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Ostersonntag 2011


Jesus ist auferstanden - Wie ist das zu begreifen?

„Fröhliche Auferstehung!“ Richtig laut hat mein Opa uns Kindern diese Worte entgegen gerufen, wenn wir am Ostermorgen zur Tür herein ge-schneit kamen. „Das heißt nicht so, das heißt ‚Fröhliche Ostern’“, hat meine kleine Schwester ihn berichtigt. Klar, was sollte sie mit dem Auferstehungsruf schon anfangen! Ostern, damit konnten wir etwas anfangen; das konnte man Anfassen und schmecken! Das waren Glitzereier, gelbe Krokusse und Schokoladenberge. Das fühlte sich gut an: Wie wenn man mit dem neuen Skateboard den Gehweg runter brettert.

Und trotzdem: Der Auferstehungsgruß meines Großvaters hat mich ir-gendwie angerührt. Und: Er hat mir geholfen, schon als Kind. Am Oster-fest habe ich oft  eine Ambivalenz gespürt: Da war einerseits die Feier in der Kirche. Sehr festlich war mir zumute, ich hab gemerkt, dass da etwas ganz Besonderes passiert. Aber so ganz begreifen konnte ich nicht, wa-rum da gefeiert wurde; Jesus hing ja noch immer am Kreuz. Viel handfes-ter, viel greifbarer war da das Osterfrühstück mit dem Osterzopf und den Teighasen. Allerdings: Mit dem Auferstehungsfest in der Kirche hatte das nicht mehr viel zu tun. Das war wie ein zweites Fest, ein lustiges Tollen im Garten zwischen Narzissen und Zuckereiern, ausgelassene Frühjahrsfröhlichkeit! Nur der Gruß des Großvaters, sein fröhliches Rufen von der Auferstehung, ließ dann noch etwas aufscheinen zwischen all dem Frühlingstumult. Das erinnerte mich: Da war doch etwas gewesen, heute, am frühen Morgen. Etwas ganz Festliches – und es musste etwas zu tun haben mit dem bunten Treiben zuhause.

Ich glaube, so ohne Weiteres begreifen, was da am frühen Morgen passiert ist, dass Jesus von den Toten „auferstanden“ ist, das konnten auch die nicht, die es zu allererst erfahren haben: Maria aus Magdala und die Jünger. Jedes Evangelium drückt dieses Unvermögen, das Auferstehungsgeschehen festzuhalten, anders aus. Allen Evangelien gemeinsam ist der Schrecken, das laute Entsetzen, das die Empfänger der frohen Kunde davon laufen lässt. Was da geschehen ist, denke ich, kann man nicht mit Worten erklären, kann man nicht nur mit dem Kopf verstehen. So scheint es Maria und den Jüngern zu gehen: Die wollen Jesus sehen! Leibhaftig soll er in ihrer Mitte stehn, einer will sogar seine Hand in seine Wundmale legen, will am eigenen Leib spüren, dass sein Rabbi lebt. Auch einige Frauen halten sich an Jesus fest, umklammern seine Füße. Und dann gibt es noch zwei, die erkennen Jesus am Geschmack: Sie essen von dem Brot, das ein Fremder ihnen gab. Sie schmecken Lebensbrot, sie fühlen den, der ihnen das Leben versprach. Da werden ihre Augen aufgetan: Jesus selbst, nicht irgendeiner, legt ihnen den Geschmack des Lebens in den Mund. Das Versprechen ist wahr geworden, Jesus ist auferstanden, der Tod ist überwunden! Mit dieser Gewissheit lassen sie sich von Jesus führen, hinaus in alle Welt, den Ruf des Lebens auf der Zunge. (Mt 28, 18, „Missionsbefehl“)

Der Auferstehungsruf führt hinaus in die Welt. Vielleicht hat mein Opa sein Rufen auch so gemeint: Das, was der Osterglaube in ihm angerührt hat, das wollte er nicht für sich behalten. Den Lebensruf hat er hinausgetragen in das fröhliche Frühlingsgetümmel. Auch wenn mein Opa nicht mehr lebt, sein Ruf klingt in mir nach, an jedem Osterfest. Er hat in mir etwas angestoßen, nicht meinen Verstand, mehr mein Gefühl. Der Schall der morgendlichen Auferstehungsfreude lässt das Osterfest fröhlich klingen – in aller Welt, um den Wohnzimmertisch, im Garten, auf den Straßen! Glaube und Welt gehen ineinander, sind eins. Das Ostern zum Anfassen und Schmecken, Schokoladenberge, Skateboards und Glitzereier sind kein zweites Fest neben der Feier in der Kirche. Ostern ist ein Fest zum Anfassen, zum Greifen, das erzählen die biblischen Geschichten.

Natürlich kann der Geschmack, das Gefühl von Ostern nicht auf Frühlingsspaziergänge und den Verzehr von Ostereiern reduziert werden. Doch mit dem Klang des Auferstehungsrufes in den Ohren verstehe ich das mit den Ostereiern so: Ostern ist ein Lebensgeschenk. Und Leben, das wird gelebt mit allen verfügbaren Sinnen – mit Ohren, Nase, Mund, Füßen und Händen. Schokolade essen, Schale von Ostereiern pulen, in der Kirche laut singen und den Auferstehungsruf hören… all das gehört zusammen. Nur wer Ostern mit allen ihm verfügbaren Sinnen zu greifen versucht, der wird das Ostergeschehen auch be-greifen.

Mirjam Wild


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