen Sie als Beispiel das, was der Apostel Paulus über die Frauen geschrieben hat: dass sie in der Gemeinde schweigen sollen und höchstens daheim ihre Männer fragen, wenn sie etwas lernen oder sagen wollen. Da hat Paulus geschrieben, wie man eben zu seiner Zeit über Frauen gedacht hat. Obwohl er es eigentlich anders, besser gewusst hat. Denn ganz grundsätzlich hat er ja auch geschrieben: vor Gott gibt es keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern. So, wie er es von Jesus gelernt hat. Der ist mit Frauen genauso selbstverständlich und offen umgegangen, wie mit Männern.
Auch das, was in der Bibel steht, kann, darf, muss ich bedenken und prüfen. "Was Christum nicht lehret, dass ist nicht apostolisch, wenns gleich Petrus oder Paulus lehret" – so hat das schon Martin Luther gesagt. Nur, wenn ich die alten Geschichten bedenke und prüfe, kann ich vestehen, was sie sagen. Wenn ich überlege, wie das damals wohl war. Und was das heute, unter ganz anderen Verhältnissen für mich bedeutet. Das zu finden geht manchmal besser mit anderen zusammen. Allein findet man oft nur das, was man sowieso schon immer richtig fand.
Aber meine Erfahrung ist: wenn ich mich diesem alten Buch Bibel und seinen Geschichten aussetze: dann finde ich, was ich zum Leben brauche. Das ist für mich gute Nachricht. Griechisch: Eu-Angelion. Evangelium. Das ist evangelisch.
Sola gratia - allein aus Gnade
Wieso eigentlich evangelisch? Warum sage ich meistens: Ich bin evangelisch und nur ganz selten einfach: ich bin Christin? Was ist mir wichtig an dieser, an meiner Form des Glaubens?
Für mich ist es dies, dass das altmodische Wort Gnade eine so große Rolle spielt. Das hat Martin Luther aus der Bibel, aus dem Römerbrief gelernt und immer wieder betont: Das Gott mich liebt und ja zu mir sagt, das kann ich nicht verdienen. Nicht mit frommem Reden, nicht mit inbrünstigem Glauben, nicht mit guten Werken. Gott liebt mich. Das kann ich auch nicht verspielen und verderben. Er hält an mir fest. Wie Eltern an ihren Kindern festhalten, ganz gleich, was geschieht. Gott freut sich über mich, wenn es mir gut geht und ich leben kann wie es gut ist für mich und für andere. Er ist traurig, besorgt wenn ich auf verkehrte Wege geraten bin. Er ist froh, wenn ich wieder dahin finde, wo ich gut leben kann.
Das ist für mich Gnade. Das hat für mich nichts Herablassendes. Gnade heißt auf lateinisch gratia. Gratia – das hat mit gratis zu tun. Umsonst. Gnade ist umsonst, ist Geschenk. Genau wie die Liebe. Wahrscheinlich sind es überhaupt nur zwei Worte für dieselbe Sache: Liebe und Gnade.
Kennen Sie das auch, dass einem das gut tut, wenn man spürt: es gibt jemanden, der freut sich über mich? Der freut sich über mich, nicht weil ich irgend etwas für ihn getan habe – sondern einfach, weil ich da bin, weil ich bei ihm bin und weil ich so bin, wie ich bin? Mich macht das ganz lebendig. Da lebe ich gern. Da haut mich ein Fehler, den ich mache, nicht um. Ich weiß ja – die mögen mich trotzdem. Die werden mir helfen, das wieder in Ordnung zu bringen. Die sind froh, wenn es wieder in Ordnung kommt.
Gott liebt mich. Nicht, weil er etwas von mir haben will. Nicht weil ich etwas Besonderes geleistet hätte. Sondern umsonst. Vor allem anderen. Ich muss nicht dauernd fragen: Mache ich es auch richtig? Tue ich auch genug? Lässt er mich womöglich fallen, weil ich irgend etwas versäumt, irgend etwas falsch gemacht habe?
Gottes Liebe ist umsonst. Ist Geschenk. Altmodisch gesagt: ist Gnade. Das steht über meinem Leben wie eine Überschrift. Es gibt Momente, die erinnern mich daran. Die Umarmung eines Menchen, der mich liebt. Die Blumen auf der Wiese vor unserem Haus, die da wachsen und mich froh machen, obwohl ich sie doch nicht gesät habe. Die Sonne, die es hell macht für mich und warm. Oder wenn ich sehe, wie ein anderer aufblüht, weil ich ihm etwas Gutes getan habe.
Ich brauche solche Erinnerungen ganz dringend. Erinnerungen an die Gnade Gottes. Mein evangelischer Glaube, der ist für mich auch so eine Erinnerung.
Sola fide - nur der Glaube
Wieso eigentlich evangelisch? Was ist das Besondere an dieser Art und Weise, an Gott zu glauben?
Manche Leute sagen, wir Evangelische machen es uns gern besonders schwer, würden es mit dem Glauben so schrecklich genau nehmen und dabei leicht engherzig und engstirnig und ein bisschen angestrengt. Mag sein, dass da was dran ist. Richtig ist jedenfalls, dass es uns sehr auf den Glauben ankommt. Menschen können vor Gott bestehen durch ihren Glauben. Allein durch den Glauben. So hat Martin Luther das aus der Bibel, aus dem Römerbrief gelernt und immer wieder betont.
Soll das also heißen: wenn man felsenfest glaubt was in der Bibel steht – vom ersten bis zum letzten Blatt – dann ist alles in Ordnung für einen evangelischen Christen?
Jesus hat einmal zu einer kanaanäischen Frau gesagt: "Dein Glaube ist groß!" Aber hatte sie ihm etwa das Glaubensbekenntnis vorgesprochen, um zu beweisen, wie groß ihr Glaube ist? Hat sie nicht. Wahrscheinlich hatte man ihr, der Ausländerin sowieso einen ganz anderen Glauben beigebracht. Sie hat um Hilfe für ihre kranke Tochter gebeten. Diesem Jesus, oder besser gesagt, dem Gott, für den er redete und handelte, hat sie zugetraut, dass er ihr helfen kann. Das war ihr Glaube. Eigentlich müsste man da wohl besser von Zutrauen, vielleicht auch von Vertrauen sprechen. Vertrauen ist wichtig. Dar-auf vertrauen, dass für Gott mehr und anderes möglich ist, als ich mir vorstellen kann: das ist oft gemeint, wenn in der Bibel "Glaube" gesagt wird. Dieses Vertrauen – das war der Glaube jener Frau, die Hilfe gesucht hat.
Wir heute verstehen das meistens anders. Wir sagen "Glauben" und denken an das Glaubensbe-kenntnis oder an die vielen Geschichten in der Bibel und meinen: Glauben bedeutet, das alles ohne wenn und aber für richtig und wahr halten, was da gesagt ist. Weil sich das leicht vermischt, diese beiden Worte Glauben und Vertrauen, deshalb meinen manche, ein felsenfester, unangefochtener Glaube sei die Voraussetzung dafür, dass einer vor Gott bestehen kann.
So aber meint Jesus das nicht. Das Beispiel jener Frau aus einem fremden Volk mit einem ganz ande-ren Glauben zeigt das. Aber auf Gott zu vertrauen, das hilft. Darauf vertrauen, dass er mich nicht im Stich lässt. Nicht wenn es schlimm kommt im Leben. Nicht, wenn das Leben zu Ende geht. Aus sol-chem Vertrauen kann ich leben: getrost und ruhig. Und kann tun, was ich kann, damit auch andere so vertrauensvoll leben können. Mehr ist nicht nötig. Das ist evangelisch.
Rundfunkpfarrerin Lucie Panzer
Glaubens-ABC: Reformationsfest




