25.07.2008, 100. Todestag
Heinrich Dolmetsch (1846 - 1908)
Für die evangelische Landeskirche in Württemberg war Heinrich Dolmetsch im Kirchenbau durch seine Tätigkeit als Architekt und Bauberater im Verein für Christliche Kunst (heute Verein für Kirche und Kunst) von 1878 bis 1908 der weithin wirkende Architekt. Es gab kaum ein kirchliches Bauvorhaben, das von ihm als Vorsitzendem der beratenden Architektengruppe im Verein nicht begutachtet wurde. Hinzu kommen seine eigenen 17 Kirchenneubauten, 106 Umbauten und Erneuerungen.

- Heinrich Dolmetsch (Quelle: Gemeinfrei)
Nach seiner Ausbildung zum Steinhauer und dem Abschluss als Architekt 1868 am Polytechnikum (heute Universität) unter Christian Friedrich von Leins arbeitete Dolmetsch bei Leins, mit dem er auch verwandtschaftlich verbunden war. Seine Architektenkarriere begann hier mit dem Wiederaufbau und der Neugestaltung der Gaildorfer Stadtkirche 1869-1871. Nach der zweiten Staatsdienstprüfung 1872 begab er sich auf Bildungsreisen durch Deutschland, Österreich, die Schweiz, Frankreich und Italien. Im Architekturbüro von Theodor von Landauer hatte er die Position eines Büroleiters inne, bis er sich 1880 selbständig machte. Regelmäßig nahm er mit eigenen kunstgewerblichen Arbeiten an Ausstellungen teil. Bis heute zeugen davon seine Bücher zum Kunstgewerbe, etwa der 1887 erschienene „Ornamentenschatz“. Er war zudem in vielen Ehrenämtern und Stellungen tätig, so an der Stuttgarter Frauenarbeitsschule (später Paramentenwerkstätte) oder als Kollegialmitglied an der Königlichen Zentralstelle für die gewerbliche Fortbildungsschule. Eine höhere Stellung in Staatsdiensten konnte er, immer wieder angestrebt, nicht erreichen, obwohl er als vielseitiger Architekt ausgewiesen war. Gleichwohl wurde ihm aus Anlass der Einweihung der Marienkirche in Reutlingen 1901 der Titel Oberbaurat verliehen und seine Arbeit im Kirchenbau gewürdigt.
Bekannt weit über Württemberg hinaus
Eine zentrale Stelle in seiner Tätigkeit als Kirchenarchitekt nimmt seine Beraterfunktion im Verein für Christliche Kunst ein. 1878 wurde er in den Beratungsausschuss des Vereins berufen, dessen Leitung er nach dem Tod von Leins 1892 übernahm. Über 150 Gutachten hat allein Dolmetsch zu geplanten Kirchenneubauten und Renovierungen im Auftrag des Vereins für Kirchengemeinden erstellt. Die meisten seiner Bau-Aufträge erhielt er, wie auch die anderen Architekten in der Bauberatung des Vereins, über seine Beratungstätigkeit.
Im Zusammenspiel von Theologen und Architekten entwickelte der Verein für Christliche Kunst ein architektonisches Programm für den Kirchenneubau, das „Eisenacher Regulativ“, das ab 1861 bestimmend für den Bau und die Renovierung von evangelischen Kirchen in Deutschland geworden ist.
Viele seiner Kirchenräume wurden in den 1960er und 1970er Jahren in der allgemeinen Ablehnung historistischer Gestaltungen purifiziert. In den 1980er Jahren setzte glücklicherweise ein Umdenken ein und zahlreiche Innenausstattungen von Dolmetsch wurden so weit wie möglich in ihren ursprünglichen Zustand zurückgeführt.
Heinrich Dolmetsch hat mit seinen Kirchenneubauten, in seinem historistischen Formenrepertoire vor allem der Gotik verpflichtet, eine Reihe von Kirchenräumen geschaffen, die bis heute als gut funktionierende Räume erlebt und benutzt werden. Darüber hinaus hat er sich mit innovativen technischen Detailfragen wie z.B. der Akustik (Dämmplatten aus Kork) oder der Frage der richtigen Baustoffwahl (erste Kirchturmkonstruktion aus Eisenbeton in der Markuskirche in Stuttgart) befasst, was ihn weit über Württemberg hinaus bekannt machte.
Im Nachruf in der Deutschen Reichspost Stuttgart, Montag, 27. Juli 1908 wird vermerkt: „So reiht sich der Name Dolmetsch, insbesondere auf dem Gebiet kirchlicher Baukunst, würdig und ebenbürtig an jene Reihe ausgezeichneter Männer, die als Baumeister unser Schwabenland zu Ehren gebracht haben.“
Ulrich Gräf
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