05.05.2007, 200. Geburtstag

Ferdinand Steinbeis (1807 - 1893)

In einem Aufruf der Steinbeis-Stiftung von 1868 über den langjährigen Leiter der Württembergischen Zentralstelle für Gewerbe und Handel und Namensgeber der Stiftung heißt es: „Die Annalen Württembergs erzählen von keinem, der mit mehr Fleiß, Ausdauer, Energie und mit größerem Erfolg für die Entwicklung, Förderung und allseitige Anerkennung der württembergischen Industrie tätig gewesen wäre.“


Jüngste Forschungsergebnisse relativieren den Ruhm Ferdinand von Steinbeis’: In einer Besprechung einer Dissertation von Ursula Rottmann zu Ferdinand von Steinbeis heißt es: „In Wahrheit habe Steinbeis den umfassenden Ausbau gewerblicher Schulen ebenso verhindert wie die Förderung theoretischer Schulbildung; er habe sich gegen Schutzmaßnahmen für arbeitende Kinder sowie gegen die Eingrenzung der Kinderarbeit ausgesprochen“. (Stuttgarter Zeitung, 20. November 2006). Steinbeis wird als gescheiterter Schüler bezeichnet, dessen „Rettung“ die praktische Tätigkeit geworden sei. „Daraus machte er ein allgemein gültiges Rezept. Er wollte den Pflichtunterricht an den Volksschulen abschaffen und sie in rein ‚Arbeitsschulen’ umformen“, heißt es weiter.
Steinbeis’ Enkel Otto Frommel schildert nach einem Besuch beim greisen Großvater im Jahr 1892 diesen wie folgt: „Ich wurde bei seinem Anblick immer wieder an den gealterten Faust erinnert. Etwas von faustischer Unrast und faustischem Ungenügen sprach aus einen Worten und ließ mich sein Wesen als tragisch empfinden.“ Abschließend meint der Enkel: „Seine hohe Auffassung des Lebens als Verspflichtung zum Dienst an den Mitmenschen, seine nie ermüdende Arbeitsfreudigkeit, sein Wirklichkeits- und Wahrheitssinn, seine Freiheitsliebe und sein Glaube an eine höhere Bestimmung des Menschen bleibt uns ein teures Vermächtnis!“ (Max Rehm: Ferdinand Steinbeis, Nürtingen 1977, S. 28)


Förderer der württembergischen Industrialisierung

Ferdinand von Steinbeis wird am 5. Mai 1807 in Ölbronn bei Maulbronn als Sohn des Pfarrers, Johann Jakob Steinbeis geboren. Seine Mutter ist Auguste Charlotte Wilhelmine geb. Kerner, die Schwester von Justinus Kerner, dem Weinsberger Arzt und Dichter, und von General Karl Kerner. Die Familie siedelte später nach Ilsfeld bei Heilbronn über, wo Ferdinand Steinbeis seine Jugend verbrachte. Steinbeis war ein württembergischer Wirtschaftspolitiker, er gilt als wichtiger Förderer der Industrialisierung in Württemberg. Nach dem Willen des Vaters sollte Steinbeis Pfarrer werden, doch galt das Interesse des Sohnes von Anfang an eher technisch-praktischen Dingen. Seinem Onkel Karl hatte Ferdinand es zu verdanken, dass der Vater schließlich einer Lehre im Hüttenwesen zustimmt. Als 14-Jähriger wird er Bergschüler im Eisenwerk Wasseralfingen. Werksdirektor Faber du Faur schreibt über den Fünfzehnjährigen Steinbeis: „... er habe es zu einer für sein Alter seltenen Bekanntschaft mit dem Hochofen- und Gießereibetrieb gebracht, seine theoretische Ausbildung jedoch sehr vernachlässigt, sodaß zu überlegen sei, ob man ihn nicht ganz der Handarbeit zuweisen wolle." (zitiert  nach: http://www.fss.schule.ulm.de/fss/ueber_uns/u_text4.html)
1825 geht er als Bergwerkskandidat an die Universität Tübingen. Für die Lösung einer Preisaufgabe der Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Tübingen zur Glasherstellung erhielt er der 19-jährige Steinbeis nicht nur den Preis, sondern auch den Titel eines Doktors der Philosophie ehrenhalber. „Die Erkenntnisse des Verfassers über das Ineinandergreifen der verschiedenen Arbeitsvorgänge sind durchaus neu und stützen sich auf eigene Versuche. Man kann berechtigterweise sagen, dass diese Arbeit die Kunst der Glasfabrikation geradezu vollständig darstellt, und zwar nach dem neuesten Stand der Naturwissenschaft und Technik“, so das Urteil der akademischen Jury (zitiert nach: Paul Siebertz: Ferindand von Steinbeis. Ein Wegbereiter der Wirtschaft, Stuttgart 1952).
Von 1827 bis -30 ist er Hüttenschreiber bei der Königlichen Eisengießerei und Hütte in Ludwigsthal bei Tuttlingen, danach Oberhüttenamtsverwalter beim Fürsten Karl Egon zu Fürstenberg. Aus Pflichtgefühl in diesem Amt lehnt Steinbeis Professuren an der neu gegründete Polytechnische Schule Stuttgart und der Universität Tübingen ab. 1842 wird er Direktor der Neunkirchener Eisenwerke der Familie Stumm. Steinbeis führte u. a. eine Hilfskasse für bedürftige Mitarbeiter und eine Invalidenkasse für arbeitsunfähige Gesellen ein sowie eine Werksküche.
1848 wird Steinbeis zum Königlich-württembergischen Regierungsrat als Leiter der Zentralstelle für Handel und Gewerbe berufen. Als Vorsitzender der königlichen Kommission für die gewerblichen Fortbildungsschulen kümmert er sich seit 1855 um Fragen der Schul- und Berufsausbildung. Er ist an der Gründung von zahlreichen Fachschulen in Württemberg beteiligt. 1851 erhob der württembergische König Steinbeis für seine Dienste bei der Londoner Weltausstellung in den Adelsstand. Von 1862 bis -68 ist er Abgeordneter im württembergischen Landtag für den Wahlkreis Blaubeuren. Ab 1878 setzte er sich - allerdings ohne Erfolg - gegen die Schutzzoll-Politik von Reichskanzler Otto von Bismarck zur Wehr. Als 73 Jähriger geht Steinbeis in Pension und siedelt zu seiner jüngsten Tochter nach Leipzig über, wo er 1893 als 86-Jähriger stirbt.

Astrid Günther

Quellen: 
http://www.fss.schule.ulm.de/fss/ueber_uns/u_text4.html
 
http://www.stw.de/K050/50893/50893.pdf
 
http://www.enzkreis.de/output/La1/179.215/179.268/tx/tx%7C179.4238.1/_/index.phtml
 
„Ferdinand Steinbeis als ein Verfechter der Kinderarbeit entlarvt“, Stuttgarter Zeitung 20. November 2006, http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/detail.php/1296712)
 
Paul Siebertz: Ferindand von Steinbeis. Ein Wegbereiter der Wirtschaft, Stuttgart 1952
 
Max Rehm: Ferdinand Steinbeis, Nürtingen 1977
 
Helmut Christmann: Ferdinand Steinbeis. Gewerbeförderer und Volkserzieher. Heidenheim an der Brenz 1970
 

Weiterführende Links
Wikipedia
Landesarchiv Baden-Württemberg
 
Downloads
Ferdinand Steinbeis, Text [RTF, 29 KB]
Ferdinand Steinbeis, Bild in Druckqualität [JPG, 111 KB]
Quelle: Graphische Sammlung der Württembergischen Landesbibliothek
Ferdinand Steinbeis, Bild in Druckqualität [JPG, 175 KB]
Quelle: Landeskirchliches Archiv

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