englishfrancais

StartseiteArbeitsfelderKulturRekordkirchen in Württemberg

Zwischen Weltrekord und schwäbischer Bescheidenheit

Evangelische Kirchen in Württemberg: die kleinste und größte, die kälteste, die teuerste

Wo steht die kleinste, die älteste, die jüngste evangelische Kirche Württembergs? Welche liegt am höchsten, welche am niedrigsten, wo ist es am heißesten, wo am kältesten?

Wo steht die stilistisch einheitlichste Kirche? Welche wäre – wenn man sie heute erneut bauen wollte – die teuerste? Dies zu wissen, würde sicher jeden Kandidaten einer Rateshow überfordern, aber zu beantworten sind solche Fragen durchaus.

Jede der 1553 württembergischen evangelischen Kirchen hat etwas Besonderes

Ulmer Münster - die Kirche mit dem höchsten Kirchturm der Welt [Bild: D. Bausch]

Auf welchem Kirchturm der Mensch dem Himmel am nächsten ist, weiß im Schwabenland so ziemlich jedes Kind und nennt stolz „unser Ulmer Münster“. Bis zur Aussichtsplattform in 141 Metern Höhe sind 768 Stufen zu bewältigen.

Doch 20,5 Meter höher erst endet der Turm – Weltrekord. Natürlich weiß das kluge Kind auch, was am Turm aushängende, rote Ballons signalisieren, nämlich dass der schweißtreibende Aufstieg mit einem grandiosen Blick bis zu den Alpen belohnt wird. 

Unter den 1.533 evangelischen Kirchen Württembergs zwischen Bodensee und Taubertal hat man die Qual der Wahl. Jede Kirche vom Schwarzwald bis zum Härtsfeld ist auf ihre Art einmalig und beachtenswert. Das gilt selbst für die wohl kleinste, nämlich die „Bauernkirche“ in Gaugenwald im Schwarzwald. Die dank Holz und Hof seinerzeit vermögenden Gaugenwalder haben sie 1689 selbst finanziert, und sie ist bis heute in kommunalem Besitz. Gerade mal vierzig Sitzplätze hat das Kirchlein. „Für den Sonntagsgottesdienst reicht`s, bei Trauungen wird es eng, so dass gelegentlich eine Lautsprecherübertragung ins Freie erforderlich ist, und zur Konfirmation geht es ins benachbarte Zwerenberg“, erzählt Pfarrer Karlheinz Joos.

An der Nikolauskirche pfeift der Wind von allen Seiten

Michaelskirche in Schwäbisch Hall - hier fand das erste evangelische Abendmahl in Württemberg statt

Liegt seine Kirche auf gut 600 Metern zwar nicht gerade niedrig, muss er das Prädikat „höchst gelegene evangelische Kirche Württembergs“ doch einem anderen Ort überlassen. Die Lamprechtskirche in Meßstetten auf der Alb liegt auf 907 Metern. Sie wurde 1913 gebaut, nachdem zwei Jahre zuvor ein Erdbeben die alte Kirche schwer beschädigt hatte.

Wenige Kilometer nördlich darf sich eine andere Kirche eines Rekords sicher sein. Die kälteste jemals in Baden-Württemberg gemessene Temperatur von minus 36,1 Grad wurde nämlich am 1. März 2005 in Bitz gemessen. Und da die Nikolauskirche erhöht auf dem Lindenbühl steht „pfeift der Wind von allen Seiten“, so Kirchenpflegerin Irene Blickle, die jährlich bis zu 7.000 Euro Heizkosten verbuchen muss.

Das andere Extrem liefert der Talkessel von Stuttgart. Am 13. August 2003 war dort mit 37,6 Grad der heißeste Tag der letzten 200 Jahre. Da heizen sich Kirchen trotz dicker Mauern bis zu 30 Grad auf, so dass man dem Blumenschmuck beim Welken zusehen kann, denn eine Klimaanlage besitzt keine Kirche. Lange Zeit ganz andere Sorgen hatten rund 100 Kilometer neckarabwärts die Menschen in Wimpfen im Tal. Die dortige Cornelienkirche auf 150 Metern ist die niedrigst gelegene evangelische Kirche Württembergs. Der Neckar überschwemmte sie in steter Regelmäßigkeit; zuletzt schwammen 1993 die Stühle durchs Kirchenschiff. Inzwischen wurden die Uferdämme verstärkt, so dass die gotischen Wandmalereien und die Orgel von 1792 aus der Schnitgerschule nicht mehr gefährdet sind.

Die ältesten Kirchen stehen auf römischen Überresten

Klosterkirche in Maulbronn - seit 1993 Weltkulturdenkmal der UNESCO

Überhaupt sind die Gemeinden stetig herausgefordert, ihre Kirchen zu schützen, zu erhalten und zu sanieren. Seit Jahrhunderten sind Kapellen, Kirchen und Klöster ein verpflichtendes Erbe. Entstanden sind die ersten im Zuge der Alemannenmissionierung ab dem 6. Jahrhundert, vorzugsweise von adligen Familien gestiftet. Viele dieser Kirchen wurden auf römischen oder alemannischen Siedlungen oder Heiligtümern errichtet. Das ist exemplarisch in der Johanneskirche von Wannweil bei Tübingen zu besichtigen. Sie steht auf den Trümmern einer römischen Niederlassung. Reste davon, wie die Pfeiler einer Fußbodenheizung, Stücke von Glasgefäßen, Ziegel und Tonscherben sind ausgegraben und im Turm ausgestellt. In der Martinskapelle in Kirchheim am Ries ist gar ein römischer Opferstein in den christlichen Altar integriert worden. Die Ursprünge beider Kirchen zählen zu den ältesten im Land; ebenso die der Martinskirchen in Pfullingen, Gruibingen und Kirchheim/Teck sowie der Galluskirche in Sontheim-Brenz: Sie gehen auf das ausgehende 6. und beginnende 7. Jahrhundert zurück.

Jedoch die absolut älteste auszumachen, ist kaum möglich. Gewissheit könnten nur datierte Inschriften geben, die aber bei den genannten frühesten Kirchen nicht gefunden wurden. Immerhin aber gibt es die älteste mit einem Datum versehene Kircheninschrift Deutschlands in der Johanneskirche in Gingen an der Fils. Dort ist auf einem Stein in Latein zu lesen, dass Abt Saleman am 1. Februar 984 „in der Hoffnung auf sicheren Lohn“ den Grundstein legte. Bliebe noch, das „Rätsel von Unterregenbach“ und seiner Veitskirche an der Jagst zu erwähnen, auch eine der ganz alten Kirchen. Dort bemerkte ein Pfarrer beim Kartoffelholen im Keller, dass dessen Mauern und Gewölbe nicht rein profaner Natur sein konnten. Grabungen legten daraufhin Krypta und Fundamente einer 50 Meter langen Kirche des 11. Jahrhunderts frei, die wiederum auf einer Kirche des 8. Jahrhunderts gründete; die Krypta ist zu besichtigen.

Stilistisch besonders einheitliche Kirchen

Stuttgarter Stiftskirche - von dort aus wurde die Reformation landesweit eingeführt

Ebenfalls besuchenswert sind zahllose weitere Kirche aller Jahrhunderte, die stilistisch besonders einheitlich erhalten sind. Unter den romanischen Kirchen des 11. und 12. Jahrhundert sind die Johanneskirche in Oberstenfeld im Bottwartal, die Stiftskirche in Faurndau und die Walterichskapelle in Murrhardt hervorzuheben.

Exemplarisch für reine Gotik stehen die Martinskapelle im hohenlohischen Buch, die Kirche in Effringen bei Calw, die Alexanderkirche in Marbach und die Frauenkirche in Esslingen.

Im Renaissancestil des 16. Jahrhunderts machen die Kapelle im Schloss Liebenstein am Neckar und der 62 Meter hohe Turm der Heilbronner Kilianskirche, der erste dieser Art in Deutschland, auf sich aufmerksam.

Um die vordersten Plätze unter den Barockbauten streiten die Friedrichshafener Schlosskirche, die Rottweiler Predigerkirche, die Augustinuskirche in Schwäbisch Gmünd und natürlich die Kirchen der oberschwäbischen Barockstraße.

Neugotik des 19. Jahrhunderts zeigen die Reutlinger Marienkirche im Innern und als „Musterkirche“ damaliger Zeit die Stuttgarter Johanneskirche.

Kurz waren die Phasen des Jugendstils, am brillantesten in Gaggstadt verwirklicht, des Expressionismus mit der Esslinger Südkirche sowie des Bauhauses mit der Kreuzkirche in Stuttgart-Hedelfingen.

Umso intensiver jedoch wurden nach dem Zweiten Weltkrieg hunderte evangelische Kirchen wieder aufgebaut oder neu gebaut. Die jüngste ist seit 2004 die Sophie-Scholl-Kirche in Schwäbisch Hall.

Viele Kirchen haben eine große ideelle Bedeutung

Die 1.533 evangelischen Kirchen Württembergs sind von unschätzbarem ideellem und finanziellem Wert. Ihn zu beziffern, sieht sich selbst Ulrich Gräf, Kirchenoberbaudirektor der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, außerstande. Statt von wertvollen Kirchen spricht er lieber von „bedeutenden“ Kirchen. Zu diesen zählt er, abgesehen von den bereits genannten, beispielsweise die Creglinger Herrgottskirche mit Tilman Riemenschneiders Marienaltar, die Herrenberger Stiftskirche mit ihrer Sammlung von 36 Glocken aus neun Jahrhunderten und die Michaelskirche in Schwäbisch Hall, weil dort Johannes Brenz 1526 das erste evangelische Abendmahl feiern ließ und dennoch keinen Bildersturm provozierte, so dass zahlreiche Altäre und Epitaphe des 15. Jahrhunderts erhalten blieben.

Hervorzuheben seien auch die Stuttgarter Stiftskirche wegen ihrer Grablege des Hauses Württemberg und weil von dort aus die Reformation landesweit eingeführt wurde, die Stuttgarter Schlosskirche von 1562 als erster evangelischer Kirchenbau Süddeutschlands sowie die von Heinrich Schickhardt „über Eck“ gebaute Kirche in Freudenstadt.

Besteht man jedoch partout auf einer Auskunft über die materiell wertvollsten Kirchen, dann sind dies für Ulrich Gräf das Weltkulturerbe Kloster Maulbronn sowie das Ulmer Münster. „Wollte man das Münster heute erneut bauen, wäre es die teuerste Kirche“, erklärt er. Das wiederum versteht intuitiv jedes Kind, wenn es im Ulmer Münster durch das 130 Meter lange und 40 Meter hohe Kirchenschiff geht und dabei umbraust wird von mehr als 9.000 Orgelpfeifen. Das ist zwar kein Welt-, aber immerhin Württemberg-Rekord.


Helmut Liebs


Kennen Sie weitere evangelische Rekordkirchen in Württemberg? Dann schicken Sie uns eine Mail - wenn möglich mit Bild an - kontakt@dont-want-spam.elk-wue.de.

(Wieder)Eintritt in die Kirche
Bookmarks und RSS

RSS Feed abonnieren

Ich glaub schon
Hilfe für Missbrauchsopfer