19. Juni 2006: 250. Todestag
Erdmuthe Dorothea Gräfin von Zinzendorf
Braves Mädchen, fromme Seele, duldsame Gattin alles das kann man wohl über Erdmuthe Dorothea von Zinzendorf sagen. Außerdem war sie Gutsverwalterin und Hausmutter in Herrnhut.

- Erdmuthe Dorothea von Zinzendorf
Sie wird 1700 als fünftes Kind des Grafen Heinrich X. von Reuß und seiner Frau Erdmuthe Benigna, geb. von Solms-Laubach, in Ebersdorf in Thüringen geboren. Die Mutter, eine dem Pietismus verbundene Frau, hat als Mädchen Philipp Jakob Spener, den „Vater des Pietismus“ kennen gelernt. In Ebersdorf gibt es eine Hausgemeinde mit eigenem Hofprediger, die Mitglieder der gräflichen Familie und sämtliche Bediensteten gehören dazu. Davon soll Erdmuthes späterer Mann sehr beeindruckt sein. Er möchte auch eine eigene Hausgemeinde haben und ihr Vorsteher sein.
Als Mädchen wird Erdmuthe, die von ihrer Familie Erdmuth genannt wird, nach Dresden zu einer orthopädischen Behandlung geschickt. Sie reist unter falschem Namen, um als adliges Fräulein nicht an den Dresdner Hof August des Starken gebeten zu werden. Erdmuthes Mutter fürchtet die „verderblichen“ Einflüsse der „sittenlosen Hofgesellschaft“ (Erika Geiger: Erdmuth Dorothea Gräfin von Zinzendorf. Ihre Lebensgeschichte. Holzgerlingen 2000, S. 16). Das Mädchen schreibt aus Dresden an seine Mutter: „… und dürfen Ew. Gnaden nicht besorgen, dass ich etwan viel zum Fenster hinaussehen würde, denn man garnichts sehen kann, weil die Stube im Hof geht, danach ich gar nichts frage, denn so kann ich die Eitelkeit, die hier vorgeht, nicht sehen und ist mir recht lieb …“
Erdmuthe wird in die Haushaltsführung und Verwaltung des elterlichen Besitzes eingeführt. Das Land der Familie ist nach dem frühen Tod von Ermuthes Vater hoch verschuldet, man muss sparsam wirtschaften. Das zu lernen ist wichtig für das junge Mädchen, denn sie wird später fast ständig damit beschäftigt sein, Schulden abzubauen, die im Zusammenhang mit der Gründung neuer Gemeinschaften entstehen.
1721 kommt der Graf von Zinzendorf eher zufällig – seine Postkutsche ist bei starkem Regen in der Nähe von Ebersdorf verunglückt – bei der Familie von Reuß vorbei. Er ist befreundet mit Erdmuthes älterem Bruder Heinrich XXIX. Eigentlich war Zinzendorf auf dem Weg zu seiner vermeintlich zukünftigen Frau Theodore von Castell. Auch Erdmuthes Bruder ist an dieser Frau interessiert, ihm gibt Theodore von Castell schließlich auch den Vorzug. Zinzendorf ist betrübt, findet aber Trost in Ebersdorf, nicht zuletzt bei Erdmuthe Dorothea. Er kommt wieder, man versteht sich. Zinzendorf schreibt werbende Briefe, Erdmuthe antwortet nicht. Ihre Mutter will sie nicht ins „sündige“ Dresden ziehen lassen, wo Zinzendorf als Justizrat der Landesregierung arbeitet. Ein Bekannter Zinzendorfs schreibt, worauf es Erdmuthe Dorothea bei der Wahl des Ehemannes ankommt: „wohl lediglich auf göttliche Führung und der gnädigen Mama Ausspruch“. Die Mama stimmt schließlich zu. 1722 heiraten Erdmuthe Dorothea von Reuß und Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf in Ebersdorf. Das junge Paar lebt in Dresden und auf dem Zinzendorfschen Gut in Berthelsdorf, 90 Kilometer von Dresden entfernt in der Oberlausitz.
Aus dem benachbarten Mähren, das zum habsburgischen Reich gehört, kommen protestantische Flüchtlinge nach Sachsen, die so genannten mährischen Exulanten. Zinzendorfs Verwalter in Berthelsdorf weist den Flüchtlingen Land für eine neue Siedlung zu. Zinzendorf ist zögerlich, weil er Schwierigkeiten mit dem sächsischen Hof in Dresden vermutet. Die treten später tatsächlich ein. Zinzendorf wird des Landes verwiesen. Aber er lässt seinen Verwalter gewähren, die Flüchtlinge bleiben, und die Siedlung bekommt den Namen Herrenshut, später Herrnhut. Um seine Güter nicht zu verlieren, verkauft Zinzendorf seinen Besitz an seine Frau. Erdmuthe übernimmt die Verwaltung und das geistliche Amt der Hausmutter. Nach dem Vorbild christlicher Urgemeinden lebt man in Herrnhut zusammen. Es gibt Häuser für Familien und Wohngemeinschaften jeweils für unverheiratete Männer und Frauen. Erdmuthe ist Vorsteherin im Haus der Frauen. Man spricht sich mit „Bruder“ und „Schwester“ an und über die Geschlechtergruppen hinaus gibt es kleinere Gruppen, so genannte „Banden“, in denen man zusammen lebt und arbeitet. Fußwaschungen waren an der Tagesordnung, Erdmuthe Dorothea kann sich allerdings nur schwer dazu durchringen, die Standesunterschiede beiseite zu lassen, und ihren „Schwestern“ die Füße zu waschen und sich mit „Du“ ansprechen zu lassen.
Nikolaus Graf von Zinzendorf wird 1734 zum lutherischen Theologen ordinieren. Nach Herrnhuter Vorbild gründet er Gemeinden u. a. in der Wetterau - Marienborn und Herrnhaag – und in Holland. Er unternimmt Reisen nach Livland, England, Nordamerika und auf die Westindischen Inseln. Seit 1750 lebt Zinzendorf gemeinsam mit dem Sohn Christian Renatus meist in London, seine Frau bleibt mit den drei Töchtern in Herrnhut zurück und kümmert sich mit nachlassender Kraft um die mehrere hundert Mitglieder umfassende Gemeinschaft in Herrnhut. Als sie 1752 vom Tod ihres Sohnes Christian Renatus erfährt, möchte sie dem Sohn am liebsten nachfolgen in den Tod. Nach der Rückkehr aus England, wo sie das Grab ihres geliebten „Christel“ besucht hat, schreibt die bis dahin so Unermüdliche: „Ich kann nicht beschreiben, wie schwach ich bald täglich so in tiefstem Grunde bin“ (Geiger, S. 112). 1755 kehrt ihr Mann aus London zurück, das Ehepaar will wieder zusammen in Herrnhut leben. Aber die Lebensgewohnheiten sind inzwischen so verschieden geworden, dass Zinzendorf mit seinen Gefolgsleuten aus London ins Schloss nach Berthelsdorf zieht, Ermuthe Dorothea bleibt in Herrnhut. Am 14. Juni 1756 besucht Zinzendorf seine Frau zum letzten Mal. Am 19. Juni stirbt sie im Kreis ihrer übrigen Familie und der „Geschwister“ in Herrnhut.
Erdmuthe Dorothea von Zinzendorf hat ein ungewöhnliches Leben gehabt gemessen am Leben anderer Frauen ihrer Zeit und ihres Standes. Nicht außergewöhnlich für die damalige Zeit waren die Härten, die ihr Leben mit sich brachte und die Ergebenheit, mit der sie diese Härten ausgehalten hat. Aus heutiger Sicht möchte man fragen: Hätte sie nicht ein leichteres, eine schöneres Leben haben können, wenn sie sich aufgelehnt hätte gegen ihren Mann und gegen ihre religiöse Prägung?
Während ihr Mann in der Weltgeschichte herumreiste, seine religiösen Ideen unters Volk brachte und Geld ausgab, hielt Erdmuthe Dorothea ein Gemeinwesen zusammen, sozial und wirtschaftlich, bekam Kinder und verlor die meisten von ihnen wieder. Acht von zwölf starben als Babys oder im Kleinkindalter. Sie hätte sicher mehr behalten können, wäre sie nicht ihrem Mann hinterher und in seinem Auftrag gereist, hätte sie nicht in neuen Gemeinschaften unter widrigen Umständen mitgewirkt an den mehr oder weniger erfolgreichen Ablegern der Herrnhuter Brüdergemeinde. Sie tat das alles, weil sie es als ihre Aufgabe ansah, als den von Christus bestimmten Weg. Leid gehörte fast immer zu diesem Weg, sie „besprach“ sich mit ihrem Heiland, den sie auch Lämmlein nannte – den theologischen Einsichten ihres Mannes folgend. Das geht aus ihren Tagebuchaufzeichnungen und Briefen hervor. Schreckliche Erfahrungen brachte sie oft in selbst verfassten Gedichten und Liedtexten zum Ausdruck.
Das Dichten, so scheint es, war auch ein Akt der Selbstdisziplinierung, um Klage nicht laut werden zu lassen und um nicht zu verzagen. In Marienborn hatte sie ihre Kinder zurückgelassen für die Dauer mehrerer Reisen und Aufenthalte in Herrnhut. Unterwegs, selbst krank, erfährt sie, dass ihr vierjähriger Sohn David an einer Krankheit gestorben ist. In einem Gedicht wendet sie sich an den „Führer meiner Pilgerschaft“: „Gegen das hätt die Natur/ und Vernunft gern viel gesaget,/ und gefraget/ warum musst es denn geschehen,/ und so gehen/ eben in den Pilger-Zeiten/ bei so viel Bedenklichkeiten?/ Die Vernunft kann’s nicht verstehn.“ Und, als wäre das schon zu viel geklagt, heißt es weiter: „Liebster, komm, was sag ich doch/ aber ich will lieber schweigen/ und mich beugen/ fühle ich gleich, was geschicht/ soll doch nicht/ ein Gedanke was einwenden/ ich nehm’s an von Deinen Händen/ Du wirst mir’s noch machen licht.“ (Geiger, S. 87)
Astrid Günther
Literatur:
- Erika Geiger: Erdmuth Dorothea Gräfin von Zinzendorf. Ihre Lebensgeschichte. Holzgerlingen 2000
- Hilde Lorch: Erdmuth v. Zinzendorf. Stuttgart 1945
- Peter Zimmerling: Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf und die Herrnhuter Brüdergemeine. Holzgerlingen 1999
- Zinzendorf. 300. Geburtstag. Protokoll einer Tagung der Evangelischen Akademie Bad Boll 2000
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Quelle: Landeskirchliches Archiv Stuttgart





