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12. Juli 2006: 100. Geburtstag

Ernst Käsemann

Ernst Käsemann gehört zu den großen Theologen des letzten Jahrhunderts: „groß“ nicht zuletzt darin, dass bei ihm theologisch-wissenschaftliche Arbeit und die eigene durch besondere Herausforderungen, Spannungen und Krisen bestimmte Existenz zusammen ein eindrücklichen Lebenszeugnis bilden - wie sonst nur bei wenigen Theologen und Theologinnen.

Ernst Käsemann, 1986

Ernst Käsemann war zuletzt (1959 bis 1971) Professor für Neues Testament in Tübingen. Seine Hauptschriften „Das wandernde Gottesvolk – eine Untersuchung zum Hebräerbrief“ (seine Habilitationsschrift), „Exegetische Versuche und Besinnungen I u. II“ und sein wegweisender Kommentar  zum Römerbrief sind anerkannte Werke neutestamentlicher Wissenschaft.

Geboren wurde Ernst Käsemann  am 12. Juli 1906  in Dahlhausen bei Bochum, als Sohn eines Volksschullehrers, der im 1. Weltkrieg gefallen ist. Seine Mutter musste sich in der Anonymität und sozialen Gleichgültigkeit der Großstadt Essen mit ihren zwei Kindern durchkämpfen. Diese frühe Erfahrung hat ihn geprägt. Deswegen kein verklärender Rückblick auf seine Kindheit: „Einsam und freudlos“ nennt er sie.

Eine ganz andere Form von Prägung erfuhr er durch die Begegnung mit dem Essener Jungendpfarrer Weigle. Von ihm, der „die Jugend zu Jesus zu bringen“ wollte, fühlte er sich – wie er selbst schreibt – „magnetisch“ angezogen: „Mir wurde durch ihn klar, was ich unbewusst gesucht hatte, nämlich den Herrn, dem ich mich ausliefern konnte und der mir Weg und Ziel im Leben wies.“ Es gibt ein oft übersehenes, aber nachhaltig wirkendes pietistisches Erbe bei Ernst Käsemann, das aus dieser Zeit der Begeisterung für diesen Pfarrer stammt.

Er studierte dann Theologie in Bonn, Tübingen und Marburg, wo er Bultmann kennen lernte. Er war und blieb zeitlebens sein kritischer Schüler. Im Widerspruch zu Bultmanns Entmythologisierungsprogramm wollte er die Frage nach dem „historischen Jesus“, die Frage nach dem geschichtlichen Kern des Christusbekenntnisses wach halten. Gegen die Gefahr einer „individualistischen“ Verengung des Glaubens war Christsein für Käsemann immer nur in Verbindung mit dem Leib Christi theologisch zu denken und zu leben. Dabei bewährt sich christliche Existenz gegen alle Verführungen allein   in der „Nachfolge des Gekreuzigten“. Dort, also in einer Person konkretisiert sich für ihn das erste Gebot. In der Begegnung mit dem Gekreuzigten entscheidet sich, wer die Herrschaft über mein Leben ausübt:  der „Nazarener“ oder die Macht der Götzen und „Götzendiener“, die Macht der „Besessenheiten der Welt“. Nachfolge Christi verträgt darum kein angepasstes, kompromisslerisches Verhalten. Christen können nur im Kampf und im Widerstehen glaubwürdig bekennende Gemeinde sein.

Die Erfahrungen des Kirchenkampfes wirken hier nach und haben ihn selbst und die Sprache seiner Theologie nachhaltig bestimmt: „In der radikalen deutschen Bekenntnisgemeinde wurden wir stigmatisiert, weil wir als Jünger Jesu zu Partisanen des Evangeliums  werden mussten und den Tod durch Tyrannen um protestantischer Freiheit willen riskierten.“ Im mutigen Eintreten für die Bergarbeiter -Gemeinde Gelsenkirchen-Rotthausen, deren Pfarrer er in den Jahren 1933 bis 1942 war, nahm er Gefängnis und drohendes KZ in Kauf. Gemeinsam mit seiner Gemeinde hat er sich erfolgreich den „Deutschen Christen“ widersetzt. Das Evangelium der Freiheit und der Gerechtigkeit ist nicht von ungefähr das Leitmotiv seiner Theologie.

An seinem 90. Geburtstag hat er Studierende und Lehrende dazu aufgerufen, jeder theologischen, kirchlichen und gesellschaftlichen Entwicklung zu widerstehen, die die Botschaft von der Befreiung durch den Gekreuzigten verrät oder vergisst. Als einen mit dieser Botschaft um die Schriftauslegung und den Weg der Kirche streitenden und darum außerordentlich streitbaren Theologen haben ihn seine Studierenden und seine Landeskirche erlebt.

Die Themen seiner Veröffentlichungen spiegeln seine Biographie und die Grundmuster seines theologischen Denkens wider: „ Ruf  der Freiheit“; „Gottesdienst im Alltag der Welt“; „Kirchliche Konflikte.“ Schon die Titel machen deutlich: Gesellschaft, Politik, Kirchenpolitik waren  bei seiner wissenschaftlichen Arbeit immer mit im Blick. Er war im besten Sinn ein zeitgenössischer Theologe.

Von Politik, von Gewaltpolitik war er und seine Familie ganz persönlich betroffen: 1977 wurde seine einzige Tochter Elisabeth von der argentinischen Militärjunta ermordet. Die politischen, auch die persönlich leidvollen Erfahrungen seines Lebens haben in seinem theologischen Denken Spuren hinterlassen. Das macht seine Theologie unverwechselbar und  glaubwürdig.

Am 17. Februar 1998 ist Ernst Käsemann gestorben. Seine Theologie war anstößig  – anstößig um der Wahrheit, der heilsamen Wahrheit des Evangeliums willen. So zeigt sie bis heute noch Wirkung.

Hans Dieter Wille

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Weiterführender Link

Biographisches-Bibliographisches Kirchenlexikon

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Ernst Käsemann, Bild in Druckqualität [JPG, 892 KB]

Quelle: Amt für Information der Landeskirche

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