17.08.2011, 425. Geburtstag
Johann Valentin Andreae (1586-1654)
Johann Valentin Andreae – ketzerischer Rosenkreuzer oder orthodoxer Lutheraner, kirchen- und gesellschaftskritischer Satiriker oder zahmer, kirchentreuer Diener seiner Kirche, geistiger Wegbereiter des württembergischen Pietismus oder doch eher ein Vorbote der Aufklärung?

- Johann Valentin Andreä Quelle: Landeskirchliches Archiv
Einen für seine Zeit ungewöhnlich weiten Horizont hatte der in Herrenberg geborene Johann Valentin Andreae durch verschiedene Faktoren seines Bildungs- und Werdegangs gewonnen. Familiäre Prägung, universitäre Studien, ein wahrlich vielseitig interessierter Freundeskreis sowie eine ungeheuer breit angelegte Lektüre weit über den eigenen Fachbereich der Theologie hinaus, brachte den jungen, wissensdurstigen Andreae quasi in einem europäischem Horizont mit dem klassischen zeitgenössischen Bildungskanon ebenso in Berührung wie mit den Erkenntnissen der neu aufkommenden Naturwissenschaften und diversen neueren Denkansätzen in Philosophie und Theologie.
Eine schillernden Persönlichkeit am Beginn der Frühen Neuzeit
Dass er weder bei seinen persönlichen Kontakten noch auf seinen diversen Reisen, die in etwa ins calvinistische Genf oder auch ins katholische Italien führten, noch in seiner breiten Lektüre die damals bestehenden konfessionellen Grenzen achtete, machte ihn für viele zu einer schillernden Persönlichkeit am Beginn der Frühen Neuzeit.
Verketzert, bekämpft, aber auch glühend verehrt schrieb Andreae in gestochenem Latein für die geistliche und geistige Elite Württembergs, aber auch weit darüber hinaus. In diversen sprachlichen Gewändern, von den Manifesten der Rosenkreuzer über den satirischen Menippus bis zur Utopie Christianopolis mahnte er aus seiner Sicht dringend nötige Reformen an, ja er warb für eine im Glauben wurzelnde und aufs Ganze zielende Erneuerung von Kirche und Theologie, Wissenschaft und Bildungswesen sowie von Staat und Gesellschaft. So zählte etwa der erste große Pädagoge der Neuzeit und letzte Bischof der Böhmischen Brüderkirche, Johann Amos Comenius, zum Kreis derer, die Andreas Gedanken begeistert aufnahmen und weiter entwickelten. Auf Betreiben seines fürstlichen Gönners Herzog August von Braunschweig-Wolfenbüttel wurde Andreae 1646 sogar in die berühmte Fruchtbringende Gesellschaft aufgenommen.
Andreaes praktisches Wirken
Praktisch wirkte Andreae ab 1614 als Diaconus (zweiter Pfarrer) in Vaihingen / Enz, ab 1620 dann in der kirchenleitenden Funktion eines Superintendenten (Dekan) in Calw. Dort gelang ihm der Aufbau der sozial-diakonischen Calwer Färberstifung, die sich um die Unterstützung der Armen und Kranken sowie um die Förderung der Jugend bemühte.
Nach der Zerstörung Calws mobilisierte Andreae mit Erfolg seinen großen, wohlhabenden Freundeskreis zur Unterstützung der Bevölkerung. Ab 1638 wirkte Andreae dann als Hofprediger und Konsistorialrat von Stuttgart aus am Wiederaufbau Württembergs nach dem Krieg mit. Insbesondere das Schulwesen lag ihm am Herzen. Altersmüde zog er sich ab 1650 von seinen Amtpflichten sowie den weit verzweigten Korrespondenzen zurück und leitete als Abt die Klosterschule Bebenhausen. Andreae starb am 27. Juni 1654 in Stuttgart.
Weiterführende Links
Evangelische Kirche Bebenhausen (pdf-Dokument)
Downloads
Johann Valentin Andreae, Bild in Druckqualität [1,3 MB]
Quelle: Landeskirchliches Archiv




