„Nirgendwo anders hätte ich Bischof sein wollen"
Theo Sorg, ehemaliger Bischof der evangelischen württembergischen Landeskirche, wird 80 Jahre alt
Am 11. März feiert der frühere Landesbischof der evangelischen Kirche in Württemberg Theo Sorg seinen 80. Geburtstag. Zum Fest werden seine Geschwister kommen und die seiner Frau, seine vier Kinder samt Schwiegerkindern und die sechs Enkel.
Am meisten freut sich Simon, mit sechs Jahren der jüngste Enkelsohn, auf diesen Tag. Schließlich hat der Großvater ihm versprochen, dass er ganz allein an jener Wunderschnur ziehen darf, die das Tor der Tiefgarage wie von Zauberhand nach oben schweben lässt.
Ein schöner Tag wird das werden, da ist Theo Sorg sich sicher, mit Kuchen und Musik, mit Wein am Abend und guten Gesprächen. Sehr wohl fühle er sich im Kreis seiner Familie, so versichert er und strahlt dabei. Und erzählt dann ganz offen, dass das nicht immer so war. Harte Auseinandersetzungen hätten seine Kinder als Jugendliche mit ihm geführt. Er sei so wenig zu Hause gewesen, vor allem in seiner Zeit als theologischer Dezernent und dann als Prälat beim Oberkirchenrat und später als Bischof. Das hätten sie ihm vorgeworfen. „In gewisser Weise zurecht“, sagt Theo Sorg heute. Das er jetzt ein so gutes Verhältnis zu seinen Kindern und Enkeln habe, sei vor allem das Verdienst seiner Frau: „Sie hat in schwierigen Zeiten die Familie zusammengehalten. Dafür muss ich ihr ewig dankbar sein!“
Das Auseinanderstrebende zusammenhalten

- Altlandesbischof Theo Sorg feiert seinen 80. Geburtstag im Kreise der Familie.
Was seiner Frau im Privaten gelang, war ihm selber als Bischof für die ganze Landeskirche ein Anliegen: „Das Auseinanderstrebende zusammenhalten“. Innerhalb der Württembergischen Landeskirche gäbe es ja bekanntlich ganz unterschiedliche Strömungen, Meinungen und Ansichten, erklärt er. Hier integrierend zu wirken, sei ihm immer wichtig gewesen: „Wir haben ja doch alle dieselbe Grundlage: den Glauben an Jesus Christus.“
Das Kruzifix, das für sein Amtszimmer als Bischof in Stuttgart gestaltet wurde, setzte diese Überzeugung künstlerisch um. Ein kleines Bronzemodell davon besitzt Theo Sorg noch privat: ein in der Mitte gespaltenes Kreuz, das vom Körper des Gekreuzigten zusammengehalten wird.
Als Brückenbauer hat er sich immer verstanden, und so wurde er auch in der Öffentlichkeit wahrgenommen: als Brückenbauer zwischen dem in Württemberg traditionell sehr einflussreichen Pietismus, dem Sorg selber nahe steht, und liberaleren Strömungen.
„Es war mir wichtig, keine Unterschiede zu machen“, sagt Theo Sorg, „nicht meine Leute zu bevorzugen. In der Kirche müssen verschiedene Zungenschläge hörbar sein.“ So hatte etwa sein persönlicher Referent während der Bischofszeit einen anderen theologischen Hintergrund als er und war gerade so ein besonders entscheidender Ratgeber für ihn.
Und wie sieht er die Zukunft der Kirche? „Unsere Botschaft, das Evangelium, ist eine Beziehungssache“, davon ist er überzeugt und erzählt vom Schwatz auf dem Kirchplatz nach dem Gottesdienst, wo die Leute gegenseitig am Leben und Glauben der anderen teilnehmen. „Die Kirche wird zahlenmäßig in Zukunft sicher nicht wachsen – aber sie ist immer durch schwierige Zeiten auch stärker geworden, wenn sie ihr Eigentliches nicht vergessen hat: nämlich zum Glauben an Jesus Christus einzuladen!“ Noch viel einladender müsse die Kirche in Zukunft werden, meint Theo Sorg. Nicht eine Insel der Seligen solle sie sein, sondern eine Gemeinde mit offenen Türen, eben „Kirche für andere“, wie Dietrich Bonhoeffer es ausgedrückt hat.
Evangeliumsspeer und alte Weinetiketten
Letztes Jahr sind Theo Sorg und seine Frau Ruth vom geräumigen Reihenhaus in Ostfildern-Kemnat in eine altersgerechte 3-Zimmer-Wohnung in die Nähe einer der beiden Töchter nach Blaubeuren gezogen. Von vielem haben sie sich getrennt. „Die Bücher zu verschenken war nicht einmal so schwer, das Wichtigste hab ich ja hier“ und er tippt sich an den Kopf. Aber als der große Schreibtisch auf den Sperrmüll kam, weil keiner ihn wollte, das sei schon sehr hart gewesen. Immerhin hatte er an ihm in langen Jahren seine vielen Bücher, seine Vorträge und, nicht zu vergessen, seine ungezählten Predigten geschrieben.
Sein neues Arbeitszimmer ist ein schmaler Raum, in dem alles versammelt ist, was er nicht weggegeben hat: Bücher mit Predigtmeditationen und solche über Geschichte, Erinnerungsfotos, eine kleine Schillerbüste, das schon erwähnte Kruzifix und der beeindruckende Speer, den er einmal in einer Partnergemeinde in Tansania bekam und der für ihn ein Symbol ist für die Dynamik und Lebendigkeit der christlichen Botschaft.
Am jetzigen kleinen Schreibtisch – „ein Kinderschreibtisch“ scherzt Theo Sorg – schreibt er nach einigen Jahren krankheitsbedingter Pause wieder Predigten, mit Füllfederhalter auf weißem Papier. Einen Computer hat er nicht.
Und wie ist so ein ganz normaler Tag im Leben eines Altbischofs? „Ich stehe zwischen halb acht und acht auf, dann mache ich das Frühstück, das ist meine Aufgabe. Dann frühstücken meine Frau und ich gemeinsam, wir halten unsere tägliche Andacht. Danach gehe ich einkaufen. Der Nachmittag ist zur freien Verfügung.“ Da liest er dann oder geht spazieren oder er widmet sich seinem sehr speziellen Hobby: dem Sammeln von Weinetiketten, und zwar ausschließlich von solchen der Weinsorte „Riesling Trockenbeerenauslese“. Er hat von allen, die seit 1911 verwendet wurden, ein Exemplar. Sie sind mittig auf blaues Papier geklebt, sorgfältig beschriftet, in Klarsichthüllen eingeordnet und chronologisch in roten Ordnern abgelegt. Theo Sorg ist sogar Mitglied im „Freundeskreis der Etikettensammler“.
Und noch etwas fällt ihm ein: „Seit wir hier in der kleinen Wohnung sind, haben wir keine Putzfrau mehr. So bin ich nun fürs Staubsaugen zuständig.“ Er lacht: „Lifelong learning, so nennt man das wohl.“
Bei aller Freude am Ausgleich und an der Herausforderung, war es nicht manchmal auch schwierig, gerade in Württemberg Bischof zu sein? Da wird Theo Sorg nachdenklich. „Es stimmt schon, die Auseinandersetzungen werden hier offener ausgetragen als anderswo. Aber gerade dadurch hat die Kirche auch Substanz. Und die Menschen in ihr können auf eine Weise streiten, dass keiner in seinem Glauben beschädigt wird.“ Und plötzlich leuchten seine Augen so, dass man nicht meinen will, dass dieser Mann 80 Jahre alt wird: „Nein“, sagt er und schüttelt energisch den Kopf. „Nein, ich wollte nirgendwo anders Bischof gewesen sein als hier!“
Birgit Mattausch
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