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Aus dem Talar in die Laufschuhe


Matthias Vosseler ist Marathonläufer und neuer Pfarrer an der Stuttgarter Stiftskirche

In den Katakomben der Stuttgarter Stiftskirche steht Matthias Vosseler vor einer grauen Betonwand, an der schwarz-weiße Porträtbilder hängen. Auf den leicht vergilbten Fotos sind alle württembergischen Landesbischöfe sowie die Prediger der Stiftskirche aus 500 Jahren zu sehen. Ehrfurcht vor der jahrhundertealten Geschichte der Kirche könnte diese Ahnengalerie ergrauter Männer einflößen. Doch Matthias Vosseler, der neue Pfarrer der Stiftskirche, steht lächelnd vor der Wand und betrachtet gelassen die Bilderreihe.


Matthias Vosseler vor der Stuttgarter Stiftskirche

Mit jedem Tag steige die Vorfreude auf das Amt des Stiftspredigers, erzählt Vosseler wenige Wochen vor seinem ersten Gottesdienst in der Stiftskirche. Zugleich ist ihm die Bürde dieses Amtes bewusst, doch schützt er sich gegen allzu hohe Erwartungen mit einer einfachen Methode: „Ich darf mich nicht verstellen und muss ich selbst bleiben“. Auf die Frage, welche seiner Fähigkeiten er hervorheben würde, antwortet er ohne zu überlegen. „Kommunikation fällt mir leicht. Ich führe gern Gespräche“. Gute Voraussetzungen für jemanden, der nicht nur für seine zukünftige Gemeinde, sondern auch für die täglich rund 1000 Besucher der Stiftskirche ein Ansprechpartner sein will. Als der Pfarrer darüber redet, wie wichtig ihm deshalb eine täglich geöffnete Kirche sei, merkt er, dass dieses Merkmal der offenen Tür auch ihn als Menschen treffend charakterisiert. „Ich gehe gern auf Menschen zu und finde leicht Zugang zu ihnen“, bestätigt er die gerade gewonnene Selbsterkenntnis.


In jeder Situation präsent

Prägend für den Pfarrberuf ist der tägliche und enge Kontakt zu den Mitarbeitern und Gemeindegliedern, findet Mathias Vosseler. Pfarrer sein bedeute, „mit anderen Menschen den Glauben zu teilen und Perspektiven für Menschen zu eröffnen“. Und es bedeute, sich ständig auf neue Situationen einstellen zu müssen. Religionsunterricht am Vormittag, Konfirmandenarbeit am Nachmittag, dazwischen eine Beerdigung – „es ist für einen Pfarrer wichtig, in jeder Situation präsent zu sein“. Dies gilt auch und vor allem für den sonntäglichen Gottesdienst. Doch immer weniger Menschen besuchen dieses zentrale Element des kirchlichen Gemeindelebens. „Natürlich sprechen wir mit der jetzigen Form des Gottesdienstes nicht mehr jeden an“, weiß der Theologe, der eine Kirchengemeinde gerne mit einem Garten vergleicht. Gegen neue Angebote wie Jugend- oder Abendgottesdienste habe er nichts einzuwenden, „auch in einem Garten werden immer neue Pflanzen eingesetzt“. Doch sei es auch wichtig, bestimmte Pflanzen zu hegen und zu pflegen. Dazu gehöre der Gottesdienst am Sonntagvormittag, der in seiner jetzigen Form beibehalten werden müsse. „Das Gesamtpaket mit Predigt, Kirchenmusik und Seelsorge stimmt an der Stiftskirche“, ist Vosseler überzeugt.

Sein persönliches Glaubenspaket schnürt der 38-Jährige sich jeden Tag. „Zwei Mal täglich habe ich meine festen Zeiten für Gott.“ Morgens liest er einen Bibeltext oder singt er ein Lied, um sich „einen Gedanken für den Tag mitzunehmen“. Abends überprüft er den Gedanken und reflektiert den Tag. Gut möglich, dass der Geistliche dann nicht nur ein Tagesgebet spricht, sondern auch seine tagesaktuelle Kondition bewertet. Denn Matthias Vosseler ist Marathonläufer, ein so erfolgreicher dazu, dass er sich als schnellster Geistlicher Europas bezeichnen darf. Beim Pfarrer-Marathon der vergangenen beiden Jahre in Luxemburg belegte er jeweils den ersten Platz. In diesem Jahr ließ er nicht nur Kollegen aus verschiedenen Ländern und Religionen hinter sich, sondern belegte in der Gesamtwertung mit über 2000 Läufern den 18. Rang


Beim Laufen kommen gute Ideen für die Predigt

„Man geht von einer Kraft zur anderen“, beruft Matthias Vosseler sich auf ein Zitat aus der Bibel, um sein Stehvermögen auf der Marathonstrecke zu erklären. Das benötige er auch im Pfarrberuf, „in dem man sich manchmal durchbeißen muss“, wie er zugibt. „Sowohl im Pfarramt als auch auf der Laufstrecke braucht man eine gewisse Zähigkeit. Das hat viel mit Selbstdisziplin und Selbstorganisation zu tun“, sagt Vosseler, der täglich mindestens eine Stunde lang läuft. In dieser Zeit verarbeitet er den Alltag, indem er ihn für die Dauer der Trainingseinheit ausblendet. „Schuhe an, raus aus dem Haus und Laufen – das ist für mich ein Ventil“, berichtet Vosseler, der sofort eine weitere Parallele zwischen dem Laufen und dem Pfarrberuf entdeckt. Beides habe trotz des Einzelkämpfertums viel mit Gemeinschaft zu tun. „Obwohl man alleine läuft, ist man gemeinsam unterwegs“ – das gelte für den Marathonläufer im großen Teilnehmerfeld ebenso wie für den Pfarrer in seiner Gemeinde.

Beim Laufen ist ihm schon manch gute Idee für die nächste Predigt gekommen, erzählt Vosseler. Für seine tägliche Arbeit noch inspirierender als das körperliche Training seien jedoch die spirituellen Erfahrungen, die er während seines Studiums und im Anschluss daran in Jerusalem gesammelt habe. Für ihn sei es eine prägende Erfahrung gewesen, „die Vielfalt der christlichen Kirchen zu spüren oder mitten in der Nacht in einer orthodoxen Kirche die stundenlange Liturgie zu erleben“. Noch heute zehrt er von diesen Erlebnissen in einer Stadt, die „faszinierend und schwierig zugleich ist“. Die insgesamt zweieinhalb Jahre im „Land der Bibel“ - eineinhalb Jahre davon verbrachte er als Studienassistent am Ökumenischen Seminar in Jerusalem – sei die wichtigste Zeit in seiner theologischen Ausbildung gewesen, stellt Vosseler rückblickend fest.

Es folgten das Vikariat in Kirchheim am Neckar, eine dreijährige Mitarbeit im Pädagogisch-Theologischen Zentrum der württembergischen Landeskirche und die knapp einjährige Dienstaushilfe beim Dekan in Bernhausen. Nun zieht Matthias Vosseler von Sillenbuch hinunter nach Stuttgart, mitten ins Zentrum, wo es weniger Laufstrecken gibt und die Luft schlechter ist als „oben im Wald“ rund um den Fernsehturm. Doch nimmt der Ausdauersportler diese Einbußen an Laufqualität gern in Kauf, um sich mit seiner neuen Stelle als Stiftsprediger einen Kindheitstraum zu erfüllen. Die Zahl seiner Trainingskilometer und Marathon-Wettkämpfe wird abnehmen, ist Vosseler sich sicher, der in diesem Jahr aber unbedingt noch ein Ziel erreichen möchte. „Es ist mir wichtig, als Stiftskirchen-Pfarrer bei der Stuttgarter Lauf-Cup-Serie auf das Siegertreppchen zu kommen“. Noch fehlt ihm dafür ein Volkslauf über 10 Kilometer, der ihm neben einer guten Platzierung auch wieder einen besonderen Moment bescheren könnte. Ein schönes Erlebnis sei es gewesen, als er einmal mit der untergehenden Sonne ins Ziel gelaufen sei. Als neuer Stiftskirchenpfarrer steht Matthias Vosseler noch am Start. Er wartet darauf, endlich loslaufen zu können.

Wolf-Dieter Retzbach [August 2008]


(Wieder)Eintritt in die Kirche
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