26. März 1805, 200. Geburtstag
Charlotte Reihlen (1805-1868)
Bloß kein Stillstand! Sie sah Menschen in Not und handelte sofort. Sie lebte bescheiden, um anderen helfen zu können. Dank ihrer Initiative konnte die Evangelische Diakonissenanstalt Stuttgart im letzten Jahr ihr 150-jähriges Bestehen feiern.

- Charlotte Reihlen
Charlotte Reihlen wurde am 26. März 1805 in Kemnat (Kreis Esslingen) geboren. Ab ihrem zwölften Lebensjahr pflegte sie ihre schwerkranke Mutter und übernahm einen Großteil des Familienhaushalts. Sie habe sich abends sogar nur teilweise entkleidet, um der Mutter rasch beistehen zu können.
Mitgründerin der Diakonissenanstalt Stuttgart
Mit 18 Jahren heiratete sie den Kaufmann Friedrich Reihlen. Das Glück der Eheleute war zunächst groß: sie waren jung, verliebt, lebten sorglos in der wohlhabenden Unternehmerfamilie und bekamen bald ihr erstes Kind.
Einen tiefen Einschnitt im Leben der jungen Mutter bedeutete der Tod ihres zweiten Sohnes. Der zweijährige Julius erkrankte an einer Luftröhrenentzündung und verstarb qualvoll. Charlotte Reihlen verfiel in eine schwere Depression. Sie machte sich Vorwürfe und glaubte, Gott wolle sie für ihre Ungläubigkeit strafen. In ihrer Not besuchte sie 1830 einen Gottesdienst von Pfarrer Christian Adam Dann in der Stuttgarter Leonhardskirche. Es traf sie, als sei die Sonne durch die Wolken gebrochen, habe sie über das Wort Gottes gesagt. Die fromme Bürgerin fand ihre geistliche Heimat im Pietismus.
Charlotte Reihlen setzte sich besonders für das Wohl, die Bildung und Erziehung von Kindern ein. Sie hatte für ihre Töchter einen Hauslehrer eingestellt. Friedrich Weidle erarbeitete sich eine angesehene Stellung. Bald sandten auch andere Familien ihre Töchter zum Unterricht ins Haus Reihlen. Die Suche nach größeren Räumlichkeiten brachte Charlotte Reihlen auf den Gedanken, eine konfessionelle Schule für Mädchen zu gründen. Aus dieser Idee ging das Weidle’sche Töchterinstitut, das heutige Evangelische Mörike-Gymnasium, hervor. 1856 lernten bereits 500 Schülerinnen im eigenen Schulgebäude in der Tübinger Straße. Ebenso initiierte Charlotte Reihlen eine "Dienstbotenschule" um Mädchen nach Verlassen der Volksschule mit 14 Jahren eine Ausbildung zu ermöglichen.
Charlotte Reihlen lebte stets sparsam und einfach, um viele Mittel für gute Zwecke einsetzen zu können. Es ist überliefert, dass Besucher sie wegen ihrer einfachen Kleidung für die Magd des Hauses statt für die Hausherrin hielten. Wo immer Charlotte Reihlen war, erfasste sie sogleich die Bedürfnisse der Menschen und musste handeln. So initiierte sie für Menschen, die sich kein Gesangbuch leisten konnten, einen Hilfsverein, der ein "Armengesangbuch" herausbrachte oder gründete einen Bibelverein, der Bibeln zu erschwinglichen Preisen von Haus zu Haus anbot.
In den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts erfuhr Charlotte Reihlen von der Eröffnung einer Diakonissenanstalt in Kaiserswerth bei Düsseldorf. Der Gedanke ließ sie nicht mehr los, sie wollte eine solche Einrichtung auch in Stuttgart gründen. Anfangs traf sie auf Widerstand, das Vorhaben sei nicht zu finanzieren, konnte sich aber mit großer Unterstützung von dem Stuttgarter Stiftskirchenprediger Sixt Karl Kapff später durchsetzen. Sie bildeten 1853 ein Gründungskomitee und suchten Diakonissen über die Zeitung. Ein Jahr darauf wurden die ersten Schwestern verpflichtet.
Kapff soll ihr ebenfalls bei der Darstellung der im Pietismus beliebten Worte Jesu am Ende der Bergpredigt (Matthäus 7,13-14) geholfen haben. Die Worte wurden oft in "Zwei-Wege-Bildern" dargestellt: der breite Weg, den viele wählen, führe zur Verdammnis; der schmale ins Paradies. Sie entwarf dazu ein Bild, beauftragte den Künstler P. Beckmann und fügte selbst entsprechende Texte hinzu. Sie gab dem ganzen den Titel "Der breite und der schmale Weg" und ließ es drucken. Es ist bis heute eine der bekanntesten Darstellungen des Motivs. Reihlen wollte damit die Menschen zur Nachfolge Jesu animieren.
Seit ihrer Jugend wurde Charlotte Reihlen von Krankheit geplagt. Magenschwäche, heftige Migräneanfälle, Schlaflosigkeit und später Herzleiden schwächten sie. Am 21. Januar 1868 hielt ihr zerbrechlicher Körper einer Erkältung nicht mehr stand. Ihre Bekannten ließen sie am Sterbebett nicht allein. Auf dem Stuttgarter Fangelsbachfriedhof befindet sich noch heute Charlotte Reihlens Ehrengrab.
Beate Dreinhöfer
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Charlotte Reihlen, Bild in Druckqualität [JPG, 150 KB], Quelle: Landeskirchliches Archiv




