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Zwei Chefinnen auf einem Sessel


Petra Borch und Mirella Abate-Leibbrand teilten sich die Leitung des Seelsorge-Seminars

„Seid ihr das doppelte Lottchen?“, wurden sie gefragt, als sie die ersten gemeinsamen Termine wahrnahmen. Mirella Abate-Leibbrand und Petra Borch lachen heute herzhaft darüber. Acht Jahre haben sich die beiden Pfarrerinnen die Seminar- und die Kursleitung der Seelsorge-Fortbildung im Studienzentrum „Haus Birkach“ der Evangelischen Landeskirche Württemberg geteilt. Saßen beide sozusagen auf einem Chefinnen-Sessel.


Jede hatte 50 Prozent der Vollzeitstelle Seminarleitung sowie 25 Prozent der Halbtagesstelle Kursleitung inne. Dieses Arbeitsmodell, das die beiden entwickelt haben, ist ein Novum in der Kirche und wurde entsprechend aufmerksam beäugt. Eine Leitungsfunktion und damit eine Machtposition zu teilen, schien anfangs unvorstellbar. Weil dies in der Umsetzung dann auch noch ohne Probleme ablief, galt es fast schon als unspektakulär. Wenn Ende des Jahres dann doch Schluss ist mit der gemeinsamen Chefinnen-Sache, dann nur deshalb, weil die Stelle auf acht Jahre befristet ist.


"Menschen motivieren: Eine große Aufgabe"

Im Seminar für  Seelsorgefortbildung werden hauptamtliche und ehrenamtliche Seelsorgerinnen und Seelsorger für ihre Arbeit vorbereitet und begleitet. Das  Fortbildungsangebot  richtet sich an kirchliche Mitarbeiter wie Pfarrer, Diakone, Religionslehrer und an ehrenamtlich Tätige, die ihre seelsorgerliche Praxis reflektieren und neue Handlungsspielräume erproben wollen. Die beiden Pfarrerinnen  haben viele Menschen ausgebildet und für ihre laufenden Kurse einen Stamm von 33 neben- und ehrenamtlichen Dozenten gewonnen. Etwa für die Fortbildungskurse für Pfarrer und Dekane, Wochenendseminare und für die Kurse für ehrenamtliche Seelsorgerinnen und Seelsorger (KESS) in Krankenhäusern und Altenheimen. „Alle diese Menschen zu motivieren, war eine große Aufgabe“, sagen beide rückblickend.  Auf großes Interesse stieß auch der alle zwei Jahre stattfindende Seelsorgetag, den sie organisierten oder der Gottesdienst für Missbrauchsopfer während der Dekade gegen Gewalt.
Als die Leitungsfunktion des Seminars im Januar 2001 endlich erstmals an eine Frau ging,  war das neu. Dass es dann gleich zwei Chefinnen wurden, aufregend. Die Medien hatten sich bei ihrer Investitur für das Modell interessiert. Auch später seien sie immer wieder gefragt worden: „Geht es Ihnen beiden noch gut?“. Das habe sich dann aber nach etwa drei Jahren gelegt.


Unterschiedliche Arbeitsschwerpunkte

Petra Borch und Mirella Abate-Leibbrand (v.l.)

Wenige Tage und Wochen vor Amtsende sitzen Mirella Abate-Leibbrand und Petra Borch zusammen und lassen die gemeinsame  Leitungsaufgabe Revue passieren. Tür an Tür die beiden Büros im zweiten Stock des Hauses Birkach und über den Flur das Büro ihrer Büromanagerin, Sonja Steitz, ohne die, sagen beide, die Organisation des Seminars nicht möglich gewesen wäre. Anfangs waren sie noch gemeinsam auf offiziellen Terminen. Schnell jedoch hatten sie sich – neben der Leitung von Kursen – auf Arbeitsschwerpunkte festgelegt.  Mirella Abate-Leibbrand nahm sich  der Pfarrerinnen und Pfarrer der Personalentwicklungsstelle und der Seelsorgefortbildung  nach dem zweiten Examen an. Petra Borch führte in den Aufbaukursen und in der Lehrsupervision die Nachwuchsförderung weiter. Und sie vertrat das Seminar im Dachverband, der Deutschen Gesellschaft für Pastoralpsychologie. Gemeinsam haben sie das Seminar ausgebaut und Mitarbeiter gewonnen. Ohne diese nebenamtlichen Supervisoren und Kursleiter wäre die Arbeit des Seminars nicht möglich, sagen die beiden, die neben der Büromanagerin die einzigen Hauptamtlichen sind.


"Was passiert, wenn sich beide zerstreiten?"

„Und was passiert, wenn sich die beiden zerstreiten?“, diese Frage sei am Anfang ihres modellhaften Teilzeitprojekts auch im Raum gestanden. „Streit? Ja, aber mit konstruktivem Ausgang. Wenn wir uns auseinander gesetzt haben, was selten genug der Fall war, wurde es immer ein sehr kreativer Prozess“. Mirella Abate-Leibbrand und Petra Borch sind Freundinnen. Das waren sie schon vorher und sind es nicht erst durch die gemeinsame Arbeit geworden. Petra Borch liebt die Töchter ihrer Freundin sehr, sagt sie. Sie, die zierliche, blonde 56-jährige Witwe mit österreichischen Wurzeln war in den 80er Jahren Kursleiterin  von Mirella Abate-Leibbrand. „Später erst sind wir Freundinnen geworden“, sagt  die 62-jährige Norditalienerin mit Waldenser Wurzeln und einem Pfarrer der württembergischen Landeskirche als Ehemann. Ihre Seminarkurse hat sie auch in die Waldenser Kirche transportiert. „Ich bin Europäerin, das ist doch das schöne am evangelischen Selbstbewusstsein“,  sagt sie temperamentvoll. Morgens haben sie gemeinsam die Losungen gelesen und nach Feierabend waren sie ab und an im Konzert oder Theater, auch gemeinsamen Urlaub haben die beiden Familien schon gemacht und immer seien sie auch unter großer Belastungen im Job Freundinnen geblieben. Ihr Geheimnis? „Wir haben uns nicht nur ergänzt, sondern potenziert und sind eben nicht in Konkurrenz zueinander getreten“, sagen sie. Im Januar gehen sie nun beruflich getrennte Wege. Mirella Abate-Leibbrand wird Pfarrerin in der Diakonissenanstalt in Stuttgart und Petra Borch wechselt in das Team Schulseelsorge im Dezernat Bildung des evangelischen Oberkirchenrats.

Susanne Siebel [28. November 2008]

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