Zum 100. Geburtstag von Dietrich Bonhoeffer
Einer der mutigsten Vertreter einer allein an Christus orientierten Theologie und Lebensführung
Der Heilbronner Prälat Paul Dieterich zeichnet das Leben von Bonhoeffer zu dessen 100. Geburtstag nach.
Dietrich Bonhoeffer, nach Karl Barth der wohl bekannteste deutschsprachige Theologe im 20. Jahrhundert, wurde am 4. Februar 1906 in Breslau geboren. Das im großbürgerlichen Professorenhaushalt in Berlin unkirchlich aufgewachsene achte Kind entschloss sich bald, Theologie zu studieren. Der Schüler Adolf von Harnacks kam bald unter den Einfluss Karl Barths, der sein gewichtiges Gegenüber wurde.
In Rom begann der 17-jährige Student ‚ den Begriff Kirche zu verstehen. Er schrieb einundzwanzigjährig seine Doktorarbeit zum Thema "Sanctorum Communio" (Gemeinschaft der Heiligen). In ihr provoziert er, der die Kirche als "Leib Christi" entdeckt hatte, mit dem Satz "Christus als Gemeinde existierend".
Seinem Kampf um eine Kirche, die dieser Gleichung entspricht, galt sein Bemühen im Auslandsvikariat in Barcelona und seine Suche nach der wirklichen Kirche Jesu Christi in Amerika. Er kam beeindruckt von den Gemeinden der Farbigen aus Amerika nach Deutschland zurück und begann, in der Ökumenischen Bewegung mitzuarbeiten. Dort rang er mit Leidenschaft um eine "Theologie der Ökumene" und um eine Christenheit, die als Ökumenisches Konzil, falls ein Krieg ausbricht, ihren Söhnen "konkret gebietet", den Dienst an der Waffe zu verweigern. Da er selbst sich zur Kriegsdienstverweigerung bekannte, wurde Bonhoeffer mit seiner in Fanö 1934 gehaltenen Friedensrede ein Symbol der christlichen Friedensbewegung.
Im Kampf der Bekennenden Kirche gegen die Verfälschung christlichen Glaubens und gegen die Unrechtsmaßnahmen des Dritten Reiches war Bonhoeffer einer der klarsehendsten und mutigsten Vertreter einer allein an Jesus Christus orientierten Theologie und Lebensführung. Als solcher leitete er nach eineinhalbjährigem Auslandspfarramt in London ein Predigerseminar der Bekennenden Kirche in Finkenwalde bei Stettin. Seine Bücher "Nachfolge" und "Gemeinsames Leben" sind Zeugnisse entschiedenen, zum Opfer bereiten Christseins.
Im Jahr 1938 kam Dietrich Bonhoeffer in Verbindung mit den Oppositionellen um seinen Schwager Hans von Dohnanyi, Karl Goerdeler und Ludwig Beck. Je klarer ihnen wurde, dass Hitlers Regime zum Massen- und Völkermord führte, desto entschiedener riet Bonhoeffer als Gewissensberater der Verschwörer zum Attentat auf Hitler. Er selbst erkundete im Dienst der von Admiral Canaris geleiteten "Abwehr" über seine ökumenischen Kontakte bei den Alliierten Friedensziele für Deutschland. Bonhoeffer wurde im März 1943 verhaftet und blieb bis Oktober 1944 in Militäruntersuchungsgefängnis Berlin-Tegel.
Seine Briefe aus dieser Zeit, die später unter dem Titel "Widerstand und Ergebung" veröffentlicht wurden, zeigen Neuansätze einer Theologie für Religionslose in einer "mündig gewordenen Welt". In seiner "Ethik", die er während der Zeit seiner Zusammenarbeit mit den "Verschwörern" schrieb, formulierte er u. a. ein "Schuldbekenntnis der Kirche", in welchem er die Schuld auch der "Bekennenden Kirche" am Abfall des Abendlandes von Christus bekannte. Einer "Kirche für andere" galt der Entwurf seines letzten Buches, das verschollen ist, an dem er bis in die Tage vor seinem Tod gearbeitet hat.
Dietrich Bonhoeffer wurde nach einem Scheinprozess am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg zusammen mit den übrigen Mitgliedern der Gruppe Canaris ermordet.
Prälat Paul Dieterich




