Engelsmund könnte die Kopie verraten
Karl-Ernst Sauer hat jahrelang mittelalterliche Altarbilder abgemalt
Er nennt es sein Gesellenstück und sein Meisterstück, aber bis jetzt hat sich noch niemand dafür interessiert, keine Handwerkskammer, auch kein Kunsthistoriker und kein Galerist. Weil ihm Malen Spaß macht, hat Karl-Ernst Sauer Bildtafeln mittelalterlicher Altäre kopiert.
Je zwei Jahre hat er gebraucht: zunächst für die Verkündung Mariä, und später für die Auferstehung Christi. Die Originalmalereien hängen in der Herrgottskirche in Creglingen, die vor allem für ihren Riemenschneider-Altar berühmt ist. Sauer ließ sich in der Kirche einschließen, legte Pergamentpapier über die Originale und zeichnete nach. Dann fertigte er Farbproben an. Das Auge des Laien erkennt keinen Unterschied zu den originalen Altarbildern, nur dass die Farbtöne auf Sauers Kopien leuchtender sind - so wie sie ursprünglich auch auf den Originalen geleuchtet haben müssen, bevor die Farben in Jahrhunderten nachdunkelten.

- Karl-Ernst Sauer in seinem Atelier
Sauer malte so wie Michel Wohlgemut und Jakob Mühlholtzer, die mittelalterlichen Maler: Abwechselnd trug er Temperafarbe und dann eine Harzöllasur auf. Für die Verzierung eines Brokatgewandes musste er experimentieren, weil auf Goldgrund zusätzliches Rot nicht haften wollte. Mit Geduld und Spucke – Sauers Spucke – hat es schließlich geklappt.
Von der Auferstehungsszene konnte Sauer keine Pergamentpause abnehmen, weil die Farboberfläche zu empfindlich gewesen sei. Er spannte weiße Wollfäden senkrecht und waagerecht wie ein enges Netz über das Bild und übertrug anhand dieser Hilfslinien die Christusfigur auf seinen Malgrund, eine grundierte Lindenholzplatte, die wiederum auf einer Sperrholzplatte aufgebracht ist.
Karl-Ernst Sauer hat sich hineinversenkt in diese Arbeit und eine Erfahrung gemacht, die er so richtig nicht beschreiben kann. Irgendwie mystisch, jedenfalls scheint er begriffen zu haben, warum mittelalterliche Maler Maria und den Engel und den auferstandenen Jesus genau so gemalt haben wie sie in Creglingen zu sehen sind: unwirklich, ergeben, makellos und still. Nur das Mündchen des Verkündigungsengels hat Sauer vielleicht ein klein wenig mehr geschwungen als sein Kollege aus dem Mittelalter.
Hauptberuf: Stromverkäufer, Hobby: Kirchenmaler

- Bleistifte und Ölfarben gehören zum Werkzeug des Kirchenmalers
Sauer hat nie vom Malen leben müssen, er war Elektroingenieur, seit 1962 im Elektrizitätswerk in Schäftersheim, einem Ortsteil von Weikersheim. In Schäftersheim habe es ihm auf Anhieb gefallen: „Hier hatte ich alles, was man in der Stadt nicht haben konnte“: Pferde, ein Haus und liebliche Natur rundherum, inklusive Weinberge. Er hatte regelmäßig Bereitschaftsdienst, musste dann eine Woche zu Hause bleiben und zur Verfügung stehen, falls im E-Werk etwas schief ging. In der Zeit habe er gemalt. Fast in jedem zweiten Haus der Umgebung gebe es Bilder von ihm. Vor allem Kunstmappen mit reproduzierten Bleistiftzeichnungen hätten sich gut verkauft, Ortsansichten, ländliche Szenen, Natur und unzählig viele Kirchen der Region.
In der Erde habe er gegraben, um bauliche Überreste eines Prämonstratenserklosters in Schäftersheim zu finden und zu erfahren, wie der Ort früher einmal ausgesehen hat. Er hat historische Quellen studiert und Historienspiele ausstaffiert von den Kostümen bis zu Texten, den Aufrührer während des Deutschen Bauernkrieges in Schäftersheim gesprochen haben könnten. Als im Nachbarort Röttingen das 900. Ortsjubiläum anstand, entwarf Sauer dafür 200 Kostüme.
Schäftersheim liegt an der Romantischen Straße, und dieser Zeit fühlt Karl-Ernst Sauer sich künstlerisch am meisten verbunden. Würde er anders malen, wenn er sein Hobby zum Beruf gemacht hätte, so wie sein Vetter, der deshalb in ärmlichen Verhältnissen hatte leben müssen? Ja, sicher, „modernen Schnickschnack“ hätte er wohl beigebracht bekommen auf einer Kunstakademie. Nein, schiebt er nach, er hätte eben zeitgemäßer gemalt, und macht eine abwehrende Geste, als sei er froh, dazu nie gezwungen gewesen zu sein. Im Hauptberuf habe er Strom verkauft und darüber hinaus seinem Hobby gefrönt.
Die Krönung seiner Malerei seien die Kopien: Gesellenstück und Meisterstück, wie Sauer sie immer wieder nennt. Was seine Familie dazu meinte, dass er sich zwei Mal zwei Jahre lang ins Kopieren religiöser Motive versenkte und auch sonst viel Zeit mit Stift und Pinsel verbrachte: „Die haben sich dran gewöhnt, denen blieb gar nichts andres übrig“, sagt der 71-Jährige. Früher habe er seine Bilder gut verkauft und auch viele Ausstellungen gehabt, aber das ist ihm heute scheinbar alles nicht mehr wichtig. Was ihm noch ein Anliegen ist: Dass seine Kopien in einer Kirche zu sehen sind, in der Wertheimer Stiftskirche zum Beispiel, das wäre vielleicht möglich, hat ihm ein Archivar gesagt. Noch stehen die Bilder im Depot eines Kirchenmalermeisters in Bad Mergentheim.
Astrid Günther




