Jahreslosung 2012
Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. (2. Kor. 12,9)
Im Lesebuch zur Jahreslosung 2012 von Christoph Morgner (Hrsg.) teilt der Landesbischof Frank Otfried July seine Gedanken zur Jahreslosung des Jahres 2012.
Frank Otfried July - Paulus und die "Elefäntle"
Was mag sich die Konfirmandin Margarete Steiff wohl gedacht haben, als sie von ihrem Pfarrer den Konfirmationsspruch "Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig" mit auf den weiteren Lebensweg bekam? Der Spruch hatte mit ihrem bisherigen Leben so wenig zu tun! Nach einer schweren Erkrankung mit anderthalb Jahren konnte sie nicht mehr laufen. Die Ärzte hatten bei ihr Kinderlähmung diagnostiziert. Alle Operationen und Kuren hatten keine Besserung gebracht. Ihr größter Wunsch, Lehrerin zu werden, würde deshalb nie in Erfüllung gehen. Sie würde nie vor einer Schulklasse stehen können, nie mit Kindern auf der Wiese toben, im Wald wandern, ihnen die Schönheiten von Gottes herrlicher Schöpfung zeigen können.
Gegen den Willen der Eltern besuchte Margarete Steiff eine Nähschule
Wo war da Gottes Gnade? Welche Kraft würde in ihren schwachen Armen und Beinen, in ihrem gelähmten Körper mächtig werden? Sicher, wenn wir Biografien von Margarete Steiff lesen, wird uns berichtet, dass sie trotz der schweren Behinderung ein fröhliches Kind gewesen ist. Sie hatte sich in ihrer beschränkten Welt eingerichtet. Sie besuchte die Schule und absolvierte gegen den Willen ihrer Eltern sogar eine Nähschule. In der Schneiderei, die ihr der Vater 1874 im elterlichen Haus in Giengen an der Brenz einrichtete, hatte sie schnell mehr als genug zu nähen. Als Erste in Giengen konnte sie sich eine Nähmaschine leisten. Aber die rechte Hand war für die Nähmaschinenkurbel zu schwach. Kurzerhand ließ sich Margarete die Maschine umbauen und kurbelte fortan mit der stärkeren linken Hand. Bald musste sie weitere Näherinnen anstellen. Das kleine Geschäft lief gut. Margarete konnte zufrieden sein.
Und doch nagte der Konfirmationsspruch in ihrer Seele. Ja, Gott hatte Gnade gegeben. Sie, die eigentlich damit rechnen musste, für immer von der Familie betreut zu werden und stets abhängig zu sein, hatte sich etwas Eigenes aufbauen können. Sie verdiente ihr Geld durch ihrer Hände Arbeit. Und sie konnte in dieser strukturschwachen Gegend sogar einigen Frauen Arbeit geben und damit Not in deren Familien lindern. Aber die Kraft, die ihr von Gott versprochen wurde, die spürte sie noch nicht. Viel zu oft fühlte sie sich müde und ausgelaugt. Und ihr Plan, fröhlich mit Kindern zu leben und ihnen beizubringen, was sie zum Leben brauchten, den musste sie wohl endgültig begraben. Denn eine Heilung des gelähmten Körpers war so gut wie ausgeschlossen.
Die Anfänge der Kuscheltiere
Mit dem Weihnachtsfest 1879 kam es in Margaretes Leben zu einem entscheidenden Einschnitt. Eigentlich wollte sie nur ihren besten Kundinnen etwas Hübsches zum Fest schenken. In einer Modezeitschrift entdeckte sie das Schnittmuster zu einem kleinen Elefanten, gerade klein genug, um als Nadelkissen zu dienen. Das war genau das Richtige. Aber wie erstaunt war Margarete, als sie nach Weihnachten wesentlich mehr Post bekam als sonst. Begeisterte Mütter schrieben: "Machen Sie doch mehr von diesen Tieren! Sie haben unseren Kindern so viel Freude damit gemacht!" Kleine Dankesbriefchen von Kindern und Kinderzeichnungen lagen den Briefen bei. Ja, nicht als Nadelkissen wurden die "Elefäntle" gebraucht, sondern als Kuscheltiere. Mit Feuereifer machte sich Margarete ans Werk. In der Folgezeit entstanden Katzen, Hunde und Pferde und natürlich auch Bären. "Für Kinder ist das Beste gut genug!", so lautete das Motto ihrer Spielwaren.
Die kleine Nähfirma musste bald expandieren. Margarete lernte unentwegt neue Näherinnen an. Sie gab Nähkurse, damit die Frauen auch zu Hause arbeiten konnten. Das verschaffte der Gegend, in der es für Frauen keine Arbeit außer auf dem Bauernhof gab, einen wirtschaftlichen Auftrieb und half vielen Familien zu einem erträglichen Auskommen. 400 Arbeiterinnen in der Nähfabrik und 1800 Heimarbeiterinnen beschäftigte ihr Unternehmen im Jahr 1907. Margarete kannte alle Arbeiterinnen persönlich. Sie sorgte sich um die Frauen, auch wenn diese von Krankheit oder häuslichem Kummer betroffen waren.
Das Markenzeichen ihrer Produkte wurde der "Knopf im Ohr". Je länger Margarete ihre Arbeit erfolgreich durchführen konnte, desto klarer wurde ihr: Meine Hoffnung auf Heilung hat sich ganz anders erfüllt. Ich kann Freude bereiten. Ich kann traurige Kinder mit meinen Tieren fröhlich machen. Ich kann lehren. Ich kann Not lindern. Auch wenn es mal Rückschläge gab – Margarete führte ein Leben im Vertrauen auf Gott, der seine Kraft in ihrem Leben so mächtig wirken ließ. Und sie wurde nicht enttäuscht.
Die Gnade Gottes und seine Kraft begleiteten sie auch in ihrem Lebensabend. Als sie am 9. Mai 1909 starb, trauerten viele Kinder auf der ganzen Welt um sie. "Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig" – Margaretes Konfirmationsspruch hat sich in ihrem Leben wunderbar bestätigt. Und so kommt es, dass ich beim Anblick eines Steiff-Bären immer auch an den Apostel Paulus denken muss.
Dr. h.c. Frank Otfried July - Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.
Zu erhalten beim Brunnen Verlag, Gießen
Christoph Morgner (Hrsg.)
Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig
Das Lesebuch zur Jahreslosung 2012
144 Seiten, Taschenbuch
ISBN: 978-3-7655-4133-9
9,99 Euro
Kirche in SWR 1 am Sonntagmorgen: In der Sendung Begegnungen am 8. Januar 2012 traf Rundfunkpfarrer Wolf-Dieter Steinmann die evangelische Altenseelsorgerin Felizitas Muntanjohl. Er sprach mit ihr darüber, was die Jahreslosung - vor allem auch im Alter - konkret bedeuten kann.
6:53 Minuten







