Bräuche und Traditionen

Kurzer volkskundlicher Exkurs zu Ostern

Hohe christliche Feiertage – allen voran Weihnachten und Ostern – sind gleichzeitig Hauptfeste bürgerlicher Familienkultur. Damit verbunden sind Bräuche und Traditionen, die sich im Laufe der Jahrhunderte parallel oder auch im Nachgang zu den kirchlichen Handlungen entwickelt haben und immer noch weiterentwickeln.

Palmesel
In mittelalterlichen Palmprozessionen wurde der Einzug Jesu nach Jerusalem mit einem hölzernen Esel nachgespielt. Mit „Palmesel“ bezeichnet man die lebensgroße Figur „Christus auf einem Esel reitend“. Für die Evangelisten hatte sich mit dieser Episode die Weissagung erfüllt: „Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel“ (Sacharja 9,9). Christus auf dem Transporttier der einfachen Leute, das im Ruf steht „dumm“, „geil“ und „störrisch“ zu sein – dies gehörte mit zur Dramaturgie des Spiels.
Schon im frühen Christentum scheint diese Geschichte an den historischen Orten nachgespielt worden zu sein. Ab dem 9. Jahrhundert sind Palmeselprozessionen nachzuweisen.
 
Die Reformation brachte die Abschaffung der Prozessionen und die Zerstörung der Palmeselgruppen mit sich. Aber auch in katholisch geprägten Gebieten führten Aufklärung und Säkularisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts zum weitgehenden Verbot dieses Brauchs. In einigen Regionen wird er noch bzw. wieder gepflegt, z.B. in Saulgau in Oberschwaben. Nur ungefähr 50 Palmesel haben sich im deutschen Sprachraum erhalten, in Mitteleuropa insgesamt rund 160.
Noch etwas blieb nach der Reformation vom Palmesel übrig: Wer am Palmsonntag zuletzt aufstand, wurde als „Palmesel“ geneckt.
 
Palmbrezel
Eine süße Palmbrezel gab es für die Kinder in evangelischen Häusern am Palmsonntagmorgen. Das Hefegebäck war ein Vorzeichen für die kommende Oster(hasen)zeit.


Osterhase
Der Hase eroberte sich erst im Laufe des 19. Jahrhunderts den Platz des Ostereier-Lieferanten. Außer dem Hasen waren nämlich noch andere Tiere mit Eiern zugange. In Hessen versteckte lange der Fuchs die Ostereier, in Holstein und Sachsen der Hahn, im Elsass der Storch und in der Schweiz der Kuckuck. Warum sich gerade der Hase durchsetzen konnte, bleibt letztlich ein Geheimnis.
 
Etwas konstruiert wirkt die Erklärung, der Ursprung liege in den Gebildbroten. Man nimmt an, dass die Ostergebildbrote ursprünglich die Form eines Oserlammes hatten. Aus einem missratenen Gebildbrot könnte ein Hase entstanden sein und den Hasen als Oster-Tier befördert haben.
Vielleicht kam dem Hasen zugute, dass er im noch kurzen Gras um die Osterzeit herum – dazu auf Brautschau – häufiger zu sehen war als zu anderen Jahreszeiten.

Wahrscheinlich ist, dass die volkstümliche Legendenbildung einfach nur die beiden Frühlings- und Fruchtbarkeitssymbole – Ei und Hase – miteinander verschmelzen ließ. Der Neubeginn des Lebens wird auch beim Fest der Auferstehung Christi gefeiert; insofern widerspricht der nicht-christliche Osterhase nicht dem christlichen Osterfest.


Osterei
Das Ei spielt lange vor dem Osterhasen eine Rolle. Zunächst waren Eier ein Pflichtgeschenk, eine Art Osterzins an die Kirche, den Grundherrn oder das Gesinde. Schon Mitte des 16. Jahrhunderts war der Ostereierbrauch in ganz Europa verbreitet. Luther schreibt in einem Brief 1545 die Bemerkung „Dreymal Ostereyer essen über dieser oder dieser Sache“, womit die Zeitdauer von drei Jahren gemeint ist.

Der Brauch des Eierschenkens zu Ostern hängt eng mit der vorangehenden Fastenzeit zusammen: Spätestens seit dem 8. Jahrhundert war der Genuss von Eiern 40 Tage vor Ostern untersagt. An Ostern standen deshalb Eier im Überfluss zur Verfügung.

Zunächst verschenkte man ungefärbte Eier, dann färbte man sie rot („Roteier“) in Erinnerung an das Leiden Christi, später wurden sie bunt gefärbt und oft verziert.

Stand anfangs das Schenken der Eier im Zentrum, war es ab Mitte des 19. Jahrhunderts das Verstecken und Suchen derselben. Ein „Familienbrauch“ entstand, der auch als klassisches Beispiel eines „Erziehungsbrauchs“ gilt.
Vielerorts gehörte zum Brauchtum ein „Hasengärtlein“ aus Moos oder Gras, eingezäunt mit gebogenen Weidenruten oder mit Buchszweigen. Dorthinein sollte „der Has“ seine Zuckerhasen und Eier legen.
 


"Der Pfarrer und Dichter Eduard Mörike greift den eierlegenden Hasen ironisch im Gedicht auf:
 
Sophisten und die Pfaffen
Stritten sich mit viel Geschrei:
Was hat Gott zuerst erschaffen,
Wohl die Henne, wohl das Ei?
 
Wäre das so schwer zu lösen?
Erstlich ward ein Ei erdacht,
doch weil noch kein Huhn gewesen,
Schatz, so hats der Has gebracht.
"-Eduard Mörike, 1847

Renate Föll
 
Literatur: Tier und Mensch. Schöpfung und Mitgeschöpflichkeit. Katalog zur Ausstellung im Landeskirchlichen Museum Ludwigsburg, 2001
Renate und Volkmar Wirth: Mein Name ist Hase. Natur- und Kulturgeschichte eines beliebten Tieres. Hrsg.: Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart, 2001

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