28. Dezember 2004, 300. Todestag
Johann Reinhard Hedinger (1664 - 1704)
Einmal an einem Sonntagmorgen wollte Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg lieber zur Jagd ausreiten, als den Gottesdienst in der Schlosskirche des Alten Schlosses zu Stuttgart zu besuchen. Da stellte sich im Schlosstor der Hofprediger der herzoglichen Kutsche in den Weg.
"Wenn Euer Durchlaucht mit einem Käpplein Blut gedient ist, so fahren sie nur zu; ich fürchte den Tod nicht!" sprach er. Im ganzen Land erzählte man sich vom Glaubensmut des Hofpredigers Johann Reinhard Hedinger und das Volk verschaffte sich in solchen Anekdoten Luft gegen die verhasste Obrigkeit.
Johann Reinhard Hedinger
Württembergischer Pietist und Hofprediger
Johann Reinhard Hedinger war einer der frühen württembergischen Theologen des Pietismus. Er "übersetzte" die Theologie Philipp Jakob Speners in die württembergischen Verhältnisse.
Am 7. September 1664 wurde er in Stuttgart als Sohn eines Hofjuristen und einer Prälatentochter geboren. Nach der Zeit in den Klosterschulen Hirsau, das 1692 von französischen Truppen zerstört wurde, und Bebenhausen, kam er 1681 zum Studium ins Tübinger Stift.
Wegen seiner besonderen Begabung durfte er nach dem Examen eine große Bildungsreise machen, bei der er auch die Pflanzstätten und Begründer der pietistischen Bewegung, Philipp Jakob Spener in Frankfurt und August Hermann Francke in Halle besuchte. Nach Württemberg zurückgekehrt, wurde er von 1687 bis1694 Reise- und Feldprediger des württembergischen Herzoghauses. 1664 verheiratete er sich mit Christina Barbara, geb. Zierfuß (1674 – 1743) aus Kirchheim/Teck, die nach seinem frühen Tod eine wichtige Rolle für den schwäbischen Pietismus spielte. Im gleichen Jahr ging Hedinger als Professor für Naturrecht nach Giessen, bevor er 1699 zum Hofprediger und Konsistorialrat in Stuttgart berufen wurde. Seine besondere Stellung am Hof, bei der er Zugang zu allen Ständen hatte, nutzte er zu seelsorgerlicher Arbeit und deutlicher Kritik am Herzog und seiner aufwändigen Hofhaltung. In seiner Antrittspredigt rief er dem Herzog zu: "Rette, Fürst, deine Seele!" Zum geplanten Schlossbau in Ludwigsburg nahm er in seinem letzten Lebensjahr noch kritisch Stellung: "Hinausgeschleudert" seien die Gelder für Hunde, Jagd und Schmuck!
Als Theologe verfasste Hedinger die ersten praktisch-theologischen Werke des württembergischen Pietismus. So schrieb er die erste pietistische Predigtlehre (Homiletik), in der er ein gründliches Bibelstudium anmahnte und rhetorische Kunststücke des Barock ablehnte, indem er fragte: "ist denn der Heilige Geist eine Taube oder ein Papagei?" Weiter entwickelte Hedinger eine eindrückliche Seelsorgelehre (Poimenik), in der er auch sensibel auf das Krankheitsbild der Depression und der Selbsttötung eingeht, nachdem er sich dafür eingesetzt hatte, dass ein Stuttgarter Hofmusiker nach seiner Selbsttötung ordentlich bestattet wurde. Auch schrieb er eine Katechetik mit außergewöhnlichen pädagogischen Einsichten in die Entwicklung des Kindes und eigenen Lehrplänen für die Mädchen. Die Einführung der Konfirmation in Württemberg 1723 geschah nach einem gottesdienstlichen Entwurf Hedingers von 1701, in dem die Segnung der Jugendlichen im Vordergrund steht. Da er auch als Liederdichter tätig war und ein pietistisches Hofgesangbuch herausgab, kann er mit Recht als erster praktischer Theologe des württembergischen Pietismus gelten. Zusätzlich gab er eine kommentierte Bibel heraus, deren Korrekturen an der Lutherübersetzung und Randbemerkungen in ganz Europa Aufsehen erregten. Als Mitglied der Kirchenleitung behielt Hedinger zum Problem des Separatismus ein gespaltenes Verhältnis in Sympathie und Widerspruch. Ihn selbst bewahrte seine Hochschätzung des Taufsakraments davor, sich elitär über die kirchliche Gemeinschaft zu erheben. Seinem Hauptanliegen, die Kirche aus ihren Quellen zu reformieren, leistete er durch seine präzisen theologischen Arbeiten einen wichtigen Dienst.
Seine Lebenszeit zwischen der Pracht des Barock und dem Geist des frühen Pietismus, dazu immer belastet von kriegerischen Auseinandersetzungen, war kurz: Hedinger starb mit vierzig Jahren, liebevoll begleitet von seiner Frau und seinem Hofpredigerkollegen am 28. Dezember 1704 in Stuttgart. Lange noch wurden die Anekdoten von seinem Glaubensmut vor Fürstenthronen im Land weitererzählt und seine theologischen Werke als Unterrichtsbücher für Theologen und Vikare verwendet.
W. Schöllkopf
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Literatur:
Wolfgang Schöllkopf: Johann Reinhard Hedinger (1664-1704): Württembergischer Pietist und kirchlicher Praktiker zwischen Spener und den Separatisten (AGP 37), Göttingen 1999.
Derselbe: Johann Reinhard Hedinger (1664 – 1704)in: Siegfried Hermle (Hg.), Kirchengeschichte Württembergs in Porträts. Pietismus und Erweckungsbewegung, Holzgerlingen 2001, S. 33 – 50.
Weiterführende Links
Biographisch Bibliographisches Kirchenlexikon
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Johann Hedinger, Bild in Druckqualität JPG [1,2 MB], Quelle: Amt für Information






