Wahrzeichen der Stadt und Wurzeln des Glaubens
Der Stiftungsboom hat die evangelische Kirche erreicht
Stuttgart/Nürtingen. Beate Beck-Deharde verhalf als eine von dreiunddreißig Gründungsstifterinnen und -stiftern der „Stadt-Kirchen-Stiftung Nürtingen“ 2008 zu einem erfolgreichen Start. 152.000 Euro haben sie gemeinsam gestiftet. Doch das war nur der Anfang. Weitere Stiftungspioniere haben das Vermögen auf gut 200.000 Euro erhöht, jede und jeder mit 2.500 Euro oder mehr.
Wer so viel gibt, muss eine besondere Beziehung zur Kirche haben. So wie Beate Beck-Deharde. Die Geschäftsführerin einer Packautomatenfirma verortet in der evangelischen Stadtkirche die „Wurzeln ihres Glaubens“. Ihr Engagement resultiere aus „vielen schönen Erlebnissen“, die sie dort hatte, nicht zuletzt ihre Hochzeit unter dem mehr als 500 Jahre alten Kreuzrippengewölbe.
Nürtingens Dekan Michael Waldmann bestätigt: „Zu den ersten Stiftern zählen Menschen, die hier getauft, konfirmiert und getraut wurden. Aber auch unabhängig davon nehmen viele die Kirche als unverzichtbares Wahrzeichen wahr und wollen es erhalten.“ Zwei Jahre warb Dekan Waldmann um Gründungsstifterinnen und -stifter. Nun hofft er auf so genannte Zustifter, die Beiträge in jeglicher Höhe geben, gegebenenfalls auch per Vermächtnis. Er weiß, dass das Vermögen von Stiftungen nicht aufgezehrt werden darf, sondern allein die Zinsen zur Erfüllung der Stiftungsaufgaben zur Verfügung stehen. Eine Stiftung braucht deshalb beträchtliches Kapital. Nur dann werde sie „eine starke neue Finanzierungssäule, die angesichts stetig zurückgehender Einnahmen und mit Blick auf nachhaltige Herausforderungen dringend nötig ist“, so der Dekan.

- Die Kirchenstiftung in Nürtingen ist ein Beispiel dafür, dass der Stiftungsboom in Deutschland jetzt auch die evangelische Kirche erreicht hat.
Der erfolgreiche Start der Nürtinger Kirchenstiftung steht beispielhaft dafür, dass der allerorten in Deutschland erkennbare Stiftungsboom jetzt auch die Kirche erreicht hat. Im säkularen Bereich nahm dieser Boom schon im Jahr 2000 seinen Anfang, und ein Ende ist nicht absehbar: 2007 wurden mit 1.134 rechtlich selbstständigen Stiftungen doppelt so viele errichtet wie 1999.
Im Bereich der Evangelischen Landeskirche in Württemberg hingegen gründeten deren Kirchengemeinden von 2001 bis 2007 gerade einmal zehn Stiftungen neu. Das waren beispielsweise die Stiftung Hospitalhof Stuttgart für die evangelische Bildungsarbeit, eine Kirchenmusikstiftung der Tübinger Albert-Schweitzer-Gemeinde und die Drei-Kirchen-Stiftung in Geislingen. Doch nun die Überraschung: Mindestens zehn neue Kirchenstiftungen werden seit 2008 jährlich ins Leben gerufen. Mitverantwortlich ist die Landeskirche selbst beziehungsweise deren Landessynode. Die beschloss nämlich die Errichtung einer Landeskirchenstiftung zum 1. Januar 2008. Dank dieser Stiftung war organisatorisch und personell eine Plattform geschaffen, um Kirchengemeinden und kirchliche Einrichtungen in Fragen des Rechts, der Finanzen, der Verwaltung und des Marketings ihrer Stiftungen intensiver als bisher zu beraten und zu begleiten. Außerdem können Kirchengemeinden, kirchliche Einrichtungen sowie auch Privatpersonen ihre Stiftungen der Landeskirche als Trägerin anvertrauen, die dann in der Regel die Verwaltung, die Geldanlage und die Kosten der unabhängigen Rechnungsprüfung übernimmt.
Birgit Marx war die erste, die eine solche Stiftung bei der Landeskirchenstiftung errichtete, nämlich im Gedenken an ihren verstorbenen Mann Robert Marx, ausgestattet mit 300.000 Euro zugunsten der Kirchenmusik und der Diakonie in Schorndorf. Ebenfalls von privater Seite, und zwar aus Vermächtnissen, werden im Herbst die Stiftung Stiftskirche Tübingen und die Diakoniestiftung Ulm aus der Taufe gehoben. Zeitlich dazwischen liegen zwei weitere Stiftungen, die einen beeindruckenden Start hatten. In dem kleinen Ort Creglingen im Taubertal trugen Gründungsstifter 100.000 Euro zugunsten der Herrgottskirche mit dem weltberühmten Marienaltar von Tilman Riemenschneider zusammen. Kein halbes Jahr musste der dortige Pfarrer Christof Messerschmidt für diese Summe werben. Geheimnis des Erfolgs: überzeugt von der Sinnhaftigkeit der Stiftung die Gemeindemitglieder besuchen oder anschreiben und so begeistern, dass sie ihrerseits überzeugt sind. Ihm gleich tat es der Kollege Hans-Martin Fetzer in Sindelfingen. „Ein Traum ist in Erfüllung gegangen“, bekannte er am 4. Juli 2008, taggenau 925 Jahre nach der Weihe der seinerzeit von Graf Adalbert von Calw gestifteten Martinskirche, und überreichte 78 Gründungstifterinnen und -stiftern die Anerkennungsurkunden für 260.0000 Euro zugunsten der neuen Martinskirchenstiftung.
Verständlicherweise, angesichts der enormen Unterhaltskosten und im Blick auf ihre Unverzichtbarkeit, sind die meisten neuen Stiftungen in der evangelischen Landeskirche den Kirchen gewidmet. Diesbezüglich seien auch die Stiftung für die Stuttgarter Haigstkirche und die Stiftung für die Kirchheimer Martinskirche genannt, die im Herbst errichtet werden. Doch gründet andererseits gegen Jahresende das Evangelische Missionswerk Südwestdeutschland eine Stiftung „Mission in Partnerschaft“ und der Kirchenbezirks Filderstadt eine Diakoniestiftung – beide gemeinsam mit der Landeskirchenstiftung und beide mit einem sechsstelligen Anfangsvermögen. Da tut sich die Stiftung „Haus der Begegnung“ in Herrenberg etwas schwerer. Die Begegnungs- und Bildungsstätte feierte 2008 ihr 40-jähriges Bestehen und würde gerne bei symbolhaften 40.000 Euro stehen, mindestens. Doch Diakon Gerhard Berner hat keine derart prominenten Fürsprecher, wie die eingangs beschriebene Nürtinger Stiftung: den Ratsvorsitzenden Bischof Dr. Wolfgang Huber, der dort einstmals Vikar war, und in den Schriftsteller Peter Härtling, der als Konfirmand in der Kirche „Antworten gefunden hat“ auf seine Fragen. Der Herrenberger Diakon muss anders überzeugen: durch die Qualität seiner Arbeit, durch die Wichtigkeit geistlicher Begleitung des Lebens und durch die Dringlichkeit eines Orts für Selbsthilfegruppen und offene Begegnung. An seiner Vision, in einigen Jahren 200.000 Euro auf dem Stiftungskonto zu haben, will er auf jeden Fall festhalten. „Damit kann man schon einiges bewegen“, sagt er, und gibt damit das entscheidende Wort, das alle Stifterinnen und Stifter eint: Sie wollen etwas bewegen. Und sie vermögen es, und sie tun es. Mehr denn je, und nun auch in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.
Helmut Liebs





