14. November 2006: 175. Todestag
Georg Wilhelm Friedrich Hegel
Der Einfluss von Georg Wilhelm Friedrich Hegels Philosophie auf die Wissenschaften, insbesondere die Geistes- und Sozialwissenschaften, ist bis in die Gegenwart ungebrochen.
G. W. F. Hegel, geboren 1770 in Stuttgart und Schüler des (späteren) Eberhard-Ludwigs-Gymnasiums, bezog für das Studium der Theologie das Evangelische Stift in Tübingen und wohnte dort zusammen mit Schelling und Hölderlin eine Zeit lang in einem Zimmer. Die Begeisterung für die Ideale der französischen Revolution – die jungen Freiheitsschwärmer sollen damals sogar einen Freiheitsbaum errichtet haben -, die Lektüre Rousseaus und Kants stellten prägende Einflüsse auf die Studenten der damaligen Zeit dar. Sie schlugen sich bereits in Hegels Jugendschriften nieder, die erst nach seinem Tod herausgegeben wurden.
„Das Absolute ist immer schon bei uns und will bei uns sein“

- G.W.F. Hegel
Nach Stationen als Hauslehrer in Bern und in Frankfurt kam Hegel über die Vermittlung Schellings nach Jena, wo er sich habilitierte. Dort begründet er zusammen mit Schelling das „Kritische Journal für Philosophie“ und erweist sich in verschiedenen Abhandlungen in Rezeption und Kritik der Positionen Kants, Fichtes und Schellings auf der Höhe seiner Zeit. Er hält Vorlesungen zur Logik und Metaphysik und zur Philosophie der Natur und des Geistes. 1807 wird das erste bahnbrechende Werk, die Phänomenologie des Geistes, unter dem Donner der Schlacht bei Jena und Auerstedt vollendet. In diesem Werk – eine Art Einleitung ins Gesamtsystem - wird gezeigt, wie die verschiedenen Gestalten des Geistes als Bewusstsein, Selbstbewusstsein, Vernunft und Geist und der ihnen jeweils zugehörige Gegenstand durch Aufweis ihrer Vermittlung in ihren Grund, das absolute Wissen, zurückgehen, in dem sie immer schon waren, ohne sich dessen bewusst gewesen zu sein. Methode des Fortgangs ist die dialektisch-spekulative Bewegung des Begriffs selbst, der sich im System die Gestalt der Wissenschaft gibt.
Aufgrund finanzieller Sorgen verlässt Hegel die Universität für einige Jahre, er übernimmt eine Zeitungsredaktion in Bamberg, später wird er Lehrer und Rektor am Nürnberger Gymnasium. Trotz dieser Arbeit und seiner Heirat bleibt ihm noch genug Zeit für das Verfassen der Wissenschaft der Logik.
Im Jahre 1816 wird er an die Universität Heidelberg berufen, 1817 veröffentlicht er als Grundlage für seine Vorlesungen den Systemabriß der Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften. 1818 folgt er einem Ruf an die aufstrebende neue Universität in Berlin. Dort nimmt er am geselligen und kulturellen Leben lebhaften Anteil und übt in seiner Lehre stets wachsenden Einfluss aus.
Von der Enzyklopädie aus lässt sich das Gesamtsystem überblicken: Nachdem in der Logik die Kategorien der traditionellen Metaphysik mittels der spekulativ-dialektischen Methode rekonstruiert sind, entäußert sich die absolute Idee in die verschiedenen regionalontologischen Bereiche, die Natur, den Geist, subjektiven und objektiven Geist, schließlich den absoluten Geist, wie er sich in Kunst, Religion und Philosophie selbst erfasst. Einzelne regionalontologische Teile wie Staat, Geschichte, Kunst und Religion führt Hegel in besonderen Vorlesungen zur Rechtsphilosophie, Geschichtsphilosophie, Ästhetik und Religionsphilosophie aus.
In er Rechtsphilosophie wird dargetan, dass Freiheit nicht nur abstrakt bleiben kann, sondern erst in der Familie, Gesellschaft und Staat umfassenden Sittlichkeit Bestand hat. Hier zeigt sich freilich auch die Grenze Hegelscher Philosophie. Sie ist im Ganzen und in ihren Teilen Rekonstruktion des Bestehenden – Grund zu dem Vorwurf, sie rechtfertige nur das Bestehende, speziell in der Rechtsphilosophie verherrliche sie den preußischen Staat -, Grund auch für die Anfrage, ob nicht auch Zukünftiges Gegenstand der Philosophie sein kann.
In der Geschichtsphilosophie begreift Hegel den Lauf der Geschichte unter dem Leitfaden des Fortschritts im Bewusstsein der Freiheit. Im Orient ist einer, in Griechenland und Rom sind einige, in der germanisch-christlichen Welt sind alle frei. Die Religionsphilosophie – der Lektüre der Theologen besonders anempfohlen - versucht die verschiedenen Gestalten der Religion unter dem Leitfaden der sich ausbildenden Subjektivität so anzuordnen, dass sich die christliche Religion als die vollendete Gestalt der Religionen erweist. Kunst und Religion, die sich noch im Bereich der Anschauung und Vorstellung bewegen, werden in der Philosophie in die dem Denken angemessene Form des Begriffs aufgehoben, in der das Gesamtsystem seinen Abschluß und letzten Grund findet.
Aus den fruchtbaren Berliner Jahren wird Hegel durch den Tod (wahrscheinlich) an der Cholera im Jahre 1831 dahingerafft.
Obgleich sich das Hegelsche System in der vorliegenden Fassung nicht halten lässt, ist der Einfluss von Hegels Philosophie auf die Wissenschaften, insbesondere die Geistes- und Sozialwissenschaften, bis in die Gegenwart ungebrochen. Rechts- und Linkshegelianer sind Bewegungen, in denen sein Denken weiterwirkte. Aber seine Wirkung geht über sie hinaus: Hegel gehört wie Platon und Kant zu denjenigen Geistern, die selbst durch ihre Kritiker und Gegner noch Einfluss haben. Ich fürchte: Wer zu denken beginnt, wird ihn nicht los.
Dr. Gerhard Wölfle
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Quelle: Landeskirchliches Archiv Stuttgart





