Eduard Mörike zum 200. Geburtstag
Die Säule, an die ich mich lehne
Prälat Paul Dieterich würdigt den württembergischen Pfarrer und Schriftsteller Eduard Mörike zu seinem 200. Geburtstag.
Dass Mörike, der nach mehrfach nicht bestandenem Landexamen durch des Paten Georgii mächtigen Einfluss "gnadenhalber" ins Uracher Seminar gekommen war und schließlich die Universität Tübingen – auch wieder "gnadenhalber"? - verließ, zeigt, dass sein Eifer in Sachen Theologie moderat gewesen sein dürfte.
"Alles nur kein Geistlicher!" - Eduard Mörike
Zugrunde ging Mörike dort nicht, trotz circa 15 Stunden Karzer pro Semester, die er sich jeweils redlich verdient hatte. Aber er kam ins Vikariat mit dürftigen theologischen Kenntnissen. Ein Vikar, dem die Grundlehren der Kirche fremd, "ehrwürdig" und "leer" waren.
Tat er sich deswegen so schwer auf der Kanzel? "Ich kann und kann eben nicht predigen und wenn Du mich auf die Folter spannst". Es gibt Pfarrfamilien, in denen man sagt Kanzelholz sei gesund, man schickt den schwächelnden Mann nicht zum Arzt, sondern auf die Kanzel. Den Vikar Mörike machte Kanzelholz krank. Obgleich Gemeindeglieder in Owen und Ochsenwang ihn nicht ungern predigen hörten.
"Alles nur kein Geistlicher!
"Alles nur kein Geistlicher! hier bin ich ganz und durchaus gelähmt!" sagte Mörike einmal. Tyrannische geistliche Potentaten können es nicht gewesen sein, die ihn zu dieser Abneigung veranlasst haben. Seine "Vikarsväter" in Owen und Köngen, sein Dekan in Kirchheim, die ihm vorgesetzten Männer des Konsistoriums waren allesamt Leute, die ihm wohl gesinnt waren. Seine Urlaubsgesuche, seine Anträge auf Beihilfe zur Kur, schließlich das Pensionsgesuch des knapp 39-Jährigen, alles wurde wunschgemäß genehmigt. Sie scheinen viel Verständnis für den kriselnden Vikar und Pfarrer gehabt zu haben. Vier Vikare hat man in Cleversulzbach dem Pfarrer der 700-Seelen-Gemeinde nacheinander zugestanden. Er durfte, während sie Gottesdienst hielten, Orgelspiel und Gemeindegesang vom Garten aus genießen.
Schutzheiliger der Predigträuber
Es gab einen hilfsbereiten Freund in Wermuthshausen, an den der predigtmüde Pfarrer vertrauensvoll schreiben konnte: "Sei doch so gut und schicke mir...für die Sonntage von Ostern an ein Dutzend deiner Predigten. Ich werde mich ihrer mit einem ganz anderen Gefühl als jener fremden bedienen. Eduard Mörike – Schutzheiliger der Internetpredigträuber. Schließlich das Pensionsgesuch des 39-Jährigen: Minutiös genaue Beschreibung seiner vielfältigen Leiden. Dramatische Zuspitzung: "Bei meiner letzten Katechisation und Taufhandlung...ward mir so schlimm, dass die Gemeinde sowohl als ich selbst jeden Augenblick mein Umsinken erwartete". Dann die eigentliche Bitte: "Nach dieser ganzen, der lautesten Wahrheit gemäßen Darstellung und unter Beilegung eines ärztlichen Zeugnisses wage ich denn Euer Königlichen Majestät die Bitte um allergnädigste Enthebung vom Predigtamt und huldvolle Verleihung einer Pension untertänigst zu Füßen zu legen. In tiefster Ehrfurcht verharrend Euer Königlichen Majestät untertänigst treugehorsamster Eduard Mörike". Wie gesagt, dem Gesuch wurde stattgegeben. Aus welchen Gründen auch immer.
Ein Pfarrer, der zu seinen Nöten steht
Darf man von Eduard Mörike zu seinem 200. Geburtstag am 8. September das alles berichten? Wir müssen aus dem großen Lyriker weder einen bedeutenden Theologen noch einen eindrücklichen Pfarrer machen. Es sind ja nun wirklich nicht nur seine Nöte zwischen Schreibtisch und Kanzel. Und dem Mann gebührt Ehre, der sich diesen Nöten in Armut und Wahrhaftigkeit stellt, auf die Gefahr hin, dass er hilflos wird.
Schade, dass Mörike alle seine Predigten vernichtet hat. Vielleicht hätten wir in ihnen manches tröstliche Stammeln, manch erbauliches Scheitern gefunden. Es werden ja nicht die beati possidentes, die alles auf die Reihe bringen, selig gepriesen, sondern die geistlich Armen.
Passionsgedichte von tiefer Wärme
Bei Mörike ist immer auch der "steinerne Gast", der Tod, anwesend. Er umfängt wie eine Art Grundmelodie die Gestalten im Roman seines Lebens, dem "Maler Nolten".
Hatte Mörike ein Gespür für Jesus Christus? Für den Christus, der für uns lebt und stirbt? Besonders seine Passionsgedichte sind von tiefer Wärme. "WO FIND ICH TROST? Eine Liebe kenn ich, die ist treu, / War getreu, so lang ich sie gefunden, / Hat mit tiefem Seufzen immer neu, / Stets versöhnlich, sich mit mir verbunden. / Welcher einst mit himmlischem Gedulden / Bitter bittern Todestropfen trank, / Hing am Kreuz und büßte mein Verschulden,/ Bis es in ein Meer von Gnade sank." Mörike soll, als er auf seinem letzten Lager nach Jesus gefragt worden sei, gesagt haben: "Ja, er ist die Säule, an die ich mich lehne, wenn ich schwach werde".
Prälat Paul Dieterich
Aus: Für Arbeit und Besinnung 2004/17
© Evangelische Landeskirche in Württemberg
Weiterführende Links
Ein blaues Band - Mörike in der Kulturregion Stuttgart
Linkverzeichnis zu Mörike der FU Berlin
Ungekürzte Fassung des Textes






