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Für eine Welt ohne Angst

Am 31. Oktober feiert die evangelische Kirche den Reformationstag. Martin Luther soll am Abend vor Allerheiligen 1517 seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg geschlagen haben. Dieses Ereignis löste die Reformation aus und ist so das Gründungsdatum der evangelischen Kirche. Unsere Autorin Birgit Mattausch hat sich Gedanken gemacht, was es bedeutet, heute evangelisch zu sein.



"Für eine Welt ohne Angst" heißt ein Buch des wunderbaren Kurt Marti. Und fragte mich jemand, was es heißt, evangelisch zu sein, wahrscheinlich würde ich dann dies antworten:

Das heißt, für eine Welt und eine Kirche ohne Angst zu sein
wie Mirjam, Mose und all die Männer, Frauen und Kinder, die die sichere Herrschaft-Knechtschaft Ägyptens hinter ich ließen und glaubten an das gelobte Land, wo Milch und Honig fließt, die glaubten an eine Welt ohne Angst.

Für eine Welt und eine Kirche ohne Angst zu sein
wie Jesus und seine Freundinnen und Freunde, die zogen durch Galiläa und sprachen von Gott und seinem Reich, einer Welt ohne Angst – und siehe: die Blinden sahen, die Lahmen tanzten, die Verkrümmten richteten sich auf und die Armen waren Gotteskinder.


Für eine Welt und eine Kirche ohne Angst zu sein
wie Paulus und die Geschwister in Rom und anderswo, die ihr Ansehen, ihr Gesicht, ihren Stand, zeitweise sogar ihr  Leben riskierten für eine Welt ohne Angst.

Für eine Welt und eine Kirche ohne Angst zu sein
wie Luther, der es nicht ertrug, dass Menschen ihr Leben zubrächten mit Furcht vor Fegefeuer und Hölle, vor ewiger Folter und vor dem Gehörnten. Der das so wenig ertrug, dass er lieber Europa und die Kirche spaltete, als hinzunehmen eine Welt voller Angst.



Ja, fragte mich jemand, was es heißt, evangelisch zu sein,
wahrscheinlich würde ich dann dies antworten:
das heißt, für eine Welt und eine Kirche ohne Angst zu sein
das heißt, manchmal zumindest, selber ganz ohne Angst zu sein
wie ein Vogel im Wind
wie eine Blume auf dem Felde
wie ein Kind beim Spiel unter Bäumen
wie eine Jüngerin Jesu, den Fuß in der Luft – und siehe: sie trug
das heißt, manchmal zumindest, ganz ohne Angst zu glauben und zu sagen, was wahr ist:
dass der Himmel weiter ist als die Kirche
dass unsere Fragen mehr sind als unsere Antworten
dass die Welt zum Weinen ist dann und wann
und die Kirche auch
Und dass dennoch das Leben größer ist als der Tod
Und Gott auf der Seite derer, die hoffen auf eine Welt ohne Angst.


Pfarrerin z.A. Birgit Mattausch


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