11.08.2012: 300. Todestag
Magdalena Sibylla von Württemberg (1652 - 1712)
Frau von Wilhelm Ludwig von Württemberg, Komponistin zahlreicher Kirchenlieder, gestaltete die Kapelle von Schloss Stetten
Man schrieb das Jahr 1688, als die Truppen des französischen Marschalls Melác vor den Toren Stuttgarts standen. Dem Marschall und seinen Offizieren war ein berüchtigter Ruf vorausgeeilt- das zerstörte Heidelberger Schloß ging auf sein Konto. Nur in Württemberg regte sich Widerstand - so nahmen ihn die „Weiber von Schorndorf“ aufs Korn, als „Verwüster der Pfalz“ ging er in die Geschichte ein. Nun stand er vor Stuttgart. Die hohen Herren zu Stuttgart waren mitsamt dem Herzog geflohen, das Konsistorium ( der damalige Oberkirchenrat) gleich mit.
Da machte sich Magdalena Sybilla, Witwe des Herzogs Wilhelm Ludwig, von Stetten im Remstal aus auf den Weg. Sie war nach dem Tod ihres Mannes mit ihren Kindern als 25jährige 1677 ins Schloß nach Stetten gezogen, daß ihr in ihrem Ehevertrag als Witwensitz zugesprochen worden war. Dort lebte die junge Witwe in tiefer Depression. Nun kehrte sie nach Stuttgart zurück und verhandelte mit den Franzosen. Das tat sie so geschickt, daß die Franzosen beeindruckt waren und Stuttgart zwar kampflos besetzten, aber nicht zerstörten. Durch die Politik gewann die Witwe neuen Lebensmut.
Als die hohen Herren der schwäbischen Regierung wieder nach Stuttgart zurückkehrten, wurde ihr das natürlich nicht gedankt. Wer dankt schon einer Frau, wenn man sich vorher als Feigling erwiesen hatte. So kehrte sie nach Stetten zurück und kümmerte sich um den Weinbau im Remstal. Das war auch bitter nötig, nicht nur wegen den Verwüstungen der Franzosen. Vom Ruf „Neckarwein ist Schleckerwein“, der im Mittelalter dem gesamten Württemberger Wein galt, war nach dem Dreißigjährigen Krieg nichts mehr übriggeblieben. So ließ sie Weinbergmauern anlegen und die Staffeln ausbauen. Durch den terassierten Weinbau wurde die Qualität besser. In einem ihrer Briefe schrieb sie: „ In Stetten gibt’s nicht Gold und Edelstein, in Stetten gibt’s die edlen Wein.“ Die Weine wurden so gut, daß ein junger Wengerter, der für sich und sein Gewerbe wieder eine Zukunft sah, ihr zuprostete:“ Der Tropfen ist so gut, daß er sogar das Herz der Frau Herzogin fröhlich machen kann.“
1652 wurde sie in Darmstadt geboren und verbrachte ihre Jugendjahre bei ihrer Tante, der Königin von Schweden, eine glühende Verehrerin der Lehre Luthers. Dort lernte sie der württembergische Erbprinz Wilhelm Ludwig auf einer Kavaliersreise kennen. Die beiden verliebten sich und 1673 wurde Hochzeit in Stuttgart gefeiert - drei Jahre später war sie Witwe. In Stetten ließ sie 1681 die Schloßkapelle bauen und mit von ihr erdachten Bildern und Reimen ausmalen - sehr zum Entsetzen der württembergischen Pfarrerschaft. Denn die Bilder waren viel zu „kabbalistisch“ für das streng lutherische Land. Die geheimnisvollen Zeichen ( heute noch zu sehen ) verwirrten die Geister. Das Entsetzen nahm noch zu, als sie im Schloß den Sommersaal bauen ließ. Hier wählte sie Bilder aus der griechischen Mythologie. Damals gab es das Wort „pornographisch“ noch nicht - aber die Zeitgenossen haben solches empfunden und das Entsetzen über die freizügigen, heute harmlos anzuschauenden ,Bilder prägte noch jahrhundertelang das Ansehen der Herzogin, so daß sie vom schwäbischen Pietismus einfach totgeschwiegen wurde. Schließlich konnte man die herzoglichen Bilder ja nicht einfach abkratzen.
Um den Weinhandel zu stärken, ließ sie die Handelswege von Stuttgart durchs Remstal ausbauen und führte die ersten Verkehrszeichen ein ( „Weißer Stein“). Sie schuf eine Stiftung in Stetten, die sich um die Dorfarmen und Schulkinder kümmerte. 1710 schuf sie in Stuttgart die erste Stiftung für das herzogliche Waisenhaus, dessen Gebäude heute am Charlottenplatz zu bewundern ist. Weil sie mit dem Konsistorium noch eine alte Rechnung zu begleichen hatte, gründete sie das erste weltliche Gymnasium Württembergs - das heutige Eberhard Ludwigs Gymnasium. Das Konsistorium tobte, weil hier die geistliche Schulaufsicht wegfiel.
Sie schrieb Gebete und dichtete Kirchenlieder. Sie lebte ihren christlichen Glauben und wurde ein Segen für das Land. Nach einem großen Brand ließ sie die obdachlosen Menschen bei sich im Schloß wohnen. 1712 starb sie in Kirchheim/Teck und liegt in der Gruft der Stuttgarter Stiftskirche begraben. Pragmatisch wie sie war, ließ sie Jahre vorher schon ihren Sarg herstellen und mit ihren Lieblingsgestalten der Bibel verzieren, darunter auch ihrem Motto: „ Mein Bleiben ist nicht in der Welt. Gott führt mich zu des Himmels Zelt“.
Jürgen Kaiser
Weiterführende Links:
Wikipedia
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Magdalena Sibylla von Württemberg [Foto: Landesarchiv Baden-Württemberg | JPG, 3,2 MB]
Magdalena Sibylla von Württemberg, Text [RTF, 10 KB]





