09.03.2010, 200. Todestag
Friderich Wilhelm Kohler (1754 – 1810)
Magister Friderich Wilhelm Kohler sah Armut, Hunger und Not. Er beobachtete sein Lebensumfeld und versuchte Missstände durch Arbeit, Bildung und Fleiß zu beheben. Die von ihm gegründete Baumwollspinnschule und deren pädagogischen Grundsätze wurden zum Vorbild für ähnliche Projekte in ganz Württemberg.
1997 erhielt der "Gemeindesaal" im Erdgeschoss des Pfarrhauses in Birkach den Namen „Pfarrer-Kohler-Saal“ (Quelle: Eberhard Dittmann)
Friderich Wilhelm Kohler wurde am 23. April 1754 als Sohn eines Mesners in Stuttgart geboren. Schon früh wurde er von den Eltern gefördert und von Geistlichen im Bekanntenkreis privat unterrichtet. Er studierte Theologie am Evangelischen Stift Tübingen und arbeitete danach als Vikar in Seissen, Buoch und Gültstein. 1780 wurde Kohler Pfarrer in Birkach. Kohler heiratete dort und bekam neun Kinder. Nach dem Tod seiner Frau ging er eine zweite Ehe ein.
Arbeit ist ein großer Segen
In Birkach fand Kohler einen „mit armen Leuten überladenen Ort“ vor – er wollte die Not lindern. Die drängende Bitte einer armen Familie nach Wohnraum brachte ihn auf die entscheidende Idee. Ohne das Geld dafür zu besitzen, versprach Kohler ihnen ein kleines Häuschen. Einzige Bedingung war, die Frau solle dort Kindern unentgeltlich das Baumwollspinnen lehren. Kohler rührte die Werbetrommel, und tatsächlich war das Haus bald mit Spenden finanziert. 1794 konnte die erste Spinnanstalt für die Schuljugend eröffnet werden.Diese „Industrieschule“ war für Kohler die Gelegenheit, Kinder aus armen Verhältnissen neben dem Schulunterricht an nützliche Arbeit zu gewöhnen. Er versprach sich einen Schub für die Arbeitswelt, ja gar für das „Fortkommen in der Welt“. Kohler wollte den Kindern das Betteln auf der Straße ersparen und sie stattdessen zu „Arbeitsamkeit, Sittsamkeit, Ordnung und Sparsamkeit“ anhalten, entsprechend seinem Leitspruch „Arbeit ist ein großer Segen“. Andererseits schwebte Kohler schon länger die Verbindung von Theorie und Praxis vor. Die Kinder sollten „nicht blos lernen, was sie thun, sondern auch wirklich thun“.
Kohler konnte die Spinnschule nicht so weit voranbringen, dass sie unabhängig von seinem persönlichen und materiellen Einsatz gewesen wäre. Zehn Jahre nachdem er Birkach verließ, wurde die Spinnstube geschlossen. Als beispielhaft für Württemberg galt diese erste Industrieschule des Landes trotzdem.
1798 berief man Kohler ins pietistische Fellbach. Dort wandte er sich der allgemeinen Schul- und Volksbildung zu. Er setzte gegen heftigen Widerstand einen Schulneubau durch. Er übernahm die Idee einer Schul-Bibliothek für Lehrer, Schüler und auch Einwohner. Mit dieser Gründung betrat Kohler württembergisches Neuland. Die Bibliothek finanzierte er mit Spenden und Verkaufserlösen eigener Schriften.
Zahlreiche Aufsätze hatte Kohler inzwischen veröffentlicht. Zu den bedeutendsten zählen der „Dankbare Nachruhm“, die „Spinn-Anstalt zu Birkach“ und der „Katechismus der christlichen Lehre“. In seiner „Instruction für Schullehrer“, die er dem Katechismus voranstellte, betonte er, dass die Schüler nur verstandenen Schulstoff lernen sollten – stures unverstandenes Pauken sollte ein Ende haben. Ebenso forderte er eine unterschiedliche Behandlung jüngerer und älterer Schüler. Das Werk wurde zum Streitgegenstand.
1805 verließ Kohler Fellbach um als Pfarrer in Ebersbach zu wirken. Er starb am 9. März 1810.
Beate Dreinhöfer
Quellen:
- Gustav Rottacker: Arbeit ist ein großer Segen: Serenissimus Herzog Carl Eugen, e. Hohes Consistorium u.d. schwäb. Dorfpfarrer Friederich Wilhelm Kohler, 1980
- Ralf Beckmann: Eine Volksbibliothek der Spätaufklärung. Zur Fellbacher „Schul-Bibliothek“ des Jahres 1802. In: Zeitschrift für württembergische Landesgeschichte, Juni 2000
- Friedrich Wilhelm Kohler: Gedanken über Einführung der Indüstrieschulen, 1801- Friedrich Wilhelm Kohler: Katechismus der Christlichen Lehre: Zum Gebrauche der Kirchen und Schulen in Würtemberg, 1824
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Friderich Wilhelm Kohler, Bild in Druckqualität [JPG, 1,86 MB] Quelle: Eberhard Dittmann





