Ursula Kress im Interview
"Frauen sollten von Männern lernen, sich darzustellen"
Männer lassen den Beruf vorgehen, Frauen die Familie. Ursula Kress, bisher Frauenbeauftragte der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, hinterfragt Geschlechterrollen. Seit Juni 2007 ist sie Beauftragte für Chancengleichheit der Landeskirche. In einem Interview skizziert sie Ziele ihres Amtes.
Frau Kress, sind die in der Ordnung für die Frauenbeauftragte der Landeskirche formulierten Ziele schon erreicht?
Vieles ist auf den Weg gebracht worden, aber nicht alles, was bisher erreicht wurde, kann als gesichert gelten: Die verstärkte Vertretung von Frauen in den Organen und Leitungsgremien der Kirche und spezielle Frauenförderung haben ihre Aktualität noch nicht verloren.
Warum gibt es noch so wenige Frauen in Leitungsgremien?
Leitungsaufgaben heißt neben Verantwortung zu haben und Position zu beziehen auch oft Überstunden zu leisten, und das lässt sich mit der Familienverantwortung, die zum Großteil auf den Schultern von Frauen lastet, schwer unter einen Hut bringen. Die Beurteilung von Leitungsleistung müsste sich außerdem stärker an Zielvereinbarungen und nicht so sehr an Präsenzzeiten orientieren.
Männer müssten also mehr machen im Bereich Familie?
Die Problematik von Berufstätigkeit, Ehrenamt und Familien-Leben muss verstärkt in den Blick genommen und Lösungsvorschläge erarbeitet werden: Leitungsstellen sollen teilbar sein wie beispielsweise Pfarrstellen und weitere Modelle für flexible Arbeitszeitgestaltung in Aussicht gestellt werden. All das wollen wir unter dem Stichwort: Rahmenbedingungen für Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Was ändert sich an Ihrer Arbeit, wenn Sie von jetzt an Beauftragte für Chancengleichheit sind?
Es geht um Chancengleichheit als Leitprinzip in verschiedenen Arbeitsfeldern, Chancengleichheit ist ein Querschnittsthema, ist also Strategie und Methode. Und es wird auch zukünftig frauenspezifische Seminare geben. Es geht außerdem um die Perspektive von Männern, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Beide Geschlechter müssen sich in Zukunft verstärkt mit ihren Bildern über Geschlechterrollen auseinandersetzen, so ist beispielsweise nun an einen Boys’ Day zu denken.
Was kann man sich darunter vorstellen?
Diakonische und kirchliche Bildungseinrichtungen veranstalten nach dem Vorbild des Girls’ Day einen Info-Tag, bei dem Jungen für Themen wie Pflege und Fürsorge gewonnen werden. Außerdem für Erziehung und Bildung im Kindergarten und in der Grundschule – eben die bisher typischen Frauenberufe. Hier sind Männer als Vorbilder willkommen und nötig.
Müsste man nicht auch was bei den Männern tun?
Ja, aber Männer bleiben halt nach wie vor gern unter sich.
Und was wollen Sie tun, um die Männerzirkel aufzubrechen?
Überzeugungsarbeit muss bei Führungskräften ansetzen, damit Beruf und Familie vereinbar sind. Im Bemühen um eine möglichst objektive und gerechte Beurteilung ist es unerlässlich, sich die eigene geschlechtsgeprägte Sicht bewusst zu machen. So wird von Frauen in der Regel erwartet, dass sie der Familie mehr Gewicht beimessen als dem Beruf, von Männern hingegen, dass sie ihre berufliche Entwicklung über ihr Privatleben stellen.
Und was sollten Frauen tun?
Frauen sollten beharrlich sein und sich durch Klarheit und Fachkompetenz einen guten Ruf erwerben. Frauen sollten von Männern lernen, sich darzustellen. Personalverantwortliche müssen sensibel werden für Unterschiede im Gesprächsverhalten von Frauen und Männern. Frauen haben die Tendenz, gute Leistungen weniger hervorzuheben als Männer. Frauen haben auch die Tendenz, ihre Erwartungen weniger fordernd vorzutragen. Hinter allgemein geäußerten Vorstellungen können konkrete Vorschläge und gute Ideen stecken.
Was sagt Ihre Erfahrung: Würde Kinderbetreuung - beispielsweise in Form eines Betriebskindergartens - kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern helfen, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen?
Ich denke ja. Als Beauftragte für Chancengleichheit bin ich für Wahlfreiheit von Frauen: Frauen, die ihre Kinder zu Hause erziehen wollen, sollten es weiterhin ohne schlechtes Gewissen tun können. Die Frauen, die ihre Kinder betreuen lassen wollen, sollten dazu die entsprechenden unterstützenden Angebote haben, auch in Form eines Betriebskindergartens. Der Oberkirchenrat prüft derzeit die Möglichkeiten eines Betriebskindergartens und startet dazu eine Bedarfsabfrage.
Die Fragen stellte Astrid Günther, Amt für Information, Evangelisches Medienhaus GmbH





