30. Januar 2006: 25. Todestag
Anna Paulsen
Eine der ersten promovierten Theologinnen in Deutschland war Anna Paulsen. Sie spielte eine wichtige Vorreiterinnenrolle auf dem Weg von Frauen nicht nur ins Pfarramt, sondern auch in die wissenschaftliche Arbeit. Insbesondere in der Kierkegaard-Forschung machte sie sich einen Namen.

- Anna Paulsen (Bildrechte unbekannt)
"Das Predigtamt hat einfach einen zu kurzen Arm, um den viel zu großen Körper der Gemeinde zu erfassen. Wenn ... Kirche über diesen Widerspruch hinaus will ..., wird dies nur möglich sein dadurch, dass dem Predigtamt mehr Hände und Arme zuwachsen, Helfer, die in die Häuser hineingehen, die Einsamen aufsuchen, ..."
Was klingt wie die neueste Werbebroschüre für das Ehrenamt ist in Wirklichkeit eine Einschätzung von 1935. Anna Paulsen (1893-1981), eine von Deutschlands ersten promovierten Theologinnen, verteidigte mit diesen Worten den Dienst der Frauen in der Kirche. Aber wohlgemerkt: Was sie forderte war nicht die Gleichberechtigung der Frauen, gar das gleiche Pfarramt für beide Geschlechter. Anna Paulsen trat für das "spezielle Amt der Frau" in der Kirche ein. Frauen sollten sich vor allen wiederum um Frauen kümmern, sollten die Kinder- und Jugendarbeit voranbringen, das Pfarrbüro managen, kurz: dem Pfarrer alles abnehmen, was nicht unmittelbar Predigt und Seelsorge war.
Damit steht Anna Paulsen in einer Tradition, die für heutige Theologinnen durchaus nicht unproblematisch ist. Die Pfarrerstochter aus Nordschleswig, die 1924 mit einer Untersuchung über "Die Überwindung des protestantischen Schriftbegriffs durch einen historischen Offenbarungsbegriff" von der Universität Kiel promoviert wurde, stand mit ihrem Verständnis der Geschlechterrollen ganz in der Tradition der Romantik: Der Mann muss "hinaus ins feindliche Leben", die Aufgabe der Frau liegt in Häuslichkeit und Mütterlichkeit. Diese Mütterlichkeit war es, die die zeitlebens unverheiratete Anna Paulsen auch für die Frauen im kirchlichen Dienst in Anspruch nahm: Der Bereich des Hauses wurde sozusagen auf die ganze Kirche ausgedehnt. Anstatt Kinder zu gebären und groß zu ziehen, erfüllten die Theologinnen und Gemeindehelferinnen ihre Mutter-Rolle, indem sie Kinder zum christlichen Glauben erzogen, Kranke pflegten, Pfarrer unterstützten, kurz, indem sie das "Haus Kirche" in Ordnung und am Laufen hielten.
Dass die Gemeindehelferin (wie auch die Vikarin) dabei mehr als nur die untergeordnete Helferin des Pfarrers sein könnte, stand für Paulsen nicht zur Debatte. Erst zwei bis drei Jahrzehnte später setzte sich die Erkenntnis durch, dass die Gaben der Frauen (und der Männer) sich nicht auf diese Weise kategorisieren und eingrenzen lassen. Uns Heutige wird diese eigenwillige Definition von Haus und Mütterlichkeit wohl befremden, zumal sie von den Nationalsozialisten gleichermaßen verwendet worden ist (das ganze Volk als "Familie", der Staat mitsamt seiner Rüstungsindustrie als "Haus").
Anna Paulsens leistete viel für die Ausbildung von Frauen in schwieriger Zeit. Von 1925 bis 1945 war sie Leiterin des "Seminars für kirchlichen Frauendienst" am Berliner Burckhardthaus. Vielen Frauen hat sie hier das Rüstzeug mitgegeben, um in den Auseinandersetzungen der NS-Zeit einen klaren Blick für das zu behalten, was das Evangelium von einem Christen oder einer Christin fordert: Liebe zu üben gegen jedermann – egal welcher Herkunft, welcher "Rasse". Denn obgleich der Schwerpunkt in der Ausbildung der künftigen Gemeindehelferinnen auf den praktischen Fähigkeiten lagen – Anna Paulsen legte auch auf die theologische Kompetenz ihrer Schülerinnen großen Wert: So wurden die Frauen in die exegetische Arbeit eingeführt und darin unterwiesen, den existentiellen Bezug eines Bibeltextes zu unserer Situation hier und heute aufzuspüren. Anna Paulsen verstand diesen Gegenwartsbezug von Kierkegaards Begriff der "Gleichzeitigkeit" her: in der Verkündigung des Wortes Gottes und durch das Wirken des Heiligen Geistes wird der historische Graben, der uns von Jesus trennt, überbrückt: "das Verhältnis zu dem unbedingten Herrn macht die Zeitunterschiede gleichgültig. Indem wir so von ihm wissen, erleben wir selbst eine Geschichte mit ihm."
1951 wurde Paulsen in die Kirchenkanzlei der EKD berufen und baute dort das Frauenreferat auf. Indem sie Richtlinien für die Ämter der Frau in der Kirche ausarbeitete, hat sie den Weg der Frauen in der Kirche (besonders der Theologinnen) maßgeblich mit gestaltet. Das Leitmotiv der "geistigen Mütterlichkeit" blieb für Paulsen weiterhin zentral.
Neben der kirchlichen Arbeit konnte sie sich nun auch wieder verstärkt der wissenschaftlichen Arbeit widmen. So wurde ihr 1953 für ihre Lehrtätigkeit am Burckardthaus sowie für ihre Kierkegaard-Forschung die Ehrendoktorwürde ihre Alma Mater in Kiel verliehen. Ihre jahrzehntelange Kierkegaard Studien fanden 1955 ihren Höhepunkt in einer Biografie unter dem Titel "Sören Kierkegaard, Deuter unserer Existenz."
Anna Paulsen starb am 30. Januar 1981 in Schleswig.
Karin Oehlmann
(Quelle: Anja Wessel)
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Weiterführender Link
Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon
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