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"Mehr Leben ins Männerleben bringen"


Landesmännerpfarrer Markus Herb will Männern Mut machen, ihre Spiritualität auszuleben

Landesmännerpfarrer Markus Herb

Stuttgart. „Männer interessieren sich für Spiritualität und Religion“, sagt Markus Herb, evangelischer Landesmännerpfarrer in Württemberg und zitiert damit Ergebnisse der Studie „Männer in Bewegung. Zehn Jahre Männerentwicklung in Deutschland“, die vom Bundesfamilienministerium in diesem Jahr vorgestellt wurde. Entgegen dem Klischee, dass sich vor allem Frauen für die Kirche interessieren, seien Männer eine echte Zielgruppe für die Kirche. „Meist werden sie in unseren Gemeinden allerdings nicht als solche wahrgenommen. Es gibt Mutter-Kind-Kreise, Jugend-, Kinder- und Konfirmandenarbeit, Frauen- und Seniorenkreise. Aber wo finden Sie spezielle Veranstaltungen für Männer?“ Höchstens einmal ein „Männervesper“, aber das sei schon recht selten.

Ein zentrales Anliegen des Männerpfarrers ist es, „mehr Leben ins Männerleben“ zu bringen. Das bedeutet: „Die Männer müssen Kompetenzen, die sie früher hatten, wieder neu entdecken.“ Zum Beispiel im häuslichen Bereich und der Erziehung. „Zu Zeiten von Martin Luthers gehörte es zu den Aufgaben der Männer, die religiöse Erziehung der Kinder zu übernehmen.“
Auch müsste die Gesellschaft ihr vorgefertigtes Gewaltbild überdenken. Bis jetzt gelte der Mann zum Beispiel bei häuslicher Gewalt pauschal als Täter und die Frau per se als Opfer. „Übersehen wird hier, dass Männer auch Opfer von Gewalt sind, und dass es ungleich schwerer für Männer ist, mit diesen Erfahrungen erlittener Gewalt Gehör zu finden.“


Worüber Männer nicht reden

Markus Herb, der am Rand der Schwäbischen Alb aufgewachsen ist, studierte Theologie in Heidelberg, Tübingen und Marburg. Schon bei seiner zweiten Examensarbeit nahm er sich der Männer an, sowohl der biblischen als auch derer in den Kirchengemeinden heute.


Die praktische Männerarbeit begann in der Pfarrstelle in Gerabronn, die er sich mit seiner Ehefrau Andrea Rosenberger-Herb im Hohenlohischen teilte. Wie alles begann? „Das neue Gemeindehaus wurde mit einer Festwoche eingeweiht. Es wurden Veranstaltungen für Frauen, Kinder und Senioren geplant. Was aber wurde für die Männer geboten? In der Vorbereitungsphase kam uns der Gedanke, dass auch sie eine eigene Veranstaltung bekommen sollten. Diese stand unter dem Motto: „Worüber Männer reden.“ Das Ergebnis am Ende des Tages war eine Pinnwand mit beschriebenen Zetteln, allerdings unter einer neuen Überschrift: Worüber Männer nicht reden“, erzählt Herb. Im Grunde sei diese Erkenntnis der Startschuss für die Arbeit vor Ort gewesen. Zuerst organisierte er mit Mitarbeitern ein „Männervesper“. Dabei treffen sich Männer aus der Gemeinde, um gemeinsam zu essen, einen Vortrag über ein bestimmtes Thema zu hören und anschließend darüber zu diskutieren. Dann folgte ein Pilgerwegprojekt, in dessen Verlauf eine Gruppe von Männern einen Teil des Jakobsweges zurücklegte.


Markus Herb ist seit 2007 mit einem 50-Prozent-Auftrag Landesmännerpfarrer der württembergischen evangelischen Landeskirche. Seine Erfahrung ist: „Frauen sind in den Kirchengemeinden viel stärker präsent als Männer. Männer interessieren sich für das Praktische. Sie wollen Freiheit erleben und sich Dinge nicht vorschreiben lassen.“ So kämen zum Beispiel Wandertouren an, bei denen neben dem aktiven Teil des Gehens immer wieder geistige Impulse eingebunden werden.


Auch das „Mannsein“ sei in unserer heutigen Gesellschaft nicht einfach: „Jedem ist klar, dass Frauen oft vor der Aufgabe stehen, Familie und Beruf vereinen müssen.“ Früher sei der Beruf für Männer die einzige Lebensdimension gewesen. Heute sei die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch ein Männerthema, denn Männer möchten „nicht  nur Ernährer der Familie sein, sondern auch Erzieher der Kinder.“ Das müsse in der Gesellschaft vermittelt werden, um auf die daraus folgenden Bedürfnisse der Männer einzugehen: „Arbeitgeber sollten dafür sensibilisiert werden, dass Männer Energie und Zeit als Vater ihrer Kinder brauchen. Geschiedenen Vätern sollten die gleiche Möglichkeiten eingeräumt werden, den Umgang mit ihren Kindern zu pflegen wie den Müttern. Viele Väter werden heute nach der Trennung mit Hilfe der Gerichte regelrecht  „entsorgt“ und sie finden mit ihrem Leiden bislang gerade in der Kirche wenig Gehör.“ 

Das Aufgabenspektrum des Landesmännerpfarrers umfasst auch die Tätigkeit als Referent und Gesprächspartner bei Männervespern. Die Themen, die an diesen Abenden zur Sprache kommen, sind ganz unterschiedlich. Es geht um das Vaterbild, aber auch um „männliche Tabuthemen“ wie Sexualität, Tod, Partnerschaft, Religion und das aktuell herrschende Männerbild.

Ein weiteres Anliegen des 45jährigen ist es, den Männersonntag, der einmal jährlich, am 3. Sonntag im Oktober, stattfindet, landesweit bekannt zu machen. Letztes Jahr haben 30 Gemeinden in Württemberg teilgenommen. „Im Blick auf die Gesamtzahl der Gemeinden in Württemberg ist das eine – verglichen mit dem Weltgebetstag der Frauen – nur marginale Quote.“ Zum Männersonntag, der in diesem Jahr am 18. Oktober stattfindet, bereiten Männer die Gottesdienste für sich selbst und die Gemeinde vor. „Jedes Jahr gibt es ein anderes Schwerpunktthema und dazu Arbeitshilfen der Evangelischen Kirche in Deutschland“, wirbt Herb für das Projekt. „Dieses Jahr ist das Thema besonders spannend: Im Licht des biblischen Abraham wird die Männerstudie beleuchtet. Das Motto der Veranstaltung lautet: „… in ein Land, das ich dir zeigen werde: Männer in Bewegung.“


Männer in Bewegung

Im Juni kam Herb dem Wunsch von Männern auf eine Verbindung von Aktivität und Spiritualität auf eine besondere Art nach. Unter dem Motto „die Seele geht zu Fuß“ fand eine 50 Kilometer lange Pilgertour von Esslingen nach Tübingen statt. Die Männer wanderten die ganze Nacht durch, sie erlebten die Übergänge von Licht und Dunkel hautnah. Geistliche Impulse in Kirchen und unterwegs rundeten das Erleben ebenso ab, wie das Gefühl, eine Herausforderung bewältigt zu haben.

Wichtig ist dem Vater von vier Kindern, auch einen Schwerpunkt auf Veranstaltungen für Väter und deren Kinder zu legen. Dafür ist  Diakon Stephan Burghardt im Männerwerk zuständig. Dieser bietet Ausflüge und Freizeiten, wie Kajakwochenenden auf dem Neckar oder Wandertouren im Stubaital, an.

In der Landeshauptstadt ist im Frühjahr eines jeden Jahres etwas Besonderes geboten. „Da veranstalten wir den Stuttgarter Männertag“, erzählt Herb. „Daran nehmen Männer teil, von denen die Kirche träumt, dass sie kommen“, erzählt er begeistert. Es gibt da viele Männer zwischen 30 und 55 Jahre, gerade aus der Altersgruppe also, die in der kirchlichen Gemeindearbeit sonst nicht so stark verankert sei. Die ökumenische Veranstaltung bietet Workshops zu einem bestimmten Hauptthema an. Dieses Jahr hieß es beispielsweise: „Dein Typ ist gefragt“. In den Arbeitsgruppen ging es um Persönlichkeitstypen, um Partnerschaft und Ehe, die Auseinandersetzung mit biblischen Männertypen sowie den Übergang in den Ruhestand. Nächstes Jahr steht der Stuttgarter Männertag unter dem beziehungsreichen Titel: „Spiel mir das Lied vom Leben“.

Was seine Frau dazu sage, dass bei ihm die Männer im Vordergrund stehen? Die finde seine Arbeit gut. „Sobald das Mannsein in den Blick kommt, geht es immer auch um das Frausein. Es gibt nicht den Menschen allgemein, sondern eben nur konkret als Mann oder Frau. Die Themen der Männerarbeit bieten deshalb genug spannenden Gesprächsstoff auch zuhause“, erklärt Herb mit einem Lächeln.

Ann-Kathrin Radig

 

Nähere Informationen zum Männersonntag und zur Männerstudie gibt es unter www.maennerwerk.elk-wue.de,

der Freundesbrief und das Halbjahresprogramm sind zu bestellen bei: Evang. Maennerwerk in Württemberg, Postfach 1013 52, 70012 Stuttgart, E-Mail maennerwerk@dont-want-spam.elk-wue.de, Tel 0711 2068257


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